Reisen
Hinter den sieben Bergen
Zwischen Grenoble und Valence liegt das Vercors, ein in sich geschlossenes Voralpenmassiv mit einer Fläche von 950 Quadratkilometern. Kleine, gute Strassen durch Schluchten und Wälder, über Hochplateaux und gut zwei Dutzend knackige Pässchen sowie verschlafene Gasthöfe sind Stichworte eines Paradieses für fitte RadlerInnen. Dres Balmer hat das Gebiet in einer kleinen Woche erkundet. Dres Balmer
Hundertmal schon sind wir mit der Eisenbahn den Flüssen Isère und
Rhône entlang nach Süden gefahren und haben linker Hand die
geheimnisvollen Felsen des Vercors gesehen und uns gedacht: Dort muss
das märchenhafte Land hinter den sieben Bergen liegen. Und nun sind wir
mitten drin. Jahrhundertelang hat die Geschichte der Menschen das
topografische Unikum Vercors in Ruhe gelassen, denn Geschichte
entwickelt sich in Städten, in Ebenen oder in weiten Flusstälern und
vor allem an grossen Strassen. Von alldem ist das Vercors das pure
Gegenteil: Es besteht aus tausend Hindernissen. Von dem halben Dutzend
Zufahrtsstrassen ist eine dramatischer als die andere, sie führen über
Serpentinen, von denen man einen wirren Schädel bekommt, über luftige
Felsbalkone und durch Schluchten, die so finster wie Höhlen sind, und
oben sind ein paar Hochtäler, über die der raue Wind zieht.
Wen
wunderts, dass die französische Résistance während des Zweiten
Weltkrieges gerade hier ihre Kräfte konzentrierte und sich von den
Alliierten aus der Luft versorgen liess? Es bestanden Pläne,
gleichzeitig mit der Landung in der Normandie Luftlandetruppen im
Vercors abzusetzen und so eine weitere Front aufzubauen. Davon bekamen
auch die deutschen Besatzer Wind, und im Juli 1944 veranstalteten die
Truppen der Waffen-SS, die mit Transportseglern abgesetzt worden waren,
im nahen Dorf Vassieux ein fürchterliches Massaker, das den latenten
Hass auf die Deutschen bis vor wenigen Jahren kräftig nährte. Ein
martialisches Museum in Vassieux zeugt davon. Doch die jüngeren
Generationen blicken in die Zukunft, nach Europa, und die fürchterliche
Episode versinkt langsam in der Vergangenheit.
Die Pastis-Experten
Der Wind singt in den Tannennadeln, das Licht wird schon abendlich
golden. Keine Menschenseele, kein Auto. Ein Specht hämmert. Bald sind
wir in La Chapelle-en-Vercors, wo wir Quartier beziehen. Schon geträumt
vom verschlafenen Landgasthof in der französischen Provinz? Hier ist
er. Die Küche ist exzellent-regional, wenn auch fleischlastig. Die
Gäste, die ins Vercors kommen, sind angegraute Kleinbürger, die das
Leben von der beschaulichen Seite angehen. Sie unternehmen mit dem
Pudel Spaziergänge und schnuppern gute Bergluft. Aktivferien-Getue
liegt ihnen fern. Dafür haben sie Kenntnisse im Radsport, wie es sich
für Franzosen, Belgier und Niederländer gehört. Bei unserer Ankunft
wuchten sie ihren
embonpoint aus der Hollywoodschaukel, kommen über den Kiesplatz zu uns herüber, begutachten
les très belles bicyclettes,
fragen nach der Stärke des Ritzelgebisses und staunen, dass wir vorn
nur zwei Zahnkränze haben. Sie beginnen zu schwärmen von ihren
velozipedischen Grosstaten,
vous savez, quand j'étais jeune, hé hô, n'est-ce pas, Jules?
..., dabei sind sie kaum älter als wir. Sie schwadronieren von der Alpe
d'Huez, von den Pyrenäen und vom Ballon d'Alsace. Auf unsere Frage,
warum sie denn nicht mehr radeln, werden gestenreich mehrere Gebresten
vorgebracht,
avec l'âge, vous savez …, beim einen ist es die Milz, bei andern das linke Ohr, doch bei allen gilt:
Cherchez la femme. Die Frau also war es leid, im Auto hinterher zu fahren. Recht hatte sie, die Frau.
Radkultur haben sie halt, die Franzosen. Die Tour de France ist –
Doping hin oder her – ein kulturelles Monument wie der Louvre und die
Académie française, mit dem Unterschied, dass die Tour eine wirkliche
Volkskultur des Velos fördert. Die Herren mit den Bäuchlein laden uns
ein zum Pastis, denn wir sind schon fast in der Provence. Dazu gibt es
Oliven aus Nyons, das auch im Département de la Drôme liegt und als
nördlichster Landstrich gilt, in dem Oliven noch wachsen. Diese
abendliche Geschmackskombination von Pastis-Lakritze und Oliven, die
nur hier so wunderbar schmeckt, wird unserem Gaumen eine Woche lang
treu bleiben. Aber nicht nur dies: Unser Embonpoint-Klub ist stets treu
zur Stelle, wenn wir am Morgen losfahren oder am Abend heimkehren. Sie
halten unser Velo vorsichtig wie ein Porzellantässchen, wenn wir die
Reifen aufpumpen, sie wollen wissen, was unsere Pläne sind, und am
Abend fragen sie nach Höhenmetern, Distanzen und Zeiten.
Doch
natürlich trinken wir nicht nur Pastis, und natürlich diskutieren wir
nicht bloss mit den Theoretikern. Jeden Tag nehmen wir uns eine andere
Schlaufe vor, mal achtzig, mal hundert, mal hundertzwanzig Kilometer,
und jeden Tag lernen wir ein neues Vercors kennen. Wer ein paar warme
Sommertage erwischt, glaubt sich plötzlich in ein Velo-Traumland
versetzt, allerdings eines mit viel süssem Schweiss. Hunderte Junge,
Alte, Dicke und Dünne und auffallend viele Frauen auf Rennvelos sind
auf den kleinen Strassen unterwegs, und hier sind sie die Prinzessinnen
und die Könige des Asphalts. Die Autofahrer sind unglaublich
zuvorkommend und rücksichtsvoll. Hie und da ruft eine vorüberfahrende
Autofahrerin aus dem offenen Fenster: «Ah, quel courage, ah, quels
mollets!» Das scheint hier der Standardspruch zu sein. Wir fühlen und
natürlich geschmeichelt, und wir hören ihn gerne.
Information:
Allgemein:
Auf dem dichten, guten und verkehrsarmen Asphalt-Strassennetz des
Vercors bietet sich eine Fülle von Eintages-Rundtouren, die man nach
Belieben kombinieren kann. Kaum ein Meter ist waagrecht, man sollte am
Velo kleine Übersetzungen haben.
Anreise: Mit dem Zug bis Grenoble, von dort per Velo oder Bus hinauf ins Vercors. Busse und TGV transportieren das Velo im Sack gratis.
Unterkunft:
Sehr behaglich ist das Hotel Bellier in La Chapelle-en-Vercors. Die
Übernachtung im Doppelzimmer ohne Frühstück kostet im Liebesbett FF 190
pro Person. Gute Arrangements für Halbpension auf Anfrage.
Tel 0033 475 48 20 03, Fax -48 25 31
Kultur: Im Vercors gibt es ein paar schrullige Museen. Auskunft im Verkehrsbüro von La Chapelle-en-Vercors.
Dokumentation:
Den Führer «La Drôme à vélo» und die Cyclocarte 1:100’000 kann man
beziehen beim Comité du Tourisme de la Drôme, 31, avenue du Président
Herriot, F-26000 Valence, Tel. 0033-475 82 19 26, Fax 0033-475 56 01 65.
Die Michelin-Strassenkarte l:200 000, Blatt 77, tuts auch.