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Kein Umwelterlebnis im Auto

Ohne eigene Erlebnisse draussen in der Natur oder auf dem Spielplatz fehlen Kindern wichtige Erfahrungen, sagt Erziehungswissenschaftler Marco Hüttenmoser. Ursula Lehner-Lierz

velojournal: In Europa legen immer weniger Kinder ihre Alltagswege alleine zurück oder spielen draussen. Gilt das auch für die Schweiz?
Marco Hüttenmoser: Noch sieht es bei uns vergleichsweise gut aus. Ein Viertel der 6-9-Jährigen wird mit dem Auto gebracht, aber schweizweit gehen etwa zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen ab sechs Jahren zu Fuss oder mit dem Velo. Über jüngere Kinder wissen wir wenig. Lokale Einzelstudien (Kindergartenalter bis zur 4. Klasse) haben ergeben, dass der Anteil der selbständigen Wege sogar 70 Prozent erreicht, meist Fusswege. Weil Langzeituntersuchungen fehlen, kennen wir den Trend nicht. Auch bei uns besteht die Gefahr, dass die selbständigen Wege zu Fuss oder mit dem Velo abnehmen. Wir müssen alles daran setzen, unsere vergleichsweise noch gute Struktur zu erhalten!

Warum ist es so wichtig, dass Kinder selbständig unterwegs sind?
Es geht nicht nur darum, selbständig von A nach B zu kommen. Kinder müssen sich von klein auf einfach draussen aufhalten und auf der Strasse spielen können. Das ist essenziell für ihre motorische, psychische und soziale Entwicklung und eine wichtige Voraussetzung dafür, sich später als Verkehrsteilnehmer sicher zu verhalten. Wir konnten in Untersuchungen eindeutig nachweisen, dass erhebliche Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern bestehen, die in Wohnumfeldern aufwachsen, wo sie sich frei bewegen können und denen, die meist drinnen spielen und auf ihren Alltagswegen begleitet werden. Mit dem spielerischen Trottinett und Velo Fahren erlernt das Kind auch die sichere Fahrzeugbeherrschung. Wenn das Wohnumfeld stimmt, können Kinder alleine draussen spielen – und das tun sie bei schönem Wetter stundenlang. Diesen Zeitvorsprung kann Sport nicht wettmachen, das sind ja bestenfalls ein paar Stunden pro Woche.

Wie wirkt sich die ständige Begleitung auf die Kinder aus?
Wer überallhin begleitet wird, kann sich nicht zu einer selbständigen Persönlichkeit entwickeln. Es entstehen grosse gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Kind und Eltern, ganz abgesehen von dem erheblichen Zeitaufwand, den die Eltern – meist die Mütter – für die Begleitung leisten.



Und das Bringen mit dem Auto?
Wer festgeschnallt auf der Rückbank des Autos sitzt, macht kaum eigene Erfahrungen und kann keine Kontakte knüpfen, übt kein verkehrssicheres Verhalten, erlebt seine Umwelt nicht direkt. Wenn immer mehr Kinder mit dem Auto gebracht werden, steigt dadurch die Gefährdung für die anderen Kinder. Ein wahrer Teufelskreis, den wir dringend durchbrechen müssen!

Die meisten Gegeninitiativen setzen beim Schulweg an. Gibt es Alternativen?
Der Schulweg ist gut, aber wir müssen viel früher anfangen. Bereits im Kleinkindalter werden die wichtigsten Grundlagen dafür gelegt, dass ein Kind zur eigenständigen Persönlichkeit heranwächst und sich später auch entsprechend sicher im Verkehr bewegt. Und wenn wir bei den Schulwegen ansetzen, dann nicht nur bei ausgewählten Routen, sondern flächendeckend, denn jeder Weg kann ein Schulweg sein. «Walking bus» und «Velo-Pooling» sind Notfalllösungen in besonders kinderfeindlichen Situationen. Mittel übrigens, die den Autoverkehr schonen und gehen oder Velo fahren als gefährlich an sich darstellen.

Wie könnten sich Kinder wieder mehr selbständig bewegen?
Wir müssen das Tempo der Autos reduzieren, den Kindern Platz machen, Kommunikation zwischen den Menschen auf der Strasse ermöglichen, aber den Kindern auch gewisse Wagnisse zulassen. Dazu müssen wir beim Wohnumfeld beginnen. Hier wächst das Fundament unserer Demokratie heran, hier spricht man miteinander, lernt schon als Kleinkind Konflikte anzugehen, übt alltäglich Integration. Wenn das Wohnumfeld stimmt, können wir viele unserer heutigen Probleme lösen. Wir brauchen Platz für Kinder, ohne Autos, wo sie sich frei und gefahrlos bewegen können.

Wo sollte angesetzt werden?
Die Gemeinden sollten in den Wohnquartieren zügig möglichst viele Begegnungszonen mit Tempo 20 realisieren. Und Familien mit Kindern sollten sich bei anstehendem Wohnungswechsel Ort und Strasse bewusst danach
aussuchen, ob Quartierberuhigung bzw. Begegnungszonen bereits realisiert sind oder solche von den Behörden fordern.

Marco Hüttenmoser ist Leiter der Dokumentationsstelle Kind und Umwelt. Ursula Lehner-Lierz führte das Interview für velojournal

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