Dr. V. Love
Frage an Dr. V. Love
Lieber Dr. V. Love
Ich leide, und zwar sehr;
Expo-Nostalgia heisst die Krankheit. Ehrlicherweise gebe ich zu, ich
habe die virtuelle schweizerische Zukunftsinspiration erst im Herbst
besucht, dafür alles – verteilt auf typisch schweizerische Regentage.
Lange warten, lange frieren. Nützt Velofahren im Winter, um das
nostalgisch-virtuelle Zukunftsgefühl aufrechtzuerhalten, oder haben Sie
einen besseren Vorschlag?
Welly Nenger, Arx en Plagues
Billiger wäre es sicher. Gesünder wohl auch. Ob Sie Ihr
nostalgisch-virtuelles Zukunftsgefühl damit in seiner Ganzheit
befriedigen können werden, wage ich aber zu bezweifeln. Was die Expo so
wunderbar zu vereinen vermochte, findet sich eben selten zusammen in der
Natur. Weshalb bräuchten wir denn sonst alle paar Jahrzehnte eine Expo?
Denn schlussendlich macht doch eine Expo einen so starken Eindruck auf
uns, weil sie eben für das nächste halbe Jahrhundert Gültigkeit zu haben
beansprucht. Sie macht uns klar, dass das Leben vergänglich ist. Für
viele von uns wird dies die letzte Expo sein, welche sie erleben, selbst
ich, ein starker, junger Burscht, werde alt und faltig sein, bis die
nächste Expo kommt. Vielleicht werde ich nichts mehr verstehen.
Doch das Tröstliche dabei ist, dass wir wenigstens genug zu besprechen
haben bis zur nächsten Expo. Wie langweilig das Leben doch wäre ohne die
Expo: keine SVP-Blockadeversuche mehr, keine Millionendefizite, kein OK
unter Franz Steinegger und kein Coop-Biorestaurant. Auch die Wirtschaft
wäre unglücklich: keine Autoparkplätze, die dann niemand will, kein
Jahr Arbeit für Hunderte von Aufräumenden, keine Expo-Swisscom-Netze.
Seien Sie froh, dass wir unter den Auserwählten waren, welche eine Expo
während ihren besten Jahren erleben durften. Es gibt nämlich auch die
Pechvögel, die 1964 zu jung waren und nun keine Zeit hatten zu gehen
(z.B. Manager von ABB oder der Rentenanstalt) und das nächste Mal schon
tot sind. Diese sind die wahren Entwurzelten, während die Expo dem
Schweizersein wieder mehr Inhalt gab. Wir sind deshalb die Erleuchteten.
Herzlichst, Ihr Dr. V. Love
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