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Peter Anrig Geschäftsführer der 1995 gegründeten Stiftung Veloland Schweiz und Vizedirektor des Schweizer Tourismus-Verbandes, der politischen Dachorganisation der Schweiz. Im Projekt HPM der Expo.02 war er Mitglied des leitenden Ausschusses. |
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Urs Schaer Der HPM-Projektleiter Expo.02 ist selbständiger Unternehmensberater und befasst sich mit Strategiefragen und der Umsetzung von Grossprojekten. Er war bis 1996 Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern. |
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HPM Expo.02 HPM,
Human Powered Mobility, stand an der Expo.02 vor allem für Transporte
per Velo oder Inlineskates in der Drei-Seen-Region. Im Vorfeld wurden
50 neuralgische Punkte saniert, die Brücke über den Broye-Kanal gebaut,
Radwege und Signalisationen verbessert. |
Stichwort Skater: Die waren auf den
Strecken unterwegs aber an einer Hand abzuzählen.
Schaer:
An Wochenenden waren es sehr viele. Es waren aber nicht unbedingt
Leute, die gleichzeitig die Expo besuchten, sondern Personen, die einen
Ausflug machten. In den Bike-Stationen waren Skates bewusst nur ein
Zusatzangebot. Doch inzwischen gibts 90 Kilometer Skating-Routen im
Drei-Seen-Land, und sie dienen unter anderem der Verkehrssicherheit und
sind eine nachhaltige Investition.
Peter Anrig: Aus
Sicht der Stiftung Veloland ist das Streckennetz nun wirklich perfekt.
Ausser einer Durchfahrt durchs Naturschutzgebiet am Neuenburgersee
liessen sich alle gewünschten Streckenverbesserungen realisieren.
War im vergangenen Sommer eine Konzentration auf die
Drei-Seen-Veloland-Routen festzustellen?
Anrig:
Nein. Da auch im übrigen Mittelland viel ins Veloland investiert wurde,
zeigte die Expo überall neue Chancen mit dem HPM-Tourismus auf. Die
Publizität rund um die Expo-Strecken hat viele Impulse vermittelt.
Interessant ist, dass trotz Expo.02 auch die anderen klassischen
Veloregionen, insbesondere die Ostschweiz, einen guten Sommer meldeten.
Schaer: Wichtig
war auch, dass das HPM-Projekt schon lange vor der Expo bekannt war.
Der SlowUp am Murtensee hat viel dazu beigetragen. Das alles strahlt
auch weiter aus. Die touristischen Organisationen in der
Drei-Seen-Region werden sicher profitieren.
Anrig:
Die Region wird darauf weiter aufbauen können. Ferienaufenthalte sind
zwar nachhaltiger als Tagestourismus, aber Feriengäste kommen nicht von
alleine. Sie müssen intensiv beworben werden. «Schweizer Mittelland
Tourismus» und die Tourismusregion Biel-Seeland werden dranbleiben.
Leider sitzen aber noch nicht alle Tourismusorganisationen im gleichen
Boot. Die Romands bewerben im Moment primär das «Swatch Valley».
Schaer:
Dass nicht alle am gleichen Strick ziehen, ist aber auch verständlich.
Im Vorfeld der Expo.02 waren alle Regionen zu sehr mit sich selbst
beschäftigt. Da musste ein grossflächiger Zusammenschluss ja scheitern.
Doch jetzt, nach der Ausstellung, könnte er – etappiert – noch gelingen.
Welche Möglichkeiten hat Veloland, den
HPM-Tourismus zu fördern?
Anrig:
Leider haben wir kein Geld, um die Region aktiver zu bewerben, das
machen aber «Schweiz Tourismus» und die regionalen
Tourismusorganisationen. Wir richten uns an die IndividualtouristInnen,
und in den neuen Veloland-Führern sind alle Routen auf dem neuesten
Stand nachgeführt. Da sieht man, welch breites Angebot es hier gibt.
Ist denn genügend Infrastruktur vorhanden, wenn es nächstes
Jahr zu einem markanten Anstieg der HPM-TouristInnen kommen sollte?
Anrig:
Die Infrastruktur in der Drei-Seen-Region ist sehr gut. Es wird ja auch
weiterhin eine Fahrzeugvermietung geben, und was die Beherbergung
betrifft, so gibt es auch 2003 genügend Betten.
Schaer:
Sagen wir es so: Jetzt ist vorgepflügt und gesät. Jetzt kann geerntet
werden. Die «Bike Stationen» werden künftig nah am öffentlichen Verkehr
stehen, auch an den Schifffahrtsstationen. Und es gibt in der Region
eine riesige Vielfalt an touristischen Angeboten, man muss sie nun
bündeln und bekannt machen. Die Leute sind neugierig, denn sie hatten
ja neben dem Expo-Besuch nicht genug Zeit, um die Region zu erkunden.
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Eine Expo-Ikone, die stehen bleibt: die «Pont Rotary» über den Broye-Kanal. |
Weiss man eigentlich Genaueres über den
Typ «VelotouristIn»? Wie verhält sie/er sich gegenüber touristischen
Angeboten?
Anrig: VelotouristInnen
sind weitgehend IndividualtouristInnen. Maximal 10 bis 20 Prozent
buchen «Packages». Rund ein Drittel aller Veloland-BenutzerInnen kommen
inzwischen aus dem Ausland. Ihr Anteil hat in den letzten Jahren
zugenommen und der riesige Markt in Deutschland ist bei weitem nicht
ausgeschöpft. Man muss aber noch Aufklärung leisten, denn die Schweiz
hat den Ruf, teuer zu sein. Dabei gibt es genügend günstige
Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten, aber die Informationen
liegen eben nicht immer griffbereit.
Eine andere Nachwirkung der HPM-Politik sind die SlowUp.
Anrig: Nächstes
Jahr kommen zu den SlowUp von Murten und am Bodensee voraussichtlich
Veranstaltungen am Sempachersee und Greyerzersee dazu.
Was ist denn eigentlich der Hintergrund dieser
Massenveranstaltungen? Wäre eine flächendeckende Veloförderung nicht
sinnvoller?
Anrig: Das eine tun, das andere nicht lassen! Nötig ist
beides: die Events und die Förderung des «Velolandes Schweiz».
Schaer: Die Freude an diesen SlowUp-Anlässen ist ansteckend. Die Leute
sind fröhlich, lachen – das führt letztlich zu mehr Aufmerksamkeit fürs
Velo. Das hat indirekt einen grossen Nutzen …
… ist identitätsstiftend? Wie die Volksmärsche von einst?
Anrig:
Am SlowUp gibts keine Medaillen! Im Ernst: Volksmärsche bedeuteten
Disziplin und Leistung. Ein SlowUp ist ein Erlebnistag mit festlicher
Atmosphäre in vielen durchfahrenen Ortschaften.
Taugen denn SlowUp als Vehikel, um den Velotourismus zu
fördern?
Anrig: Ja, ein Mittel zum Zweck der Förderung der Human
Powered Mobility insgesamt.
Wieso gibts eigentlich keine SlowUp an einem Pass? Der
autofreie Tag am Stilfserjoch ist ein riesiger Erfolg.
Anrig:
In den nächsten zwei, drei Jahren ist das in der Schweiz noch nicht
spruchreif. Die Zielgruppe von «Veloland» sind nicht die
ambitionierten, konditionsstarken Velofahrer. Wir haben solche
Passfahrten aber im Auge. Zu solchen Anlässen werden dann aber
entscheidend mehr Leute mit dem eigenen Auto fahren, das müsste man in
Kauf nehmen.
Schaer: Im Übrigen sind
SlowUp-Veranstaltungen gerade auch bei den Jungen beliebt. Rund um den
Murtensee fahren immer sehr viele junge Leute mit Skates mit.
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Abendstimmung an der Arteplage Neuenburg (oben), HPM-Auswertungsrunde in den Redaktionsräumen des velojournal (v.l.n.r.: Dr. Urs Schaer, Pete Mijnssen, Peter Anrig, René Hornung). |
Noch ein Blick auf «Schweiz Mobil». Das Konzept für
flächendeckende Mobilstationen ist inzwischen zurückgestutzt worden.
Anrig:
Wir haben jetzt ein etappiertes modulares Konzept erarbeitet. Die Ziele
sind nämlich unbestritten: Die verschiedenen «Länder» (Velo-, Wander-,
Skating-, Paddelland) sollen jeweils mit dem öffentlichen Verkehr
verknüpft und die Schnittstellen sollen optimiert werden. Diese
«Länder» werden die besten Wander- und Velostrecken etc. bekannt
machen. Der Bund wird dabei nicht mehr die Leaderrolle übernehmen
können, aber er wird mitmachen. So kommen wir dem Ziel in Etappen näher.
Sind denn die Bike-Stationen der Expo Vorbild für «Schweiz
Mobil»?
Anrig:
Die «MobilCenter» sind viel weiter gedacht als eine Bike-Station. Es
geht dort nicht nur um Velo- oder Skatesvermietung, sondern um eine
breite Information und Beratung. Das kann aber nur funktionieren, wenn
es dafür einen Markt gibt. Die «MobilCenter» darf man sich dabei nicht
als neue Gebäude bei den Bahnhöfen vorstellen. Es geht vielmehr um
einheitlich und besser zu kommunizierende Mobilitätsangebote, die
überall leichter zugänglich gemacht werden sollen.
«RailLink»,
die Miet-Smarts an den Bahnhöfen, zeigt aber, dass solche Angebote
nicht unbedingt gut genutzt werden, auch wenn sie einheitlich
angeschrieben und leicht zu finden sind.
Anrig: Da
ist immer die Frage vom Huhn und vom Ei. Solche Angebote brauchen eine
Anlaufzeit. Wenn sie bekannt sind, werden sie besser genutzt und können
selbsttragend werden.
Wie werden eigentlich Mobilitätsentscheide in der Schweiz
gefällt? Spontan oder nach langen Planungen und Vorbereitungen?
Schaer:
An der Expo gab es viele Leute, die spontan einen halben Tag ein Velo
mieteten, halt dann, wenn sie lange genug Schlange gestanden hatten. 68
Prozent der Bike-Station-BenutzerInnen waren Passanten, die spontan und
ohne Reservation ein Velo mieteten.
Kann man daraus schliessen, dass ein bereitgestelltes
Angebot auch genutzt wird?
Anrig:
So einfach ist es nicht. Dafür braucht es Marketing und dieses muss
auch finanziert werden können. Erst ein breit bekanntes Angebot kann
nach diesen Kriterien funktionieren.
Schaer: Und
es braucht einen guten Service und eine freundliche Beratung. Gerade
das Velovermietungs-geschäft ist zudem stark saisonal abhängig.
Zum Schluss: Welches persönliche Fazit ziehen Sie?
Schaer:
Es war rund um die Expo.02 sehr viel mehr möglich als sonst in unserer
Referendumsdemokratie. In eineinhalb Jahren 50 Projekte zu realisieren
ist bemerkenswert. Das HPM-Projekt hat gute Voraussetzungen für die
Zukunft geschaffen. Und die Expo-Velos und die Veloständer sind
inzwischen alle verkauft – echte Nachhaltigkeit also.
Anrig:
Die Expo hat viele Türen geöffnet. Und während die Expo-Bauten
verschwinden, darf die Ikone des Velolandes, die «Pont Rotary» über den
Broye-Kanal, bleiben.