
Flensburg. An Deutschlands nördlichstem Bahnhof finden wir keinen
Hinweis auf unseren Veloweg, der hier beginnen soll. Mit Radtouristen,
die mit der Bahn anreisen, rechnet man hier anscheinend nicht. Doch mit
Hilfe einiger freundlicher Flensburger finden wir den Hafen, wo das
Abenteuer beginnen soll. Endlich ein kleiner Wegweiser an einem
Laternenpfahl. Dann sind wir draussen auf dem Land, spüren die Weite.
Das Gelände ist leicht wellig. Uns amüsieren die zahlreichen
Höhenangaben auf der Karte im Führer. Sie schwanken zwischen 10 und 25
Metern über Meer.
Bald liegen links und rechts offene Felder, dann von Hecken umsäumte
Wiesen, und über weite Strecken fahren wir durch schattige Eichen- und
Kastanienalleen. Als wir angeradelt kommen, rennen Kälber in wilden
Sätzen davon, heben Pferde augenblicklich den Kopf und beobachten
genau, wer da kommt. Verkehrte Welt: Bei all den Autos, die
vorüberbrettern, reagieren sie nicht, bei ein paar Radlern wittern sie
Gefahr.
Zum Frühstück Hering
Nach der Landpartie stehen wir am Meer. Die Luft ist
nicht mehr erdig, sondern herb-salzig. Man nimmt eine Nase voll. Dann
stemmt man die Füsse in den Sand, schaut mit halb geschlossenen Augen
hinaus auf die Wellen, hebt die Arme, füllt die Lungen, bis sie nicht
mehr fassen können, hält die gespeicherte Luft an, bis einem schwindlig
wird, lässt sie langsam wieder entweichen. Die Aussenwelt wird
Innenwelt. Da meldet sich der Magen. Seit dem Frühstück haben wir
nichts gegessen, sind tapfer an Imbissbuden vorübergefahren. Bei der
nächsten halten wir an. Eine Vitrine. Darin glänzt er erhaben und
silbern: der Hering. Hat er einem nicht eben zugezwinkert und «Iss
mich!» geflüstert? Er ruht zwischen den zwei Hälften eines Brötchens,
mit Zwiebelringen, wahlweise Matjes, das heisst salzig, oder Bismarck,
das heisst sauer. Dazu ein Pils, und der Radler ist im siebten Himmel.
Zuerst das Essen, dann die Konversation. Die Frauen, die in den
Imbissbuden walten, gehören zu einem etwas rauen Menschenschlag; diesen
Eindruck hat der Gast zumindest am Anfang. Doch sobald er die frischen
Blumen auf dem Tresen und den Hering lobt, taut die Wirtin hinter der
Vitrine auf.
Ein älterer Herr, der früher zur See gefahren ist, steht am Imbiss,
betrachtet zuerst misstrauisch die Packtaschen an unseren Velos. Als er
hört, dass wir Schweizer sind, heitert sich seine Miene auf. Hier ist
die Welt noch in Ordnung: Da merkt einer, dass du Schweizer bist, und
gleich wandelt sich Misstrauen in Wohlwollen. Der Seebär sagt, dass er
noch nie in der Schweiz war. Dann wird er feierlich und gesteht, dass
er in der Schweiz eine geheime Liebe hat: Francine Jordi. Wir sollen
ihr doch bitte Grüsse mitbringen von ihm, dem Ostseebären.
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| Die salzgeschwängerte Seeluft macht hungrig; Zum Glück finden sich überall Imbissbuden mit lecker Matjes- oder Bismarckhering |
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| Platt wie eine Flunder: An der Ostsee beträgt die grösste Höhendifferenz 25 Meter (oben); derHafen von Kiel (unten) |
Lückenhafte Signalisierung
Manchmal haben wir Schwierigkeiten mit der
Orientierung, denn die Signalisierung der Route ist lückenhaft. Und oft
übersieht man die Wegzeichen, weil sie verwittert und winzig klein
sind; eine Bescheidenheit, die wir überhaupt nicht verstehen. Müssen
Radtouristen sich etwa schämen und verstecken? Oft fahren wir in die
Irre, müssen absteigen, die Karte studieren. Das ärgert uns zuerst,
dann fassen wir die Suche nach dem Weg als Teil des Abenteuers auf. Für
Verkehrsplaner scheinen Radler immer noch Gäste zweiter Klasse zu sein.
Die deutschen Autofahrer haben Formel-1-Pisten, für die Radwege, die
meist parallel zu ihnen verlaufen, wurde die billige Variante gewählt.
So liederlich sind sie hingepflastert worden, dass Baumwurzeln schon
nach zwei, drei Jahren den Belag wellig aufbrechen und einigermassen
flottes Fahren erschweren. Wenn wir an besonders ruppigen Abschnitten
auf die Strasse ausweichen, werden wir von manchen Autofahrern, die den
Anblick eines Velos nicht ertragen, rabiat von ihrer heiligen Strasse
weg auf den Radweg zurückgehupt. Die Verkehrs-Apartheid macht in
Deutschland rasante Fortschritte.
«Kyrillisches» Kiel
Und dann Kiel. Stadtluft und willkommene Abwechslung
nach den Tagen auf dem Land. Man kann hier das Velo stehen lassen, im
Hafen herumvaganten und versuchen, kyrillische Schiffsnamen zu
entziffern, Museen und Galerien besuchen, etwas anderes als
Bismarckhering essen. Von Kiel bis Lübeck – die Umrundung der Insel
Fehmarn lassen wir aus – ändert der Charakter der Tour. Über viel
längere Strecken fahren wir nun direkt am Meer, hart am Wind auch. Die
Küstenlandschaft ist noch weiter und lichter. Die Seebäder, wie man die
Küstenorte hier nennt, werden immer mondäner, der Autoverkehr immer
lästiger.
Aber auch dies: Wir begegnen Hunderten von fröhlichen Radlern, die zwar
nicht auf der grossen Tour, aber doch ein paar Stunden unterwegs sind.
Ihre und unsere Lebensfreude ist dieselbe. Wir haben den Geschmack der
Ostsee auf die Zunge bekommen, und dort bleibt er eine gute Weile.
Nächstes Jahr kommen wir wieder. Nach Lübeck. Und nehmen den zweiten
Teil unter die Räder, nach Osten, bis an die polnische Grenze.