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| Klosterfestung Narikala in Tiflis: Hell beleuchtet wie sonst nirgendwo. |
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| Die Höhlenstadt Vardzia: Vor 2000 Jahren lebten hier 50’000 Menschen. |
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| Auch an sonnigen Tagen erreichen die Temperaturen im November nicht immer den Nullpunkt. |
Volle Badewannen zum Empfang
In den Städten spürt man den Wohlstand, den Georgien
während Jahrhunderten genoss. Doch von den einstigen Prachtpalästen
bröckelt der Putz. Dass die Zeiten einmal rosiger waren, wird einem
spätestens bewusst, wenn man in den grösseren Ortschaften Hotels sucht.
In den mondänen Empfangshallen und grosszügig geschwungenen
Treppenhäusern hängen üppige Kronleuchter, die Hallen aber bleiben
dunkel: Elektrizität ist ausserhalb der Hauptstadt Mangelware, und
meistens sind Kerzen die einzige Möglichkeit, Licht in die Räume zu
bringen. Betritt man sein eiskaltes Zimmer, erblickt man verzierte
Waschbecken, Bidets und prallvoll gefüllte Badewannen. Da meist – wenn
überhaupt – nur nachts Wasser läuft, lassen die Angestellten während
diesen Nachtstunden die Badewannen volllaufen. Der Plastikkrug verrät,
dass das Wasser indessen nicht zum Baden gedacht ist: Nach dem Gang
aufs Klo wird es in die Toilette geschüttet.
Mit der Taschenlampe ins Restaurant
Noch prekärer ist die Versorgung in den ländlichen
Gebieten. Für den Gang in ein Restaurant wird die Taschenlampe
benötigt. Man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt, kein Licht
weit und breit. Die Beizen haben sich etwas einfallen lassen, um
trotzdem auf sich aufmerksam zu machen: Sie lassen die Eingangstüren
selbst im Winter weit offen stehen, sodass nebst Taschenlampe auch
Mütze, Handschuhe und eine doppelte Schicht Faserpelzklamotten zum
obligatorischen Outfit für einen Restaurantbesuch gehören. In vielen
Restaurants dürfte die Temperatur nur unwesentlich über dem Nullpunkt
liegen. Trotzdem wird einem immer schnell warm ums Herz. Wenn die Kerze
flackerndes Licht an die Wände zaubert, die Wirtin auf dem Gasherd
köstliche Chatschapuri (Teigkrapfen) und noch viel köstlichere Chinkali
(die georgische Antwort auf Ravioli) hinzaubert, ist die Welt wieder in
Ordnung.
Eine Felsenstadt für 50’000 Menschen
In der Hauptstadt Tiflis gibt es, was auf dem Land meist Wunschtraum
bleibt: Strom. Auch viele Kirchen werden geheizt und werden deshalb zu
Begegnungsstätten. Viele Familien kommen mit Picknickkörben und
verlassen die heiligen Hallen erst nach Stunden. Die Gesänge, die zu
hören sind, dringen direkt ins westliche Herz: schaurig traurig,
schaurig schön. In vielen orthodoxen Klöstern in den Bergen nehmen sich
die Mönche viel Zeit, Besucher persönlich herumzuführen. Der Tourismus
ist nach wie vor bescheiden. In der monumentalen Höhlenstadt von
Vardzia im Süden des Landes begegnen wir keinem einzigen Touristen.
Einsam stehen wir in den 2000 Sälen und Kammern, die einst Platz boten
für 50'000 Menschen. Mitten in der Felswand wurden die Höhlen, 13
Stockwerke hoch, aus dem blanken Stein gehauen, einige davon ausgebaut
zu reich verzierten Kirchen.
Schlitterfahrten und Ansichtskarten
Die Strasse von Tiflis in die Schwarzmeerstadt Batumi
ist auf unserer Karte als Hauptstrasse eingezeichnet, doch zeigt sich
schnell, dass dies nicht so eng zu verstehen ist. Knietiefe Löcher sind
keine Ausnahme, und der Schnee des einsetzenden Winters hat der
Schotterstrassse arg zugesetzt. Autos wären im Matsch stecken
geblieben, sodass der Abschnitt über den 2025 Meter hohen Goderzipass
offiziell gesperrt war. Mit den Velos aber erreichten wir den Pass mehr
oder weniger problemlos, obwohl auf den letzten Kilometern Schieben
angesagt ist. Wollen wir das nächste Dorf noch vor dem Eindunkeln
erreichen, müssen wir uns sputen. Doch das ist gar nicht so einfach.
Auf der Schattenseite des Passes verwandelt sich die Strasse in eine
einzige Eisbahn, wieder ist Schieben angesagt. Bei einem einsamen
Bauernhaus klopfen wir an die Tür und fragen in brüchigem Russisch, ob
wir angesichts der einsetzenden Dunkelheit in der Scheune übernachten
dürften. Wir dürfen – und wie! Papize Ramaz Isidorowitsch setzt uns als
erstes auf den Holzofen, und kaum sind wir aufgetaut, wird der Tisch
nach allen Regeln georgischer Gastfreundschaft gedeckt. «Woher seid
ihr? Ihr radelt im Winter mit dem Velasipied durch Georgien?» fragen
die Knechte, die ganz am Schluss erhalten, was von den Gästen nicht
verspeist worden ist, füllen die Wodkagläser und beginnen zu singen.
Der Abend ist lang und feuchtfröhlich. Das Zimmer, das wir im oberen
Stock erhalten, ist blitzblank wie das ganze Haus. Am Ende dürfen wir
keinen einzigen Lari als Dank hier lassen, da kommen uns die Geschenke,
die Remo nach Tiflis gebracht hatte, gerade recht: Ansichtskarten aus
der Schweiz, eine Packung Fertigfondue und eine Tüte Mailänderli von
der Mamma.
Bis zur Stadt Batumi ists erneut eine zweitägige Schlitterpartie durch
sensationelle Landschaft. Wir sind begeistert vom sanften Klima der
Schwarzmeerküste, den Parks und den prächtigen Palästen. Ich zücke
meine Kamera und fotografiere einen der neoklassizistischen Paläste.
Pech bloss, dass das Gebäude der Armee gehört. Ich werde wieder
verhaftet. Ich frage mich, ob man in Georgien Hundekacke fotografieren
dürfte, sie könnte ja am Ende auf einem Armeegelände liegen.