
Lieber Herr Krostock
Die Entwicklung unserer Muttersprache ist
tatsächlich etwas beunruhigend. Die Menschen achten nicht mehr auf
Sprache und Identität, verwässern diese zugunsten einer sterilen und in
hohem Masse amorphen Weltkultur, die den gesuchten, spirituellen Halt
gibt, nicht geben kann. Allerdings wäre es verfehlt, diese Entwicklung
einfach nur amerikanischen Imperialismus zu nennen, da solche
«Neuerungen» mindestens so sehr von den europäischen Konsumenten
ausgehen wie von den USA. Gerade in Europa lechzt man ja nach dieser
amerikanisierten Kultur.
Mit der wirtschaftlichen Dominanz der USA
geht natürlich auch die sprachliche Dominanz des Englischen einher. Da
die Globalisierung ein wirtschaftlich getriebenes Phänomen ist,
globalisiert sich mit den Märkten auch die Kultur. Englische Ausdrücke
klingen einfach moderner und dynamischer. Ich will gleich ihre Beispiele
nehmen, um dies zu demonstrieren: «Slow Up Bodensee» tönt doch einfach
viel besser als «Langsam den Bodensee hinauf». In Deutsch gleicht das
doch einer RentnerInnen-Wanderung. Oder meine persönliche Kolumne:
Stellen Sie sich vor, ich würde sie plötzlich «die Lebensstil-Kolumne
von Doktor Velolieb» nennen. Wer würde solches lesen? Wer würde mich da
noch ernst nehmen? Vielleicht Sie, Herr Krostock, aber glauben Sie mir,
Sie befinden sich in der Minderheit. Der Homo Economicus (ich verwende
bewusst diesen traditionellen Ausdruck) unterwirft sich bedingungslos
dem wirtschaftlichen Zwang – nicht dem amerikanischen Imperialismus.
Diesen Zwang hat schon Karl Marx als den stärksten, den es gibt,
erkannt. Sie müssen schwimmen, sonst gehen Sie unter. Doch irgendwann
werden sich die Menschen so desorientiert fühlen, dass sie sich wieder
nach verlässlichen Werten sehnen werden. Dann werden wir zwei ein Glas
Wein trinken und unsere deutschen Namen in die Welt hinausschreien.
Herzlichst, Ihr Dr. V. Love
Ihre Fragen an: Turn on JavaScript!" title="Frage an Dr. V. Love">Turn on JavaScript!