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Der Schweizer Künstler Urs Naef baut im Ubuntu Village während dem Erdgipfel in Johannesburg aus gebrauchten Aludosen und Petflaschen eine Matterhorn-Nachbildung. |
Als Bundesrat Joseph Deiss mit
seiner Entourage und VertreterInnen aus Umwelt- und
Nichtregierungsorganisationen zum Gipfel Rio+10 nach Johannesburg
reiste, hatte er unter anderem auch die Ausstellung «Sustainable
Switzerland» im Gepäck. Im 1,5 Mio. Franken teuren Umweltpavillon
präsentierte sich die Schweiz als Vorzeigeland im Umweltschutz, unter
anderem mit dem Basler-Projekt «2000-Watt-Gesellschaft». Darin wird die
schrittweise Reduktion auf einen Drittel des heutigen Energieverbrauchs
aufgezeigt. Mit dem neuen Messwerkzeug will der Bund in den nächsten
fünf Jahren die Resultate seiner jüngst beschlossenen «Strategie
nachhaltige Entwicklung 2002» überprüfen. So weit, so schön. Wie sieht
es aber im realen Musterland Schweiz aus?
Energieverbrauch bis zum Mond
Von
der Rio-Vorgabe, wonach alle Gemeinden bis Ende 1996 ein Programm zum
Thema «lokale Agenda 21» hätten erarbeiten müssen, wurden Ende 2001
gerade einmal zehn Projekte vom Amt für Raumplanung (ARE) mit Fr. 250
000 unterstützt. Der Energieverbrauch stieg in den letzten Jahren um
5,3 Prozent, statt dass er bis 2010 um 10 Prozent gesenkt werden
müsste. Den rasantesten Anstieg verzeichnet der Verkehr, und dies trotz
immer sparsameren Autos. Die angedrohte Öko-Steuer drängt sich deshalb
als logische Folge auf. Eine Konsequenz, die Daniel Wachter, Chef
nachhaltige Entwicklung beim ARE vor ein Dilemma stellt: «Nachdem das
Volk die ökologische Steuerreform zweimal abgelehnt hat, sind Vorstösse
in diese Richtung heikel.» So reiht sich der vordergründige Musterknabe
Schweiz munter in die Reihe der westlichen Industrieländer ein, die
sich überproportional an den Energievorräten unserer Erde bedienen.
Gemäss dem Raster «Ökologischer Fussabdruck» verbrauchen wir
SchweizerInnen für unsere Konsum- und Energiebedürfnisse umgerechnet
nämlich 2,6 Planeten. Der Durchschnitt liegt weltweit bereits bei 1,5
Planeten. Den traurigen Rekord bilden – wen wunderts – die USA, die
zurzeit die Energie von sechs Planeten verbrauchen. Fazit: Eigentlich
müssten wir bereits auf den Mond expandieren.
Sparobjekte Umweltschutz und
Veloförderung
Zurück
zu den Realitäten in der Schweiz. Was hat sich denn in den letzten zehn
Jahren punkto nachhaltige Mobilität, bzw. Veloförderung getan? Standen
die Achtzigerjahre im Zeichen des umweltpolitischen Aufbruchs,
velopolitisch bei den erfolgreichen Veloförderungsinitiativen von IG
Velo und VCS, wurde Anfang der Neunziger beim Umweltschutz und auch bei
der Veloförderung gespart. Als 1992 der Stadtzürcher Velokredit
auslief, war das versprochene Routennetz längst nicht vollendet. Der
damalige Regierungsrat Hofmann behielt ein funktionierendes
Radroutennetz im Kanton als Faustpfand gegen das Dauerpolitikum der
städtischen Expressstrassen in der Hand. Auch im Stadtkanton Basel
wurden die Veloförderungsmittel eher schleppend eingesetzt, allerdings
auf hohem Niveau, was der Stadt Basel schon 1994 eine Auszeichnung als
Velostadt eintrug. In Stadt und Kanton Bern mussten die Mittel schon
seit längerem sparsam eingesetzt werden. Trotz- oder gerade deswegen
bestach dort Veloförderung schon früh durch Raffinesse und
Improvisationsgeschick. Zudem kannte der Kanton Bern als Erster eine
Veloverträglichkeitsprüfung bei Strassensanierungen. Und als erster
Kanton schenkte sich Bern 1991 zur 800-Jahr-Feier ein kantonales
Veloroutennetz, das später dem Projekt Veloland als Vorlage diente.
Aber es wurde nicht nur gespart. Als die IG Velo Schweiz 1996 die
dreijährige Kampagne «Velo-Alltag» ins Leben rief, brachte sie dafür
150 000 Franken zusammen, so viel wie andere für eine bescheidene
Kampagne in einem Jahr verbrauchen. Schon damals wurden die Grenzen auf
Bundesebene klar: Es fehle an den Gesetzesbestimmungen für eine
Veloförderung, wurde allerorten mitgeteilt. «Eine Schwalbe macht noch
keinen Sommer», schrieb damals der Journalist Christian Bernhart im
velojournal. Immerhin konnte die Schwalbe IG Velo einiges zu den
Grundlagen des «Aktionsplans Umwelt und Gesundheit» (APUG) beitragen.
Dort steht unter dem Kapitel Mobilität: «Bis 2007 hat sich der Anteil
der mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege (1995: 7%), im Einkaufsverkehr
(1995: 5%) und im Freizeitverkehr (1995: 7%) verdoppelt». Aber mit
welchen Geldmitteln soll dies erreicht werden? Mobilitäts-Projekte, wie
in Crans Montana, die der Bund mit 200 000 Franken unterstützt, sind
wohl nur ein Tropfen auf den heissen Stein vor dem Hintergrund der
munter wachsenden Mobilitäts- und Konsumbedürfnisse.
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Von den Ozon-Demos zu autofreien Aktionstagen: Das Bellevue und die Rosengartenstrasse in Zürich. |
Bund
schiebt Veloförderung endlich an
Seit
rund zwei Jahren gibt es im Bundesamt für Strassen (Astra) den Bereich
Langsamverkehr, der die Förderung des Fuss- und Veloverkehrs auf
Bundesebene leitet und koordiniert. Ziel: Den Anteil des
Langsamverkehrs am Gesamtverkehr zu erhöhen. Der auf mittlerweile rund
fünf Personen angewachsene Bereich hat schon einiges in Gang gesetzt.
Neben der Intensivierung des Vollzugs des Fuss- und Wanderweggesetzes
ist es ihm vor allem ein Anliegen, den Langsamverkehr neben dem
öffentlichen und dem motorisierten Individualverkehr generell zu einem
gleichberechtigten 3. Pfeiler der Bundesverkehrspolitik zu machen.
Nach Auskunft von Gottlieb Witzig, stellvertretender Leiter des
Bereichs Langsamverkehrs, sind erste Erfolge bereits zu verzeichnen:
«Der Langsamverkehr ist Teil des Gegenvorschlags zur Avanti-Initiative
und generell das dritte Standbein der neuen
Agglomerationsverkehrspolitik des Bundes.» In einer kürzlich
veröffentlichten Antwort auf eine Interpellation der
christlichdemokratischen Fraktion (CVP) erwähnt der Bundesrat, dass er
in einigen Jahren in den Agglomerationen jährlich 300-350 Mio.
Franken/Jahr zur Verkehrsentlastung investieren möchte und erwähnt
darin explizit erstmals auch den Langsamverkehr als gleichberechtigten
Verkehrsträger. Damit sich der Langsamverkehr bei der Verteilung dieser
Bundesgelder einen guten Teil abschneiden kann, sind die ExponentInnen
des Langsamverkehr in den Agglomerationen also aufgerufen, sich mit
Vorschlägen in die zurzeit in vielen Agglomerationen laufenden
Mobilitätsentwicklungsprogramme einzubringen.
Ein weiterer Schritt zur Etablierung des Langsamverkehrs als 3. Pfeiler
der Mobilitätsbewältigung soll das «Leitbild Langsamverkehr» werden.
Witzig: «Darin werden wichtige Fragen zur Koexistenz, zur Verbesserung
und Finanzierung der LV-Infrastruktur und generell zur
Weiterentwicklung des Langsamverkehrs lanciert.» Doch er warnt vor
allzu viel Optimismus: «Nun müssen sich die Fachverbände und
Langsamverkehrsorganisationen und alle anderen an der Förderung des
Langsamverkehrs Interessierten einschalten und für ihre Anliegen
kämpfen.»
Fazit
In
den letzten fünf Jahren ist in der Schweiz punkto Veloförderung und
nachhaltiger Mobilität einiges in Bewegung geraten. Diese Bemühungen
stehen aber diametral den weiter wachsenden Mobilitäts- und
Konsumbedürfnissen entgegen, die im kürzlich veröffentlichten
Buwal-Bericht «Politik und Perspektiven» aufgelistet sind. Dort steht
unter Steckbrief Frau und Mann 2020: «Ihr/sein wichtigstes
Verkehrsmittel ist das Auto, Waren für den täglichen Gebrauch kauft
er/sie im grossen Einkaufszentrum ein.» Gegen dieses realistische
Zukunftsszenario und den Verkehrskollaps steht die Wettbewerbsfähigkeit
und das Buhlen um die Standortgunst als ökologischste Gemeinde/Stadt.
Und wir werden alle gefragt sein: Wie den Verkehr bewältigen? Hätten
wir uns das so ausgemalt, vor zehn Jahren?
Im nächsten velojournal:
Wie weiter in den Agglomerationen?
Links:
www.footprint.ch
www.apug.ch
www.astra.admin.ch
Fotos: AP Photo/Dario Lopez-Mills, Gian Vaitl, Ex-Press