
Im Mai ist alles wunderbar. Die Vögel zwitschern, die lauen
Lüftchen streichen über die epilierten Waden, es riecht nach frischem
Gras. Alle haben ihr Velo auf Hochglanz poliert, die Speichen glitzern
in der warmen Sonne. So berauscht sind die Sinne, dass der verbissenste
Ökolo versöhnlich wird und trotz lästigem Autoverkehr die Landschaft
ideal findet.
Im Winter sieht alles anders aus, und auch die
Radlerseele ist nicht in derselben Verfassung wie im Sommerhalbjahr.
Todesverachtung ist angesagt, Abschied von behaglicher Traulichkeit.
Wer die Winterrüstung überzieht und ein paar Regeln beachtet, wird aus
dem Abenteuer gestärkt hervorgehen – oder mit einer Erkältung im Bett
landen.
Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist der Kampf um den Platz im
Stadtverkehr noch ätzender als im Sommer. Wie kurz das Gedächtnis der
motorisierten Mitmenschen doch ist: Schon scheinen sie vergessen zu
haben, dass es auch noch Velos gibt, und sie fahren im Winter noch
rücksichtsloser als sonst. Quaibrücke, Bellevue, dann Autobahn bis
Zollikon. Es rollt, es brettert, es nietet, es bolzt auf klobigen
Winterreifen. Ganz am rechten Strassenrand hat man auf weite Strecken
gnädigst mit einer gelben Strichellinie einen Velostreifen abgetrennt.
Doch im Winter vereinsamt so ein Streifen, er verelendet und verdreckt.
Die Obrigkeit vergisst ihn zu putzen, und dort, wo er nicht zum
Parkstreifen umfunktioniert wird, verkommt er zur Müllkippe. Auf einer
Grundschicht von russigem Rollsplitt liegen Scherben, Radkappen,
Zigarettenschachteln, Pampers. So hindernisreich ist zuweilen die Fahrt
durch die Spuren der Zivilisation, dass man der Einfachheit halber
knapp an der Strichellinie fährt und den Radstreifen nur zum Ausweichen
braucht.
«Um den See fahren» klingt idyllischer, als es ist, denn
das Zürcher Meer bekommt man nur selten zu Gesicht. Im Grunde genommen
kämpft man sich von Zürich bis Rapperswil durch ein nicht enden
wollendes Siedlungsgeschwür, das links und rechts von der Strasse
wuchert. Übrigens, und das wäre der erste Grundsatz für heroische
RillentreterInnen, umrundet man das MARE TURICENSE besser im
Uhrzeigersinn, so dass man das Wasser immer zu seiner Rechten hat; hier
gibt es viel weniger Strasseneinmündungen als auf der Landseite, die
Fahrt ist sicherer und regelmässiger.
Adrenalinreicher Seedamm
«Die Häuser, sie stehen wie Gräber», sang einst Wolf Biermann, und
nirgends ist es wahrer als hier. Vom Bellevue bis nach Rapperswil ist
es ein 32 Kilometer langer Häuserfriedhof hin, und von Pfäffikon bis
zum Bellevue sind es 33 Kilometer Häuserfriedhof zurück. Dazwischen
sind die vier Kilometer Seedamm, häuserlos und luftig zwar, doch
adrenalinreich, weil sich hier ein grosser Teil der Autosauerei des
Mittleren Ostens ebenfalls durchquetscht.
Grabstein an Grabstein, gesichtslos, eintönig, ohne nennenswerte Steigung und gleich in gleich.
Wohnhäuser, Garagen, Kläranlagen, Kneipen, Gärtnereien, Industrie,
Schiffswerften und Firmen, die sich vom Einerlei durch pompöse
Namensgebungen wie GRABMAL-CENTER und TEPPICH-FORUM abheben möchten und
so den Einheitsbrei nur noch verdicken. So einerlei ist das
turicensisch-lakustrische Einerlei, dass ich auch nach fünfhundert
Rillenfahrten noch nicht fähig bin, die Käffer an der Gold- und an der
Pfnüselküste in der richtigen Reihenfolge herzusagen. Gibt es also
einen ernstzunehmenden Grund, sich mit dem Velo auf die Rille zu machen?
Ja. Das Tea-Room Müller am Stadthofplatz in Rapperswil. Es öffnet
täglich um halb acht Uhr morgens, auch am Sonntag. Und damit wären wir
beim zweiten Grundsatz für unerschrockene Rilleusen und Rilleure. Fahrt
früh los, und möglichst am Samstag oder Sonntag, also zum Beispiel
Start am Bellevue um sechs Uhr morgens (!), dann seid ihr bei
gemütlichster Fahrt auf verkehrsarmer Strasse genau dann in Rappi, wenn
Müller das Portal seiner duftenden Kuchenkathedrale zur
kalorienbombastischen Frühmesse eröffnet.
Müllers stets frische Back- und Konditoreiwaren vom einfachen Gipfeli über belegte Brötchen
bis zu Torten sonder Zahl lassen den Radlermagen vor Freude hüpfen.
Ebenfalls sehen lässt sich das architektonische Innenleben mit schweren
Vorhängen, viel Plüsch, Messing, dunkel lackiertem Holz und
rotschimmernden Lämpchen aus den fünfziger Jahren, das bald verdient,
unter Denkmalschutz gestellt zu werden. Wenn wir schon bei
radlergerecher Gastronomie sind: Gebildeten RadlerInnen, welche gerne
die darbende Alternativkultur unterstützen, könnte es einfallen, schon
im «Rössli» in Stäfa einzukehren. Sie müssen wissen, dass sie in diesem
Fall an Wochenenden nicht vor zehn Uhr am Bellevue losfahren sollten,
denn die BetreiberInnen des Rössli sind von der Darbietung des
Vorabends so erledigt, dass sie am Morgen danach noch ein wenig Schlaf
brauchen.
Der dritte cyclogastronomische Anziehungspunkt ist in Freienbach/SZ am oberen Südufer des Zürichsees. Die Rede ist von Teo-Technik Teofilovic’s Supermarket, der eine Palette orientalischer Wunder vom Hochzeitskleid bis zur Knoblauchwurst darbietet. In der Vitrine liegt eine Art überzuckerte Blätterteigwurst, in deren Innerem sich scharf gewürztes Lammhackfleisch befindet. Man zeigt Herrn Teofilovic, ein wie langes Stück er abschneiden soll, er legts auf die Waage und berechnet den Preis nach Gewicht. Im Laden sind meistens ein paar Freunde und Verwandte aus dem Balkan, die ihren Mercedes vor dem Schaufenster parkiert haben. In dieser Gesellschaft kommt sich der Radler vor wie ein Ausserirdischer. Da man die Kraftwurst stehend vor dem Ladentisch isst, wird man neugierig und freundlich bewundert und ausgefragt. «Tz, tz, diese Schuhe, vieviel kostet Velo, und warum nicht Auto, und Helm sehr gut.» Man schwingt sich aufs Rad, erreicht wieder die Betriebstemperatur, und beim kleinen Aufstieg nach Horgen meldet sich der Orient wieder, je nach Konstitution in Form von säuerlichen Rülpsern oder unflätigen Fürzen. Wer jetzt noch unbeschadet bis zum Bellevue durchkommt, hat das Abenteuer auf der Rille bestanden. Wer möchte da sagen, der Zürichsee sei nicht ein Weltmeer? Wir nicht, denn wir haben es umrundet!