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Die neue Komfortklasse

Eine neue Fahrradgattung hat sich etabliert. Was vor zehn Jahren mit den «bikeE» begann und mit dem «FLUX V200» im Jahr 1998 vom ADFC zum «Fahrrad des Jahres» gewählt wurde, ist nun eine eigenständige Fahrradkategorie und macht Furore. Marius Graber
Über den Namen ist man sich noch nicht einig: Giant spricht vom «Komfortfahrrad», riese-müller vom «City-Cruiser», in der Luft liegt aber auch der grässliche Begriff «Sesselrad». Wie so oft, wenn um griffige Namen gerungen wird, einigte man sich auf einen englischen Begriff: «Scooterbike». Doch so speziell wie die Scooter-bikes auf den ersten Blick scheinen, sind sie gar nicht: An ihnen wurden einfach die Ansprüche punkto Stadttauglichkeit und/oder Komfort konsequent umgesetzt. Ihre Merkmale: Sitz bestehend aus grossem Sitzkissen oder Sattel und einer Rückenlehne (Polster oder Netz), hochgestellter Lenker und kleine Räder. Die Sitzposition ist aufrecht entspannt, der Rücken kann sich an der Lehne abstützen und die Füsse erreichen bequem den Boden. Gute Übersicht im Verkehr und entspanntes Anfahren sind gewährleistet.

Mit den Scooterbikes reagiert die Veloindustrie auf das Bedürfnis nach komfortablem, entspanntem und genussreichem Fahren. Cannondale will damit, gemäss Marketing-Mann Frank Malter, «Menschen auf das Velo bringen, die noch nicht oder lange nicht mehr Rad gefahren sind». Eine löbliche Absicht, nachdem sich die Velohersteller bis anhin fast ausschliesslich darauf konzentriert hatten, einander ein paar Marktanteile abzujagen.
Wer sportlich und schnell unterwegs sein will, sitzt hier aber auf dem falschen Dampfer: Dafür gibt es die schnellen Liegeräder oder das Rennvelo. Geniessen ist das Motto bei den Scooterbikes. Die Sitzhaltung ist entspannt und lässt den Blick in die Ferne schweifen. Sobald man einmal auf einem solchen Bike Platz genommen hat, hat mans nicht mehr so eilig und geniesst gerne das Leben und die Fahrt.



Das «Stadt-Freizeit-Tour»-Velo
Beste Stadtfahrrad-Eigenschaften erreichen die Scooterbikes durch die hohe und aufrechte Sitzposition. Man sitzt mindestens auf dem Niveau der Autofahrer und hat so einen guten Überblick. Das Giant «EZB» (auszusprechen als izibi, was auf Englisch «leicht sein» bedeutet) und das riese-müller «Equinox» sehen ihr primäres Einsatzgebiet denn auch in der City. Doch die relaxte Haltung macht das Velo natürlich auch für Freizeit und Touren attraktiv. Während sich das «Cannondale» aufgrund seines bescheidenen Zubehörangebots fast ausschliesslich für Freizeitfahrten eignet, sind «Spirit», «bikeE» und das «V200» (siehe Tabelle) richtige Alleskönner. Auf Touren geniesst man den guten Ausblick erst recht.
Nicht von ungefähr kommt, dass das «Equinox» von riese-müller das AGR-Gütesiegel (= Aktion gesunder Rücken) bekommen hat. Die aufrechte Sitzposition zusammen mit der Federung minimieren die Belastungen der Wirbelsäule wie sonst bei keinem anderen Velotyp. Fast bei allen Modellen lässt sich auch der Lenker einfach und schnell in die gewünschte Position bringen. Wer ein Velo für seine Rückenprobleme sucht, sollte ein Scooterbike ausprobieren. Nebenbei: Die einfache Verstellbarkeit machen die Velos auch zum idealen Familiengefährt. Mit ein, zwei Handgriffen lassen sie sich für Menschen von der Grösse zwischen 1,50 und 2 Meter einstellen.
«Kann ich damit fahren?», lautet oft die Frage, wenn sich jemand zum ersten Mal auf ein Scooterbike setzt. Die Antwort ist jeweils nach einigen Pedalumdrehungen klar. So ungewöhnlich das Erscheinungsbild auch ist, so leicht gewöhnt man sich ans Fahren: Die relativ aufrechte Sitzposition und der hohe Lenker brauchen nur wenig Umgewöhnung. Dies deckt sich mit den Erfahrungen an der Expo.02 mit dem FLUX «V200» (siehe Kasten). Allerdings werden auf dem Scooterbike ganz andere Muskelgruppen gebraucht als auf dem Normalvelo. Bis sich diese aufgebaut haben, muss man mit ca. 1000 km Einfahrzeit rechnen.
Über die kleinen Räder sollte man sich keine Gedanken machen: Dank angepasster Übersetzung fährt sich damit bestens. Zudem machen sie die Gefährte kompakt und damit wendig, und sie sind insgesamt nicht länger als ein normales Velo. Dank Federung rollen sie gut über Hindernisse. Hier erweist sich die für den Komfort eher unwichtige Federung am Vorderrad des «Cannondales» und des «Spirit» als sehr angenehm. Bei der Schaltung brauchen Scooterbikes ein breites Übersetzungsspektrum sowie die Möglichkeit, auch im Stand zu schalten. Damit drängt sich eine Naben- oder kombinierte Ketten-Nabenschaltung auf, wie dies der Sram DualDrive bietet.

Fazit
Scooterbikes sind mehr als nur ein Gag oder die hilflose Suche eines Velofahrers nach Harley-Feeling. Sie erlauben ein komfortables, rückenschonendes und genussreiches Gleiten. Die Fahrzeuggattung hat die Bastlerecke längst verlassen. Professionell entwickelte Produkte sind auf dem Markt. Dabei verblüffen «Giant» und «bikeE» durch den niedrigen Preis, «Cannondale» durch sein exzellentes Federverhalten und «Equinox» von riese und müller durch seine konsequente Stadttauglichkeit. Am ausgereiftesten sind die Modelle der traditionellen Liegeradhersteller FLUX und HP Velotechnik. Sie überzeugen durch die konsequente Detailarbeit, die Auswahl an Optionen und das ausgewogene Fahrverhalten.



Patrik Mathys betreibt die Bike-Station in Biel und vermietete die Veloflotte an den HPM-Standorten der Expo.02.

Viele wollten es ausprobieren

Zur Expo.02 Veloflotte gehörte auch das Scooterbike FLUX V200. velojournal erkundigte sich bei Patrik Mathys, Leiter der Bike-Stationen, nach der Resonanz auf die Scooterbikes.

Wie war die Nachfrage nach den FLUX V200?
Patrik Mathys
: Die Scooterbikes waren sehr gut ausgelastet. Ein solches Fahrzeug wird gerne einfach einmal ausprobiert. Viele Gäste wollten das schon lange einmal tun und nutzten die Gelegenheit für eine Testfahrt in der Drei-Seen-Region.

Und wie waren die Rückmeldungen?
Mathys:
Wir erhielten sehr viele positive Rückmeldungen. Die Gäste genossen das lässige Fahrgefühl. Das Drei-Seen-Gebiet eignet sich für diese Art Velos auch besonders gut. Ein Gast fuhr mit dem Flux sogar an einem Tag rund 110 km, fand das dann aber für eine erste Fahrt doch etwas weit. Für erste Fahrten sind Strecken bis ca. 30 km ideal.

Wie kamen die Leute mit dem Scooterbike zurecht?
Mathys:
Soweit mir bekannt ist, konnten alle damit fahren. Dazu trägt sicherlich die gewohnte Lenkerposition bei, Liegevelos mit Untenlenkung wären da wohl etwas schwieriger.

Wie hielten sich die Flux im Mietbetrieb?
Mathys:
Es gab mehr Probleme als mit den normalen Velos, was aber vor allem auf die Ausrüstung zurückzuführen ist, weniger auf die Konstruktion an sich. In der Vermietung bewähren sich eigentlich nur die Nabenschaltung und Rollerbremsen.

Wie geht es weiter?
Mathys:
Die ganze Expo.02-Flotte wurde verkauft. Die Flux sind schon seit einiger Zeit restlos ausverkauft. Die Bike-Station wird nächstes Jahr ihre Tätigkeit im Drei-Seen-Gebiet weiterführen. Wir denken an eine langsame Expansion in andere Gebiete. Zur Flotte wird sicher wieder das Flux, oder ein ähnliches Gefährt gehören.

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