
Problem zunehmend
erkannt
Die
drastischen Folgen der jahrzehntelangen autoorientierten
Verkehrspolitik für die physische und psychosoziale Entwicklung der
Kinder sind zum Glück in den letzten Jahren erkannt worden (siehe
Interview mit Marco Hüttenmoser auf Seite 8). Immer mehr wird die
selbständige Mobilität von Kindern zum Thema von Initiativen,
Projekten, Forschung, Konferenzen. 1999 haben sich die Verkehrs-
Umwelt- und Gesundheitsminister der europäischen WHO-Mitgliedsstaaten
in einer Charta u.a. dazu verpflichtet, Städte fussgänger- und
velofreundlich zu gestalten. Die Europäische Kommission hat im Frühjahr
eine eigene Broschüre zum Thema herausgebracht .
Velolaboratorium
Odense
Bis
in die 60er Jahre war Dänemark bei den tödlichen Kinderunfällen Europas
Schlusslicht. Darum setzte die Stadt Odense (100 000 Einwohner), den
Schulverkehr schon sehr früh auf die politische Agenda. Mit Erfolg. Die
Kinderunfälle nahmen um 80 Prozent ab und heute ist Odense Velostadt
Nummer eins in Dänemark. Über zwei Drittel aller Kinder gehen heute zu
Fuss oder mit dem Velo zur Schule. Als Odense 1999 vom
Verkehrsministerium zur dänischen Velostadt ernannt wurde, sind die
Veloaktivitäten noch stark erweitert worden. Statt teurer
Infrastrukturinvestitionen experimentiert man jetzt mit
einfallsreichen, massgeschneiderten günstigen Massnahmen, oft per
Internet: an einem Stichtag ermitteln die Klassenlehrer, wer wie zur
Schule kommt. Die Schulen geben die Daten in eine zentrale
Mobilitätsdatenbank ein, und schon ein paar Tage später verfügen die
städtischen Verkehrsplaner über topaktuelle Daten. Mit den
Geschwindigkeitskontrollen an Tempo-30-Strassen konnte das
durchschnittlich gefahrene Autotempo von 45 auf 30 km/h und die
Verkehrsunfälle um 82 Prozent gesenkt werden. Automatische
Tempokontrollen auf anderen Strassen haben die Zahl der Kinderunfälle
zwischen 1994 und 1998 um 24 Prozent gesenkt.


Was
Hänschen nicht lernt...
Kinder
sollen möglichst früh Erfahrungen mit dem Velo machen können – und ihre
Eltern damit positiv beeinflussen. Gesundheit ist dabei ein wichtiger
Aspekt. Attraktive Mitmachkampagnen stehen im Mittelpunkt.
Kooperationen mit Velohandel, Detaillisten und Sponsoren machen die
Aktionen preiswert. «Probier mal einen Veloanhänger!» richtete sich an
Eltern von Kindergartenkindern. Weil viele Eltern keine Erfahrung mit
Kinderanhängern haben, erhielten Kindergärten und Krippen von der Stadt
Veloanhänger in Dauerleihgabe zum Ausprobieren. Insgesamt haben sich
gut 100 Kindergärten und -krippen mit total 7500 Kindern daran
beteiligt. Für SchülerInnen der Klassen 6 und 7 war «Freewheeling»
gedacht: Klassenweise mussten in der Kampagnewoche möglichst viele
Kilometer geradelt werden. Dafür bekamen die SchülerInnen je einen
kostenlosen Velocomputer. 2001 radelten sie in der Kampagnewoche
durchschnittlich je 217 km und entdeckten, dass das keine
aussergewöhnliche Leistung darstellt.
Anstoss für
England
Was
Odense konnte, musste auch in Grossbritannien möglich sein. Mit dem
Ziel, Verkehrssicherheit zu verbessern, Autoabhängigkeit abzubauen, die
Gesundheit und selbständige Mobilität von Kindern und Jugendlichen zu
stärken und Bedingungen zu schaffen, unter denen Eltern ihre Kinder
getrost alleine zur Schule gehen lassen konnten, starteten 1995 in
Grossbritannien an zehn Schulen in vier Gemeinden ehrgeizige «Safe
routes to school»-Pilotprojekte (siehe auch obige Grafik). Der
Auslöser: In nur 20 Jahren war die selbständige Kindermobilität im
wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder gekommen, in manchen Städten
wurde der Anteil der Begleitfahrten am Verkehr in der Rush-Hour auf 20
Prozent geschätzt. Mediziner konstatierten einen schlechten
gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung und machten dafür mangelnde
Bewegung verantwortlich. Bei den Kindern anzusetzen, um die nachhaltige
Förderung der Volksgesundheit zu gewährleisten, erschien da nur
logisch. Als täglicher Pflichtweg für alle wurde der Schulweg als
besonders Erfolg versprechend angesehen.
Mit Kreativität
und Aktionen zu selbständiger Mobilität
Von
Anfang an setzte das Projekt auf intensive Kooperation aller
Beteiligten: Lehrer, Schüler, Eltern, Politiker, Gemeinde, Polizei,
Schul-, Umwelt- und Gesundheitsbehörden etc. Innerhalb kürzester Zeit
waren die Projekte aus den Schulen und Gemeinden nicht mehr
wegzudenken. Vor allem die SchülerInnen selbst haben schnell begriffen,
was für ein Riesengewinn die errungene selbständige Mobilität für sie
war. Mit grosser Kreativität wurden vielfältigste Aktivitäten
ergriffen, um die Alternativen zum Auto zu verbessern. Auf einer
Klassenfahrt nach Odense erfuhren sie am eigenen Leib, was Velo fahren
in einer echten Velostadt bedeutet – um Odenser Verhältnisse zu Hause
vom Lokalpolitiker für die eigene Stadt einzufordern. Beliebt und
verbreitet ist der Walking Bus, das organisierte, begleitete zu Fuss
Gehen zur Schule in Gruppen auf festen Routen und nach Fahrplan (siehe
Foto). In Ipswich hat man mit dem Velo inzwischen dänische Verhältnisse
erreicht. Eine Studie in Glasgow hat belegt, dass Fussgänger und
Velofahrende deutlich fitter sind als ihre autofahrenden Zeitgenossen.
Die Modellprojekte haben britannienweit Kreise gezogen: Safe Routes to
School ist Bestandteil nationaler Velostrategie; Schulverkehrspläne
sind zu einem Gemeinschaftsprogramm der Gesundheits-, Verkehrs- und
Bildungsministerien geworden.
Kinder erziehen
ihre Eltern
Auch
in Flandern (B) setzt man im «nachhaltigen Schulverkehr» auf vereinte
Kräfte. Finanzielle Unterstützung vom Staat gibt es nur bei gelungener
Kooperation zwischen Schule und Gemeinde. Der Trend: Praktische
Mobilitätserziehung auf der Strasse statt Verkehrserziehung im
Klassenzimmer. In immer mehr flämischen Gemeinden beteiligen sich die
Kinder begeistert am »Velo-Pooling» und dem «Walking Bus». Und: Kinder
erziehen ihre Eltern, wie das Beispiel Nijlen zeigt, Provinz Antwerpen:
Die bei einem Elternabend geäusserte Forderung nach mehr
Autoparkplätzen gab in einer Basisschule in Nijlen den Anstoss, über
Alternativen nachzudenken. Innerhalb nur eines Jahres wurde ein
Velo-Pooling-Projekt erfolgreich umgesetzt: Unter Begleitung in Gruppen
mit dem Velo nach Fahrplan entlang fester Routen zur Schule zu fahren.
In ganz Belgien gibt es Velo-Pooling mittlerweile an 85 Basisschulen.
Von 1999 bis 2001 stieg die Zahl der beteiligten Schüler von 815 auf
1956, die der Velo-Pooling-Gruppen von 214 auf 263, die der
begleitenden Eltern von 343 auf 621.
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Provinz Antwerpen: Verkehrsmittelwahl von SchülerInnen an Grundschulen in der Provinz Antwerpen, 2001 (in %). |
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|
|
Gesamt |
Stadtgebiet Antwerpen |
Vororte |
Agglomeration |
|
Fuss |
23,4 |
30 |
16 |
17 |
|
Velo |
26,1 |
14 |
41 |
30 |
|
Auto (Mitfahrer) |
30,7 |
36 |
19 |
35 |
|
ÖV (Tram, Bus) |
2,8 |
4 |
3 |
1 |
|
ÖV + Velo |
0,9 |
|
|
|
|
Kein festes Verkehrsmittel |
14,4 |
|
|
|
|
Andere |
1,8 |
|
|
|
|
Gesamt |
100 |
|
|
|
|
Quelle: Provincie Antwerpen, Strategisch Plan Regio Antwerpen, Vlaamse Stichting Verkeerskunde, De Lijn (2001): 10/10.Woon-Schoolverkeer, Enquête 2001. |
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Verkehrsmittelwahl im Schulverkehr in den Niederlanden, Belgien und Flandern (Teil von Belgien), 1999 (in %) |
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|
Niederlande |
Belgien |
Flandern |
|
Auto (Fahrer) |
3 |
4 |
4 |
|
Auto (Mitfahrer) |
13 |
37 |
28 |
|
Zug |
3 |
6 |
6 |
|
Bus/ Tram/ Metro |
7 |
19 |
16 |
|
Velo |
43 |
19 |
33 |
|
Fuss |
27 |
13 |
10 |
|
Andere |
2 |
2 |
3 |
|
Gesamt |
100 |
100 |
100 |
|
Quelle: CBS-OVG, Belgische Mobilitätsstatistik 1999 |
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