
Raclette bei der Ersatzmama
Drei
Nächte später erreichen wir Hinterrhein, wo ein bärtiger Öhi die
Geissen über den Dorfplatz treibt. Die Häuser sind stolz und urchig,
der Brunnen plätschert, Kuhglocken bimmeln. Hurra, wie im Bilderbuch!
Doch der Schein trügt: Einen Steinwurf hinter dem Dorfbrunnen brausen
die Autos über die A13 und katapultieren das Nest in die automobile
Realität und den Besucher zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Eine
Unterkunft für die Nacht haben wir schon, doch noch nichts im Magen.
Die einzige Beiz steht etwas ausserhalb des Dorfes auf dem Parkplatz
vor dem San-Bernardino-Tunnel und ist geschlossen. «Weil die Wirtin
wieder einmal einen über den Durst getrunken hat», meint die Kioskfrau,
bevor auch sie den Laden dichtmacht. Der Samstagabend scheint flöten zu
gehen: keine Beiz, kein Znacht. Doch unsere redselige Zimmervermieterin
entpuppt sich als Wundertüte. Ihr Sohn sei zum Abendessen angemeldet,
aber leider nicht erschienen. «Und nun», meint sie, «stehe ich allein
mit einem Berg Raclettekäse da.» Ob wir vielleicht bei ihr in der Stube
– und fast verschämt fügt sie bei: «Wärt ihr einverstanden mit fünf
Franken, oder ist das zu viel?» Wir runden freiwillig auf. Sie plappert
ohne Ende vom Dorf, wer hier mit wem … redet von ihrem Sohn und sich
selbst, und während des ganzen Abends fragt sie nicht ein einziges Mal,
wer wir sind und was wir tun. So sind am Ende alle ein bisschen
plemplem: Die Tunnelbeizerin mag zu viel getrunken haben, wir sind
besoffen von all den Hinterrheiner Geschichten.
Grenzübertritt nach
Italien: Plötzlich kommt hinter einer Rechtskurve eine Kirche zum
Vorschein, die aussieht wie eine Mischung aus Petersdom und
überdimensionierter Plastik-Basilika von Swissminiature. Die Kirche
passt zum kleinen Nest im engen Tal wie die Faust aufs Auge, der
Ortsname hingegen spiegelt die stolze Dimension: Rè – König. Weniger
heroisch ist die Strecke durch das Val Antigório: Im engen, felsigen
Tal windet sich die Strasse steil und schier endlos nach oben, ständig
dröhnt es links und rechts, weil hier Granit abgebaut wird. Nach 2350
Höhenmetern sind wir völlig erledigt und zu müde, den hässlichen
Hotelkomplex zu bemängeln. In Formazza weitet sich das enge und
abweisende Tal zu einem prächtigen Plateau mit stolzen Walserhäusern.
Auf einer Schotterstrasse mit grosser Fahrverbotstafel radeln wir ganz
ohne Verkehr zum Passo San Giacomo hinauf, einem der schönsten
Alpenpässe mit sensationeller Fernsicht. Bloss der Abstieg auf der
Schweizer Seite ist nicht jedermanns Sache. Wer mit Gepäck unterwegs
ist, kommt auf dem steilen, schmalen Wanderweg nicht ums Schieben
herum. Vorwärtskommen ist hier sekundär. Wir schaffen an diesem Tag
gerade mal 26 Kilometer. Aber schön, sauschön ists!
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| Herrschaftlich: die Jugendherberge Rotberg in Mariastein, Jura |
Gabi, Geiss und Lustmühle
Die
Aussage, der Jura sei eine sanfte Hügellandschaft, mag richtig sein.
Daraus aber zu folgern, radeln sei im Vergleich zu den Alpen hier
Zuckerschlecken, ist falsch. Ununterbrochen geht es rauf oder runter,
die Szenerie ist sensationell. Zwischen Nyon und La Chaux-de-Fonds
führt die Route 2 von Veloland Schweiz stundenlang über saftige
Pferdewiesen, vorbei an schmucken Dörfern und lauschigen Gartenbeizen.
Viele der Juradörfer haben sich die Gaumenfreuden einverleibt und
heissen 1145 Bière, 3983 Filet oder 2314 La Sagne. Überhaupt lässt sich
einiges über die helvetische Namensgebungspraxis lernen. Das Land
brilliert durch mehr oder weniger nette Mädchennamen (3907 Gabi, 6549
Laura, 3982 Bitsch), gewährt einen Paparazzi-Blick hinter die Grenze
der Scham (8307 Bisikon, 9062 Lustmühle), zeigt ihre Kenntnisse der
Farbenlehre (4223 Blauen, 6037 Root), zeigt ihre Fauna (6123 Geiss,
9473 Gams) oder huldigt dem Höchsten (8274 Gottlieben, 8888
Heiligkreuz). In diese Kategorie gehört auch Mariastein. Dort steht am
Strassenrand ein Schild: Jugendherberge Rotberg. Dahinter reckt sich
eine stolze Burg in den Himmel. Wow, was für eine Unterkunft! Ich
steige zur Burg hoch und bin begeistert: geniale Aussicht,
unkomplizierte Leitung, währschaftes Abendessen und ein ganzes Arsenal
von Tim-und-Struppi-Büchern. Wie war das doch mit den Perlen der
Castafiore? Die Weiterfahrt am nächsten Morgen erhält leichte
Verspätung ...
Geniale Scheidegg und fremde Fötzel
Grosse
Scheidegg. Der Pass ist nur für Velos und Postautos offen und mausert
sich zu einer der genialsten Strecken für den begeisterten Radler.
Keine Autos, was für eine Wohltat! Nach Meiringen gehts gleich nochmals
bergauf: Fern von der Strasse führt die Veloland-Route 9 auf den
Brünig. Nach zwanzig Etappen stehe ich in Glarus und glaube, jetzt ganz
locker nach Rapperswil zurückradeln zu können. Doch plötzlich
durchfährt es mich heiss und kalt: «Zug! Ich Trottel habe den Kanton
Zug vergessen!» Es bleibt nur die Fahrt über den Pragelpass nach
Muothatal. Dort gibt es nichts Interessanteres als den Blick auf die
Namensschilder an den Türen. Ob mans glaubt oder nicht: Es heissen alle
Betschart oder Schelbert. Oder Schelbert-Betschart. Oder
Betschart-Betschart. Oder Schelbert-Schelbert. Einer heisst allerdings
Inderbitzin – sicher so ein Zugewanderter, ein fremder Fötzel. Ich
radle weiter nach Rothenturm, wo der Veloweg die Zuger Kantonsgrenze
nur um Haaresbreite überschreitet. Die Fahrt über den neuen Steg nach
Rapperswil wird für uns zur Zielgeraden.
Die Geografielehrer haben
Recht: Die Schweiz hat 26 Kantone. Wer sie von Rapperswil nach
Rapperswil abstrampelt, überwindet 30’000 Höhenmeter und legt 2050
Kilometer zurück.