Reisen
Über den Napf, Gopf.
Wer zwischen den bekannten Routen von Zürich nach Bern fährt, entdeckt eine andere Schweiz. Ein Tourenvorschlag für ein trockenes Winter-Wochenende mit garantiertem Aha-Erlebnis auf dem Napf. Dres Balmer
Neun Kilometer nach Zürich beginnt das Gebirge. Die Buchenegg ist
ein richtiger kleiner Pass im Westentaschenformat mit Serpentinen und
allem Drum und Dran wie Obstbäume, Leitplanken und Kuhweiden. Zwanzig
Minuten lang geht es scharf aufwärts, und man muss aufpassen, dass es
einem so kurz nach dem Frühstück nicht auf den Magen schlägt. Das ist
auf dem Weg nach Westen der erste Moränenkamm, und weitere werden
folgen: Der Mühliberg, der Zwilliker, der Lindenberg, der Erlosen und
wie sie alle heissen. Eine andere Welt, Hügel um Hügel, See um See,
Wald um Wald, Weide um Weide, Bauernhof um Bauernhof, Saumästerei um
Saumästerei. Und mittendrin, im Kloster Muri, sind die Herzen von ein
paar Habsburgern eingemauert. Überall am Strassenrand stehen
Wahlplakate der SVP, grün in grün, mit dem Slogan: «Damit wir nicht
Fremde im eigenen Land werden.» Dörfer mit sieben Beizen, von denen
jede an einem anderen Tag sich ausruht.
Zum Beispiel Hitzkirch,
eine unförmige Ansammlung von Häusern mit mordsmässiger Kathedrale,
Mosterei und künstlich aufgebauter Ruinenstadt für Zivilschutzübungen.
Hier steht auch das Tea-Room Hilti, wo sich die grünen Witwen treffen
und über Hingis, Jackpot und Krampfadern tratschen. Ohne die guten
Kuchen wäre die Ambiance nicht auszuhalten, sagt mein Begleiter Röbeli.
Unsere Reise führt durch die Suisse profonde. Fremde im eigenen Land?
Genau so kommen wir uns hier vor. Das kann auch positive Seiten haben.
Waren Sie schon einmal auf dem Bänklein im kleinen Rosengarten bei der
Kathedrale Beromünster? Oder beim Landessender, einem wahnsinnigen
Stangenmast, dessen Spitze im Nebel verschwindet, so dass man denkt, er
sendet seinen Hudigäggeler Fünfeinundreissig ins Weltall? Sursee,
Willisau, die Qual der Wahl an schönen Dorfplätzen, die kein Fremder
kennt, an gemütlichen Kneipen, in denen ausschliesslich Einheimische
sitzen.
Man könnte philosophisch werden: Von Bern nach Zürich sind
es in der Luftlinie bloss neunzig Kilometer. Die grossen Bahn- und
Strassenachsen machen einen Bogen nach Norden, die meisten Züge und
Autos legen etwa 140 Kilometer durch das Mittelland zurück. Die
Südvariante über Luzern und Entlebuch ist etwa gleich lang und viel
hübscher, aber etwas umständlich, und die Autofahrer bekommen Vögel.
Und zwischen diesen beiden Bögen liegt die Direttissima, die keine ist,
denn die Strasse muss sich immer wieder dem hügeligen bis
verschachtelten Terrain anpassen, und so wird die Direttissima zur
längsten Variante. Genau das Richtige für Velofahrer. Die Route führt
durch unbekannte Gegenden im eigenen Land: Die drei Seen zwischen Aarau
und Luzern und vor allem das Napfgebiet, geheimnisvoller Mittelpunkt
der Schweiz. Und noch etwas Philosophisches: Von Bern nach Zürich
braucht die Eisenbahn siebzig, ein Auto neunzig Minuten, ein Velofahrer
zwei, ein Wanderer vier Tage.
Die Schweiz ist weggeknipst
Unter einem bleiernen Hochnebeldeckel sind wir in Zürich losgefahren,
der, je weiter wir nach Westen kommen, noch bleierner zu werden
scheint. Normale Velolustfahrer haben ihre petite reine längst gefettet
und an die Wand gehängt, doch Röbeli und ich können es auch im Herbst
und Winter nicht lassen, sogar in der kalten Jahreszeit zappeln die
Beinchen weiter, wenn auch mit geringerer Kadenz. In Hitzkirch haben
wir den Bauch aufgewärmt, ein weiterer Kaffee ist in Sursee angesagt.
Auf der Strecke Sursee-Willisau scheinen sie mit dem Verkehr der A1
Konkurrenz machen zu wollen, doch neben der Strasse verläuft ein
Veloweg. Als wir ein paar Kilometer nach Willisau, in Hüswil, nach
links abbiegen und die Steigung zum Dach der Tour, dem Napf, unter die
Räder nehmen, ist die geschäftige Schweiz wie weggeknipst. In Luthern,
genau in der Kurve, wo sich die Steigung verschärft, steht der Gasthof
Sonne. Auf einer Schiefertafel am Eingang steht METZGETE geschrieben.
Ich sage zu Röbeli, dem Vegetarier: «Heute ist Blut- und
Leberwurstwetter.» Röbeli sagt: «Wer so etwas isst, ist selber ein
Schwein.»
Zwei Stunden später hängen wir den Helm an den Lenker und
schalten in den kleinsten Gang. Nach vier Kilometern sind wir in
Luthernbad, und hier ist die Strasse, hoppla, zu Ende. Vor uns steigt
ein Bergweg senkrecht hinauf in den bleiernen Nebel. Röbeli sagt: «Ich
kehre um, diesen Napf brauch ich nicht, Gopf.» Ich sage: «Oben wird
goldener Sonnenschein dein Herz erfreuen, und wenn Du mitfährst,
Röbeli, zahle ich dir Gopf ein Bier.» Und dann sagen wir länger als
eine Stunde nichts mehr. Die bleierne Decke bekommt einen Blauschimmer,
dann sehen wir auf dem Weg unsere Schatten, und plötzlich sind wir im
wärmsten Sonnenschein. Noch ein paar Höhenmeterchen, und wir stehen auf
dem Napf-Plateau, einer Sonnenbühne mit einem schönen, alten Hotel aus
Holz. Hundert gut gelaunte Menschen blinzeln in die Sonne und geniessen
das Leben, und jetzt sind es hundert und zwei.
Die Bergwanderung
dauert noch eine gute Stunde bis zur nächsten Strasse, dann gibt es
eine Sause hinunter nach Trubschachen. Je näher wir Bern kommen, desto
schöner wird das Wetter, und wir fahren, meist leicht abwärts, mitten
in die untergehende Sonne hinein, EX OCCIDENTE LUX.
Information:
Eckdaten:
Die beschriebene Tour ist 170 km lang und hat im Aufstieg rund 2’500
Höhenmeter. Route: Zürich (410) - Adliswil - Bucheneggpass (786) -
Aeugstertal (ca.600) - Mühlibergpass (ca.650) - Affoltern a.A.-
Ottenbach (412) - Muri AG - Müswangen/Lindenberg (860) - Hitzkirch
(498) - Herlisberg (811) - Beromünster - Sursee (508) - Mauensee -
Willisau - Hüswil - Luthern - Luthernbad - Napf (1408) - Trubschachen -
Langnau - Signau - Grosshöchstetten - Worb - Bern (540).
Wer die Napf-Variante wählt, muss 3 Stunden anstrengende Fusswanderung
einrechnen und das Velo schieben, an gewissen Stellen über Wurzeln und
Stufen tragen. Wem das zu mühsam ist, der nimmt die Route Hüswil -
Huttwil - Sumiswald - Langnau, und fährt dann weiter wie oben
beschrieben. Diese Route ist rund 20 km länger, hat aber 900 Höhenmeter
weniger.
Kost und Logis:
Jede Menge Gasthäuser stehen an der Route. Ganz aussergewöhnlich ist
aber das Berggasthaus Napf, wo man auch im Winter essen und übernachten
kann. Die Übernachtung mit Frühstück kostet im Massenlager Fr. 32.–,
für Kinder bis 16 Jahre Fr. 22.–, im Zimmer Fr. 55.–, bzw. Fr. 40.–
Tel. 034 495 54 08.
Dokumentation:
Velokarte Schweiz 1:275’000; wer es genauer nimmt, die Blätter 2, 8 und
10 der Velokarten im Massstab 1:60’000. Alle sind bei Kümmerly und Frey
erschienen.