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Die Expo hat HPM den Boden geebnet

Im Rahmen der Expo.02 wurde der Human Powered Mobility (HPM) ein hoher Stellenwert zugemessen. Das Streckennetz im Drei-Seen-Land wurde erweitert und die «Bike Stationen» aufgebaut. HPM-Projektleiter Urs Schaer und Veloland-Geschäftsführer Peter Anrig ziehen Bilanz. Interview: Pete Mijnssen und René Hornung
vj: Beginnen wir mit einer Provokation: Wie viele nie benutzte Expo-Velos kommen nun auf den Occasionsmarkt?
Urs Schaer:
Keines, es sind aber nicht alle 800 Velos gleich oft eingesetzt worden. Ausgefallen sind übrigens nur gerade acht. Insgesamt wurden mit den Expo-Velos rund eine Million Kilometer gefahren, rund 25 Mal rund um die Erde. Zu 68 Prozent waren es Passanten, die kurzfristig an einem Expo-Besuch ein Velo mieteten. Sie legten eher kleinere Strecken damit zurück.

Die Zahl der Mehrtages-TouristInnen blieb aber unter den Erwartungen.
Schaer:
Das gesamte Vermietgeschäft blieb unter den Erwartungen. Es kamen auch weniger Gruppen, Vereine und Firmen als erwartet. Aber die Expo-BesucherInnen verhielten sich halt nicht genau so, wie das die Marktforschung vorausgesagt hatte. Prognostiziert wurde, dass 80 Prozent der Velovermietungen durch Gruppen erfolgen würden, schliesslich waren mehr als die Hälfte aber EinzelbesucherInnen resp. Familien und Mini-Gruppen. Vor den Sommerferien lief das Vermietgeschäft mit den Schulklassen sehr gut und wichtig war, dass die Klassen mit den Velos und dem Service sehr zufrieden waren.

Hat sich der Aufwand für das HPM-Projekt im Rückblick also gelohnt?
Schaer:
Es hat sich sehr gelohnt! Erstmals hat eine grosse Ausstellung dem motorlosen Verkehr eine so hohe Beachtung geschenkt. Ohne Expo.02 hätte es den Ausbau des Rad- und Skatingwegnetzes in der Drei-Seen-Landschaft – verteilt auf vier Kantone – nie gegeben. Viele Gefahrenstellen sind dank des Projekts eliminiert. 50 Projekte konnten realisiert werden. Rund 9 Mio. Franken wurden nachhaltig investiert. Und ohne Expo wären wohl die Skates heute immer noch Spielzeug und kein anerkanntes und gesetzlich geregeltes Fortbewegungsmittel.

 

Peter Anrig

Geschäftsführer der 1995 gegründeten Stiftung Veloland Schweiz und Vizedirektor des Schweizer Tourismus-Verbandes, der politischen Dachorganisation der Schweiz. Im Projekt HPM der Expo.02 war er Mitglied des leitenden Ausschusses.

Urs Schaer

Der HPM-Projektleiter Expo.02 ist selbständiger Unternehmensberater und befasst sich mit Strategiefragen und der Umsetzung von Grossprojekten. Er war bis 1996 Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern.


HPM Expo.02

HPM, Human Powered Mobility, stand an der Expo.02 vor allem für Transporte per Velo oder Inlineskates in der Drei-Seen-Region. Im Vorfeld wurden 50 neuralgische Punkte saniert, die Brücke über den Broye-Kanal gebaut, Radwege und Signalisationen verbessert.
In den Bike-Stationen standen an allen Arteplage-Eingängen sowie in Ins Mietvelos bereit, unabhängig und zusätzlich zum Angebot von «Rent a Bike» an den Bahnhöfen. Die Nutzung der Expo-Mietveloflotte blieb trotz rund einer Million gefahrener Kilometer hinter den Erwartungen zurück. Doch während die Expo-Infrastruktur und die Bauten sonst verschwinden, bleibt das HPM-Streckennetz bestehen, und auch die Vermietstationen sollen – mit modifiziertem Konzept und an neuen Orten – weiter betrieben werden. «Es ist gepflügt und gesät», meinen die Projektverantwortlichen.

Stichwort Skater: Die waren auf den Strecken unterwegs aber an einer Hand abzuzählen.
Schaer:
An Wochenenden waren es sehr viele. Es waren aber nicht unbedingt Leute, die gleichzeitig die Expo besuchten, sondern Personen, die einen Ausflug machten. In den Bike-Stationen waren Skates bewusst nur ein Zusatzangebot. Doch inzwischen gibts 90 Kilometer Skating-Routen im Drei-Seen-Land, und sie dienen unter anderem der Verkehrssicherheit und sind eine nachhaltige Investition.
Peter Anrig: Aus Sicht der Stiftung Veloland ist das Streckennetz nun wirklich perfekt. Ausser einer Durchfahrt durchs Naturschutzgebiet am Neuenburgersee liessen sich alle gewünschten Streckenverbesserungen realisieren.

War im vergangenen Sommer eine Konzentration auf die Drei-Seen-Veloland-Routen festzustellen?
Anrig:
Nein. Da auch im übrigen Mittelland viel ins Veloland investiert wurde, zeigte die Expo überall neue Chancen mit dem HPM-Tourismus auf. Die Publizität rund um die Expo-Strecken hat viele Impulse vermittelt. Interessant ist, dass trotz Expo.02 auch die anderen klassischen Veloregionen, insbesondere die Ostschweiz, einen guten Sommer meldeten.
Schaer: Wichtig war auch, dass das HPM-Projekt schon lange vor der Expo bekannt war. Der SlowUp am Murtensee hat viel dazu beigetragen. Das alles strahlt auch weiter aus. Die touristischen Organisationen in der Drei-Seen-Region werden sicher profitieren.
Anrig: Die Region wird darauf weiter aufbauen können. Ferienaufenthalte sind zwar nachhaltiger als Tagestourismus, aber Feriengäste kommen nicht von alleine. Sie müssen intensiv beworben werden. «Schweizer Mittelland Tourismus» und die Tourismusregion Biel-Seeland werden dranbleiben. Leider sitzen aber noch nicht alle Tourismusorganisationen im gleichen Boot. Die Romands bewerben im Moment primär das «Swatch Valley».
Schaer: Dass nicht alle am gleichen Strick ziehen, ist aber auch verständlich. Im Vorfeld der Expo.02 waren alle Regionen zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Da musste ein grossflächiger Zusammenschluss ja scheitern. Doch jetzt, nach der Ausstellung, könnte er – etappiert – noch gelingen.

Welche Möglichkeiten hat Veloland, den HPM-Tourismus zu fördern?
Anrig:
Leider haben wir kein Geld, um die Region aktiver zu bewerben, das machen aber «Schweiz Tourismus» und die regionalen Tourismusorganisationen. Wir richten uns an die IndividualtouristInnen, und in den neuen Veloland-Führern sind alle Routen auf dem neuesten Stand nachgeführt. Da sieht man, welch breites Angebot es hier gibt.

Ist denn genügend Infrastruktur vorhanden, wenn es nächstes Jahr zu einem markanten Anstieg der HPM-TouristInnen kommen sollte?
Anrig:
Die Infrastruktur in der Drei-Seen-Region ist sehr gut. Es wird ja auch weiterhin eine Fahrzeugvermietung geben, und was die Beherbergung betrifft, so gibt es auch 2003 genügend Betten.
Schaer: Sagen wir es so: Jetzt ist vorgepflügt und gesät. Jetzt kann geerntet werden. Die «Bike Stationen» werden künftig nah am öffentlichen Verkehr stehen, auch an den Schifffahrtsstationen. Und es gibt in der Region eine riesige Vielfalt an touristischen Angeboten, man muss sie nun bündeln und bekannt machen. Die Leute sind neugierig, denn sie hatten ja neben dem Expo-Besuch nicht genug Zeit, um die Region zu erkunden.

Eine Expo-Ikone, die stehen bleibt: die «Pont Rotary» über den Broye-Kanal.

Weiss man eigentlich Genaueres über den Typ «VelotouristIn»? Wie verhält sie/er sich gegenüber touristischen Angeboten?
Anrig:
VelotouristInnen sind weitgehend IndividualtouristInnen. Maximal 10 bis 20 Prozent buchen «Packages». Rund ein Drittel aller Veloland-BenutzerInnen kommen inzwischen aus dem Ausland. Ihr Anteil hat in den letzten Jahren zugenommen und der riesige Markt in Deutschland ist bei weitem nicht ausgeschöpft. Man muss aber noch Aufklärung leisten, denn die Schweiz hat den Ruf, teuer zu sein. Dabei gibt es genügend günstige Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten, aber die Informationen liegen eben nicht immer griffbereit.

Eine andere Nachwirkung der HPM-Politik sind die SlowUp.
Anrig:
Nächstes Jahr kommen zu den SlowUp von Murten und am Bodensee voraussichtlich Veranstaltungen am Sempachersee und Greyerzersee dazu.

Was ist denn eigentlich der Hintergrund dieser Massenveranstaltungen? Wäre eine flächendeckende Veloförderung nicht sinnvoller?
Anrig:
Das eine tun, das andere nicht lassen! Nötig ist beides: die Events und die Förderung des «Velolandes Schweiz».
Schaer: Die Freude an diesen SlowUp-Anlässen ist ansteckend. Die Leute sind fröhlich, lachen – das führt letztlich zu mehr Aufmerksamkeit fürs Velo. Das hat indirekt einen grossen Nutzen …

… ist identitätsstiftend? Wie die Volksmärsche von einst?
Anrig:
Am SlowUp gibts keine Medaillen! Im Ernst: Volksmärsche bedeuteten Disziplin und Leistung. Ein SlowUp ist ein Erlebnistag mit festlicher Atmosphäre in vielen durchfahrenen Ortschaften.

Taugen denn SlowUp als Vehikel, um den Velotourismus zu fördern?
Anrig:
Ja, ein Mittel zum Zweck der Förderung der Human Powered Mobility insgesamt.

Wieso gibts eigentlich keine SlowUp an einem Pass? Der autofreie Tag am Stilfserjoch ist ein riesiger Erfolg.
Anrig:
In den nächsten zwei, drei Jahren ist das in der Schweiz noch nicht spruchreif. Die Zielgruppe von «Veloland» sind nicht die ambitionierten, konditionsstarken Velofahrer. Wir haben solche Passfahrten aber im Auge. Zu solchen Anlässen werden dann aber entscheidend mehr Leute mit dem eigenen Auto fahren, das müsste man in Kauf nehmen.
Schaer: Im Übrigen sind SlowUp-Veranstaltungen gerade auch bei den Jungen beliebt. Rund um den Murtensee fahren immer sehr viele junge Leute mit Skates mit.

Abendstimmung an der Arteplage Neuenburg (oben), HPM-Auswertungsrunde in den Redaktionsräumen des velojournal (v.l.n.r.: Dr. Urs Schaer, Pete Mijnssen, Peter Anrig, René Hornung).

Noch ein Blick auf «Schweiz Mobil». Das Konzept für flächendeckende Mobilstationen ist inzwischen zurückgestutzt worden.
Anrig:
Wir haben jetzt ein etappiertes modulares Konzept erarbeitet. Die Ziele sind nämlich unbestritten: Die verschiedenen «Länder» (Velo-, Wander-, Skating-, Paddelland) sollen jeweils mit dem öffentlichen Verkehr verknüpft und die Schnittstellen sollen optimiert werden. Diese «Länder» werden die besten Wander- und Velostrecken etc. bekannt machen. Der Bund wird dabei nicht mehr die Leaderrolle übernehmen können, aber er wird mitmachen. So kommen wir dem Ziel in Etappen näher.

Sind denn die Bike-Stationen der Expo Vorbild für «Schweiz Mobil»?
Anrig:
Die «MobilCenter» sind viel weiter gedacht als eine Bike-Station. Es geht dort nicht nur um Velo- oder Skatesvermietung, sondern um eine breite Information und Beratung. Das kann aber nur funktionieren, wenn es dafür einen Markt gibt. Die «MobilCenter» darf man sich dabei nicht als neue Gebäude bei den Bahnhöfen vorstellen. Es geht vielmehr um einheitlich und besser zu kommunizierende Mobilitätsangebote, die überall leichter zugänglich gemacht werden sollen.

«RailLink», die Miet-Smarts an den Bahnhöfen, zeigt aber, dass solche Angebote nicht unbedingt gut genutzt werden, auch wenn sie einheitlich angeschrieben und leicht zu finden sind.
Anrig:
Da ist immer die Frage vom Huhn und vom Ei. Solche Angebote brauchen eine Anlaufzeit. Wenn sie bekannt sind, werden sie besser genutzt und können selbsttragend werden.

Wie werden eigentlich Mobilitätsentscheide in der Schweiz gefällt? Spontan oder nach langen Planungen und Vorbereitungen?
Schaer:
An der Expo gab es viele Leute, die spontan einen halben Tag ein Velo mieteten, halt dann, wenn sie lange genug Schlange gestanden hatten. 68 Prozent der Bike-Station-BenutzerInnen waren Passanten, die spontan und ohne Reservation ein Velo mieteten.

Kann man daraus schliessen, dass ein bereitgestelltes Angebot auch genutzt wird?
Anrig:
So einfach ist es nicht. Dafür braucht es Marketing und dieses muss auch finanziert werden können. Erst ein breit bekanntes Angebot kann nach diesen Kriterien funktionieren.
Schaer: Und es braucht einen guten Service und eine freundliche Beratung. Gerade das Velovermietungs-geschäft ist zudem stark saisonal abhängig.

Zum Schluss: Welches persönliche Fazit ziehen Sie?
Schaer:
Es war rund um die Expo.02 sehr viel mehr möglich als sonst in unserer Referendumsdemokratie. In eineinhalb Jahren 50 Projekte zu realisieren ist bemerkenswert. Das HPM-Projekt hat gute Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen. Und die Expo-Velos und die Veloständer sind inzwischen alle verkauft – echte Nachhaltigkeit also.
Anrig: Die Expo hat viele Türen geöffnet. Und während die Expo-Bauten verschwinden, darf die Ikone des Velolandes, die «Pont Rotary» über den Broye-Kanal, bleiben.

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