
Höchste Zeit, nach zwanzig Jahren wieder auf dem Land- und Seeweg nach
Griechenland zu reisen. Das ist langsam, dafür kann die Seele folgen.
Per Eisenbahn gehts bis Ancona, von dort mit der Fähre nach Igoumenitsa
bei Korfu. Das ist Reisen, das ist Schiffspassage. Im Vergleich dazu
ist Fliegen der reine Stumpfsinn. Der Flugreisende ist ein Stück Vieh,
das von A nach B befördert werden muss, der Fährpassagier ist ein Gast.
Ich habe eine Couchette reserviert, die billigste Kategorie. Am
Einstieg steht ein Mann in weisser Uniform, der die ankommenden Gäste
willkommen heisst. Er ist frisch rasiert, seine Schuhe glänzen. So toll
sieht er aus, dass ich denke, es sei der Admiral.
Auf Rolltreppen schwebe ich hinauf zur Reception, wo ich begrüsst
werde, als ob ich eine Suite gebucht hätte. Ein livrierter Boy greift
meine Sacochen und führt mich zu meinem Logis. Ich bin baff und gebe
ihm ein gutes Trinkgeld. Zum Essen und fürs Nachtleben hat man die Qual
der Wahl zwischen verschiedenen Restaurants, Bars, Spielsalons und
Dancings. Staunend flaniere ich durchs Schiff, dann lege ich mich
schlafen. Am Morgen steige ich an Deck. Die Sonne scheint, das Schiff
dampft der dalmatinischen Küste entlang, es riecht nach Meer und
Diesel, Möwen kreisen ums Heck. Das ist Reisen. Igoumenitsa wird
angekündigt, das Schiffshorn heult, die Fähre legt an. Ich bin
angekommen, und meine Seele mit mir. Beim Ausgang steht zum Abschied
wieder der Mann in weisser Uniform. Es muss der Admiral sein. Ich
schüttle ihm zum Abschied heftig die Hand.
Die Hunde fressen jetzt Valium
Ich
fühle mich wie Odysseus, der nach vielen Jahren wieder ins Land kommt.
Odysseus also. Irgendwann in den siebziger Jahren eroberte er die
Peloponnes, und jetzt erinnert er sich an zwei Hauptschwierigkeiten:
Die griechischen Automobilisten, Hand auf der Hupe, beide Füsse auf dem
Gas, fuhren wie die Räuber. Als Radler war man für sie ein Dreck. Und
ungefähr jeder zweite Hund setzte zum Angriff auf einen an, mit
gebleckten Reissern und mit Schaumfetzen ums Maul setzten sie einem bis
zur Erschöpfung nach. Es war höllisch. Auf alles ist Odysseus Podílato*
also gefasst, als er jetzt in Igoumenitsa losfährt. Der Verkehr im
Städtchen ist ziemlich dicht, doch alle Autofahrer sind höflich.
Odysseus staunt. Schon sieht er aus den Augenwinkeln den ersten Hund,
der auf dem Trottoir liegt, dann den zweiten, den dritten. Keiner regt
sich, keinen mehr scheinen Radlerwaden zu interessieren. Odysseus
glaubt es kaum, doch die folgenden Tage bestätigen es:
Radlerwadenbeissköter sind in Griechenland kein Thema mehr. Was ist
bloss geschehen? Liegt es an Odysseus’ weissem Bart?
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| Nach Ioánnina geht es in die Berge |
Es geschehen Wunder
Odysseus
Podílato mag Griechenland, wenn die Saison vorbei ist. Die Tage sind
noch warm, über Mittag zirpen die Grillen, schon liegt Herbstlaub am
Boden, vor manchem Kafenion sind Plastikstühle aufeinander gestapelt.
Noch nie waren die Meteoras-Berge so schön, so gläsern entrückt.
Odysseus dachte bei der Planung, er müsse ausweichen auf kleinere
Strassen, doch auch auf den Hauptstrassen ist der Verkehr durchaus
erträglich. Odysseus kommt auf Zeltplätze, wo der Chef sagt: Das
Schwimmbad ist schon geleert, oder: Das warme Duschwasser ist schon
abgestellt. Dann findet der Wirt, Odysseus Podílato sei ein
Hungerleider, der sich kein Auto leisten kann, und sagt: Der Zeltplatz
ist gratis. Odysseus sagt efcharistó polí, schlägt das Zelt auf, geht
in die Beiz, trinkt Bier.
Odysseus radelt am Golf von Maliakós, will in Glifa, weiter östlich,
die Fähre nehmen. Er ist spät dran. Ein Mercedes-Cabriolet überholt
ihn, bremst auf seiner Höhe ab, der Fahrer fragt, ob er, Odysseus, die
Fähre auf die Insel Evia nehmen wolle. Odysseus nickt heftig. Der
Fahrer ruft zurück, die Fähre werde warten. Odysseus lacht ungläubig,
radelt und radelt, auf und ab an der Küste, jetzt um den letzten
Felsvorsprung. Vorne liegt die Fähre. Das Schiffshorn tutet. Odysseus
denkt schon, er kanns vergessen, doch die Fähre wartet auf ihn, legt
mit zehn Minuten Verspätung ab. Aus dem Mercedes winkt der Grieche.
Auf Evia herrscht eine andere Zeit. Die Dörfer sind ruhig, auf den
Strassen fahren kaum Autos, die Grillen zirpen lauter als auf dem
Festland, der Wald duftet nach Harz. Vor einem Kafenion in Istiéa
bleibt Odysseus sitzen, döst in die Sonne hinein. Er sitzt eine halbe
Stunde, eine ganze. Die Sonne ist dem Horizont schon nahe. Odysseus
muss noch ein Stück radeln. Er hat keine Ahnung, wo er heute Abend
übernachtet, doch das ängstigt ihn nicht im Geringsten. In Prokopi ist
eine riesige Wallfahrtskirche. Sie pilgern hierher zum unverwesten
Leichnam des heiligen Johannes des Russen. Man kann ihn im Glassarg
betrachten, das Kinn, die Unterarme, die Füsse wie aus dunklem Leder.
Dabei liegt er schon bald dreihundert Jahre hier. Odysseus braucht ein
Nachtlager. Er geht zum Popen, der schickt ihn über den Platz ins
Pilgerhaus.
Die Reise endet in Halkida. Von hier gibt es eine Eisenbahn nach Athen.
Sie fährt in ein paar Minuten. Odysseus geht zum Bahnschalter, fragt,
ob das Velo mitkann. Die Frau hinter dem Schalter sagt Nein. Odysseus
bettelt und sagt, er könne sein Velo in ganz kleine Stücke demontieren.
Die Frau sagt Nein und zieht den Vorhang zu. Odysseus behält die
Nerven, schiebt das Velo auf den Perron. Die Passagiere stehen an den
offenen Zugfenstern. Ein Velo auf einem Bahnperron, das haben sie noch
nie gesehen. Odysseus lädt die Packtaschen in den Zug, nimmt das
Vorderrad ab, dann das Hinterrad. Der Kondukteur kommt und sagt en
daxi, was so viel heisst wie: Ist in Ordnung. Da kommt die
Schalterfrau, sagt, Odysseus müsse zahlen fürs Podílato. Odysseus gibt
ihr einen Geldschein und einen Kuss und sagt efcharistó polí. Die
Zuschauer in den Zugfenstern lachen, die Schalterfrau ist violett, mit
einem Satz ist Odysseus im Zug. Die Türen zischen zu, der
Lokomotivführer erhöht die Tourenzahl des Dieselmotors, der Zug stampft
nach Attika.
*griechisch: Podílato = Fahrrad.
