
Irgendein
Kamel vom Pataphysischen Veloclub® (PVC) Zürich kennt in Lausanne eine
Dentalhygienikerin, und diese sadomaso-odontologische Liaison dauert
schon Jahre, dergestalt, dass es, das pataphysische Kamel, alle halbe
Jahre von Zürich nach Lausanne fahren muss, um sich die braunen
Cohiba-Krusten von besagter DH aus seinen Hauern kratzen zu lassen. Man
könnte mit der Eisenbahn nach Lausanne fahren oder mit dem Auto, aber
nein: Auf dem Rennvelo soll es geschehen. Besagtes Kamel hat seinen
Hauerkratztermin jeweils um 17 Uhr und entblödet sich nicht, alle sechs
Monate im Vereinsorgan des PVC seine so genannte Classique
odontologique auszuschreiben, und jedes Mal findet er ein paar
Ahnungslose, die ihm folgen bzw. ihm in verblendeter Grosszügigkeit
ihren Windschatten geben.
Zähneklappern im Sihltal
Die
Abfahrt ist Punkt fünf Uhr morgens am HB Zürich (410 m.ü.M.). Man
findet allgemein, die Temperatur sei ja recht angenehm für den Monat
Mai, doch schon im Sihltal, wo alle mit den Zähnen klappern, revidiert
man diese Ansicht. Vorne wird zu schnell gefahren, die Herrschaften
wollen sich schon zu Anfang verheizen. Das Kamel flucht. Der Albispass
(791 m.ü.M.) bringt ein wenig Ruhe in den Peloton. Hinunter ins
Säuliamt. Nebel. Ein Reh springt über die Strasse. Alle schlottern auf
dem Velo, die Abfahrt ist gefährlich, weil das Velo mitschlottert, und
alle sind froh, dass am Zugersee die kalten Abfahrten zu Ende sind. Rot
steigt die Sonne aus dem taunassen Gras. Luzern, ein Tea-Room in der
Innenstadt, das könnte euch so passen. Nichts da, sagt das Kamel, ich
habe um 17 Uhr in Lausanne einen Termin. Also in Luzern vor der Abfahrt
ins Zentrum rechts ab, nach Malters, dann das Entlebuch hinauf bis nach
Wolhusen. Alle Lastwagen der Zentralschweiz sind heute unterwegs.
Weiter bis auf die Wasserscheide, nach Escholzmatt. Dort ist ein
Tea-Room, man nimmt ein frühes Znüni an der Bar, auf unbequemen
Hockern, so dass die Herrschaften nicht zu lange sitzen bleiben.
Canapés, Nussgipfel, Rosinenschnecken, die Vitrine wird geplündert, die
Bäckersfrau kommt nicht nach mit Aufschreiben. Jemand fragt das Kamel:
«Warum lässt du dir deine Zähne eigentlich in Lausanne auskratzen?»
Gitzisalsiz in Schangnau …
Eine
kurze Abfahrt hinunter bis Wiggen, scharf links nach Marbach und
Schangnau. Kurz nach Schangnau, mitten in der Abfahrt links, ist die
Metzgerei Bärtschi oder Liechti. Die machen die besten Gitzi- und
Schafsalsiz. Zwei, drei davon finden in der Trikottasche Platz. Jetzt,
etwas schwerer, hinunter ins Loch, über die Emme und hinauf zum
Schallenbergpass (1167 m.ü.M.). Die ersten beginnen zu hüsteln, dann zu
husten, dann wiehern sie. Die Sonne brennt jetzt schön warm vom Himmel
herunter, wärmt die Salsiz im Kreuz. Nach zehn Minuten ist auch der
Letzte oben. Nicht schlecht. Eine irrsinnige Abfahrt hinunter nach
Steffisburg, mit langen, leicht abfallenden Geraden, alles im
Fünfzigkilometertempo, hart im Windschatten, mit Wechseln jeden
Kilometer an der Spitze. Die Huster erholen sich, stopfen Bananen und
Riegel. Thun. Es duftet nach Kaffee, nach Pizza und Pesto, bald ist
Mittagszeit. Das Kamel sagt: Nichts da, meine DH erwartet mich um 17
Uhr. Wimmis, Latterbach und Weissenburg fliegen vorbei. Wieder diese
Lastwagen, viel Militär ist unterwegs, die Kuhglocken bimmeln von den
Weiden links und rechts. In Boltigen ist eine Beiz mit gutem, das
heisst schnellem Service, dort gibt es seit Jahren ordentliche
Spaghetti al Pesto, sodass die DH auch noch etwas Grünes aus den Hauern
des Kamels wird kratzen dürfen. Noch ein Stück weiter leicht aufwärts,
zwei oder drei Kilometerchen bis Reidenbach, dann geht es rechts ab zum
Jaunpass (1509 m.ü.M.). Die Stunde der Wahrheit schlägt schon im
untersten Teil, wo die gemeinsten, lang gezogenen Rampen sind, die man
nun mit vollem Bauch in Angriff nehmen darf. Radeln hart an der
Kotzgrenze ist das.
![]() |
| Die Stunde der Wahrheit am Jaunpass |
… Lungenverkleinerung und Genickstarre
Doch
das Kamel hat seinen Termin, 17 Uhr, basta. Der Peloton zieht sich in
die Länge, jeder bleibt seinem Rhythmus treu. Der Schweiss tropft
jetzt, die Mäuler sind weit aufgerissen. In den Serpentinen schauen
die, die weiter oben leiden, hinunter auf die, die weiter unten leiden.
Jetzt geht das dentalhygienische Kamel fast ein. Geschieht ihm recht.
Am Abend vorher hat es einen neuen Sattel von Tioga auf sein Velo
montiert, ein irrsinnig langes Stück namens Nicolas Vouilloz. So heisst
der neunmalige Downhill-Weltmeister. Typisch Kamel. Dieser Sattel geht
in dieselbe Kategorie wie langschnäuzige Sportwagen. Penisersatz. Der
Sattel ist so lang, dass das Kamel, wenn es fast eingeht, auf ihm einen
halben Meter nach vorne rutschen kann und so, ohne zu pedalen, dem Ziel
Lausanne einen halben Meter näher kommt. Denkt es sich. Reine
Ersatzhandlung aus schierer Schwäche, weiss der Psychologe. Die Abfahrt
hinunter nach Jaun ist trotz frisch asphaltierter Strasse so schwierig,
dass man irrsinnig aufpassen muss und sich nicht erholen kann. Links
wären die Gastlosen und das schöne Dörfchen Abländschen. Unten im Loch
verschiedene Gegensteigungen. Die Beine sind aus Blei, die Lungen
scheinen kleiner geworden, das starre Genick schmerzt.
Ein Mekka Cola für die Beine aus Stein
Bulle,
so ein stupider Name. Zum Namen passen die Kopfsteinkissen zur
Verkehrsberuhigung. Von wegen: Die Autos fahren Stossstange an
Stossstange. Der Peloton schreit nach Bier und Mekka Cola. Also gut,
murrt das Kamel, Bier und Mekka Cola, fünfzehn Minuten und keine Minute
länger. Bulle – Oron-la-Ville. Topografisch eigentlich nichts
Aufregendes, doch jetzt, mit 200 Kilometern in den Beinen, wird die
kleinste Gegensteigung zur Qual, dazu gesellt sich Gegenwind und
irrsinniger Autoverkehr. Alle scheinen unterwegs zu sein und es eilig
zu haben. Die Abfahrt hinunter nach Oron-la-Ville ist eine kurze,
trügerische Erlösung, dann kommt das Ätzendste, diese nicht enden
wollenden Rampen hinauf nach Savigny, die man in ihrer ganzen
hoffnungslosen Länge vor sich sieht. Die Beine sind aus Stein, in den
Knien knirscht es. Dazu kommt, dass jetzt alle, das heisst jeder zu
einem anderen Zeitpunkt, pissen müssen. Mekka Cola und Bier in Bulle
lassen grüssen. Alles ist jetzt erstarrt, die Handgelenke, das Füdli
(ausser natürlich auf dem Nicolas Vouilloz), der PC-Muskel und der
Nacken sowieso. Jemand fragt, wieso wir das alles auf uns nehmen. Alle
lachen, es klingt verzweifelt, absurd.
![]() |
| Nach neun Stunden Non-Stop: der Blick auf den Lac Léman |
Aus dem Mund riechts nun anständig …
Und
noch so eine fiese Rampe hinauf nach La Claie-aux-Moines. Hupende
Autofahrer. Nach dem Dorf ist rechter Hand ein Bauernhof, an der
Strasse eine riesige Linde, dann kommt man über die Kuppe und erblickt
es, das mare lemanicum, den Genfersee, der in der tiefen Sonne wie
flüssiges Gold oder Silber oder Bronze gleisst; so genau sieht man das
nicht mehr mit den salzverklebten Augen. Es ist egal. Hauptsache, das
lemannische Meer gleisst. Wir verlassen die Strasse links, geniessen
vor ein paar Einfamilienhäusern den Blick hinunter wie die Betrachtung
des Gelobten Landes. Das Kamel holt sein Minöxli aus der Tricottasche,
knipst wie wild. Von jetzt an geht es praktisch nur noch abwärts. Wir
lassen uns hinunterfallen bis zum Bahnhof Lausanne. Dort lesen wir die
Zeit ab: 9 Stunden 59 Minuten 32 Sekunden reine Fahrzeit. Es ist halb
fünf. Das Kamel holt an der Gepäckausgabe seinen Rucksack, putzt sich
die Zähne. Um 17 Uhr ist es bei seiner Dentalhygienikerin. Zumindest
aus dem Mund riecht es jetzt anständig, und den Rest verschweigt des
Sängers Höflichkeit.
