Reisen
Handelsstrassen im Jura
Eine unberührte Landschaft, ruhige Strassen, überraschende Naturschönheiten und viele schmucke Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint – so präsentieren sich weite Teile des französischen Jura. Zudem lernen wir eine Gegend kennen, mit der uns eine wechselvolle Handelsgeschichte verbindet. Roman Stahel macht einen Tourenvorschlag.
Eigentlich genügt ein
Wochenende. Wir packen samstags unser Rad, kaufen ein Bahnbillett und
lassen uns auf über 1000 Meter auf die Jurahöhen tragen – und schon ist
eine relativ bequeme Velotour garantiert. Denn Richtung Frankreich
senkt sich der Jura in mehreren Plateaus stufenweise, bis auf die Höhe
von Besançon und an den Endlauf des Doubs. Dieser Abwärtsbewegung
folgen wir bis zum Tagesziel und lassen uns am Sonntag vom Zug wieder
in die Schweiz zurückbringen. – Darfs aber ein bisschen mehr sein als
nur ein Wochenende?
Hin auf der Salzstrasse
Viele Strassenpässe überqueren den Jura. Einer davon ist der Col des
Etroits bei Ste-Croix. Über diesen Pass transportierten schon die
Kelten und Römer die Waren aus ihren französischen Gebieten in die
Westschweiz; über diesen Pass gelangte im 18.Jahrhundert das Salz aus
den nordwestlichen Randgebieten des Juras zu den Gnädigen Herren nach
Bern; und über diesen Pass müssen auch wir uns kämpfen, wenn wir den
Weg des Salzes weiter verfolgen wollen. Die Strecke vom kleinen Bahnhof
durchs Dorf ist nicht allzu lang, aber steil. Auf der Passhöhe fällt
uns der starke Verkehr auf: Noch heute wird die Verbindung rege
benutzt, vor allem Richtung Val de Travèrs. Und die Panzersperren –
dicke, in spitzem Winkel abgeflachte Betonwürfel – deuten auf ein
gewisses Sicherheitsbedürfnis hin.
Auf weitere Zeichen ersehnten
Schutzes stossen wir kaum mehr: Vielleicht da und dort ein verborgener,
halb verwahrloster Bunker, vielleicht auch das Château de Joux: Dieses
Schloss thront weitherum sichtbar auf einem Felssporn und bleibt lange
Zeit unser Blickfang. Ein strategisch wichtiger Punkt. Seine Bedeutung
wird klar, wenn man weiss, dass Salz in früheren Zeiten ein überaus
wertvolles und begehrtes Handelsgut war. Der Transport musste besonders
gut bewacht werden.
Heute können wir auf diesen Schutz
verzichten. Umso mehr braucht ihn die Natur, die Landschaft, durch die
wir fahren, und welche uns als die grünste Region Frankreichs gepriesen
wird. Immer neue Panoramen aus Wiesen und Wäldern breiten sich vor uns
aus, kaum Häuser, wenig Dörfer. Dazwischen einige Seen und die sie
umgebenden Sumpfgebiete, die
tourbières, die ganz besonders
wild und unberührt sind, und die seltene Pflanzen und Tiere
beherbergen. Und immer wieder wird uns Ausblick gewährt über weites
Land, und es wartet mit immer neuen Überraschungen auf. Etwa bei der
Kapelle in der Nähe von Boujailles. Unser Blick schweift über leicht
gewellte Hügel. Auf der nahen, gut ausgebauten Strasse kaum Autos. Die
grossen Verkehrsachsen ziehen weiter nördlich vorbei. Wir geniessen die
Ruhe.
Eine Originalstrecke als alte Zeugin
Ganz in der Nähe stossen wir noch auf die Überbleibsel einer alten Handelsroute, auf die Passage taillée de Chalamont.
Wir lassen das Velo unten auf dem Parkplatz stehen und gehen zu Fuss.
Durch mehrere «Hohle Gassen» steigt der schmale Weg bergan, nicht weit,
vielleicht einen Kilometer, auf Steinplatten, die vor Jahrhunderten
ausgelegt worden waren, und in denen die Spuren der Karren deutlich
sichtbar sind. An verschiedenen Stellen sind zwei parallel geführte
Rillen tief eingegraben, relativ eng nebeneinander. In diese Art
Schienen mussten sich die Karrenräder einfügen, wenn sie flott voran
kommen wollten, sonst stand das Gefährt gefährlich schräg und drohte zu
kippen. Dann verlief der holprige Transport noch mühsamer, dann
gesellte sich zum beschwerlichen Aufstieg noch die Seitenlage.
Grässlich. Wir haben Mühe, uns das realistisch vorzustellen. Und zu
allem Ärger kam noch hinzu, dass die Handelsleute – endlich oben
angekommen – von hohen Abgaben gebeutelt wurden. Die Steuervögte hatten
hier ein bewehrtes Zollhaus errichtet und verlangten ein happigen
Batzen, bevor sie die Weiterreise erlaubten.
Durch
das weite Gebiet des Joux-Waldes – die Region war lange Zeit
Holzlieferant für den Salzgewinnungsprozess, bis sie fast gänzlich
abgeholzt war und im 18. Jahrhundert wieder aufgeforstet wurde –
gelangen wir nach Nans-sous-Ste-Anne. Dieses Dorf liegt
sinnberückend in einem Talkessel, und ganz in der Nähe befindet sich
ein Naturschauspiel erster Güte: die Lison-Quelle. Wasser, Wald, Fels,
Höhlen.Eigentlich sind es ja keine Quellen, sondern sogenannte résurgences,
im porösen Gestein versickerte Wasserläufe, die wieder ans Tageslicht
treten. Im Fall der Lison-Quelle durch ein grosses, ovales Felsmaul,
das von weiteren, senkrecht aufragenden Felsgebilden umsäumt ist. Wir
stehen wie vor einem gotischen Kathedralenturm, und das leise Schauern
rührt nicht nur von den feinen Tropfen, die vom Wasserfall herüberwehen.
Auf der Zinnstrasse retour
Über die schweisstreibende Anhöhe von Amancey radeln wir ins Loue-Tal.
Ähnlich wie der Lison entspringt auch die Loue einem phänomenalen
Felstor. Die Quelle ist der Anfang einer tiefen, abschüssigen Schlucht,
die sich schnell zu einem lieblichen Tal wandelt. Und in diesem Tal, am
Ufer des Flüsschens, das vom Doubs genährt wird und nach einigen
Mäander-Runden wieder zu seinem Ernährer zurück fliesst, liegen
romantische Dörfchen. Dieses Tal fahren wir von Ornans her aufwärts. So
bewegen wir uns in der gleichen Richtung, wie sie vor gut 2500 Jahren
von Handelsreisenden eingeschlagen worden war, als sie Zinn von den
Bergwerken Cornwalls ins ferne Griechenland transportierten, wo daraus
die neu entwickelte Bronze gegossen wurde. Der Weg führte zuerst über
den Ärmelkanal, dann über die Flüsse Seine, Saône, Doubs und Loue
hinauf. Schliesslich gings auf dem Landweg weiter, durch die Klus von
Pontarlier und durchs Val de Travèrs ins Schweizer Mittelland. Über den
Grossen Sankt Bernhard und auf dem Po in Oberitalien gelangte das Zinn
an die Adria und nach Griechenland. Quer durch ganz Europa zog sich die
Route – eine ungeheure Leistung für die damalige Zeit. Die gleiche
Strecke wählen wir zum Abschluss unserer Velotour, bewältigen aber nur
einen klitzekleinen Teil dieses alten Handelsweges. Am leichtesten sind
die Abfahrten nach Fleurier, nach Noiraigue oder gar bis Neuchâtel.
Jedenfalls eilt uns die Geschichte dauernd mit Riesenschritten
hinterher…
Infos Jura:
Reise: Hinfahrt via Yverdon nach Ste-Croix. Rückfahrt ab Mouchard oder Besançon mit dem Zug in die Schweiz.
Sehenswertes: Ste-Croix/L'Auberson: verschiedene Automaten-Museen
Nans-s/s-Ste-Anne: wasserbetriebene Sichel-Schmiede
Ornans: Museum des berühmten Malers Gustave Courbet
Pontarlier: Kirche St-Bénigne
Dokumentation: Michelin-Führer Burgund/Jura
Kartenmaterial: Michelin Nr. 243 (1 : 200’000)
IGN Nr. 38 (1 : 100’000)
Kümmerly+Frey/VCS Nr. 12 (1 : 60’000) (teilweise)