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Velo-Events: Von der Demo zum Spass-Anlass

Der diesjährige «Slow Up» um den Murtensee dürfte zum Mega-Ereignis der Expo.02 schlechthin werden. Noch nie war ein Öko-Event in der Schweiz so erfolgreich und konnte ein so grosses Publikum mobilisieren. Dabei spielen die Umweltorganisationen praktisch keine Rolle mehr. Bruno Schmucki
Wer Anfangs September letzten Jahres die Zeitungen aufschlug, kam nicht am Bild von Bundesrat Samuel Schmid vorbei, der zusammen mit 60’000 MiteidgenossInnen den Sonntag am Murtensee radelnd (70 Prozent der TeilnehmerInnen) oder skatend (25 Prozent) verbracht hatte. Die zweite Auflage des «Slow Up» – die eigentliche Generalprobe für den bevorstehenden Expo.02-Event vom 9. Juni – hatte doppelt so viele BesucherInnen angelockt wie im Jahr zuvor. Obwohl «Sämi» auf dem Bild etwas gequält lächelte – man fragte sich, ob es ihn im Schritt zwickte, weil er auf einem unbequemen Sattel sass, oder ob er den Helmriemen zu fest angezogen hatte – schien ihm die Fahrt auf den verkehrsfreien Strassen Spass zu machen.

Veloland-Erfinder als «Slow Up»-Initianten
Vielleicht wird der Sportminister auch dieses Jahr auf die «Entschleunigung der Gesellschaft» hinweisen, und sicher werden die Touristikfachleute zustimmend nicken. Die gleichen TouristikerInnen, die 1995 die Stiftung «Veloland Schweiz» aus der Taufe gehoben hatten und inzwischen stolz das nationale Radwandernetz mit seinen 3300 Kilometer vorführen. Sie stehen auch hinter dem «Slow Up»-Konzept. Die Idee wurde aus Deutschland importiert, wo Ende der Achtzigerjahre die ersten «autofreien Erlebnistage» stattfanden. Die Stiftung «Veloland Schweiz» konnte dabei auf die finanzielle Unterstützung der Expo.02 zählen, für welche sie das Projekt der «Human Powered Mobility» betreut. Gemäss dem deutschen Umwelt- und Prognose-Institut boomen diese Anlässe. Allein für das laufende Jahr 2002 sind über 43 Erlebnistage in Deutschland, der Schweiz und Österreich angekündigt, an denen insgesamt eineinhalb Millionen Teilnehmende erwartet werden.
Die Velotage in der Schweiz gehen allerdings auf die frühen Achtzigerjahre zurück: Jeweils am zweiten Juni-Wochenende nahmen Tausende an den Velotag-Demos teil. Prominenz war wenig zu entdecken, wenn man von den rot-grünen PolitikerInnen absieht, welche die Gelegenheit ergriffen, sich unter ihre Stammwählerschaft zu mischen. In Bern trat beispielsweise eine noch völlig unbekannte Musikgruppe namens «Züri West» auf, und als Festredner konnte ein gewisser Beat Kappeler gewonnen werden, damals noch Gewerkschaftsbundsekretär und einer, der auch so redete. Die Velotag-Demos waren «subkulturelle» Veranstaltungen, bei denen nicht nur Gilets und Wollsocken handgestrickt waren, sondern auch die Organisation und das Design. Offizielle Unterstützung oder gar Förderung wurde höchstens in Form von unentgeltlicher Polizeibegleitung gewährt. Doch die «Velo-Demos» waren Manifestationen mit Transparenten und grundsätzlichen Forderungen, die jedes Jahr ein bisschen konkreter und differenzierter wurden.
In den 90er Jahren verschwanden dann zuerst die Transparente und später die Forderungen. Erstere waren wirklich nicht praktisch, um noch länger per Velo durch die Städte gefahren zu werden, die Forderungen andererseits konnten bequemer und effizienter bei den inzwischen geschaffenen Velofachstellen deponiert werden. Das Publikum und die rot-grünen PolitikerInnen beteiligten sich noch zwei, drei Jahre am Spektakel, um dann ebenfalls zu Hause zu bleiben. Am Velotag gab es definitiv nichts mehr zu demonstrieren oder politisch zu holen. Wiederbelebungsversuche fanden meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Sanft statt slow
Hanspeter Guggenbühl

Zum «Slow Up», dem autofreien Erlebnistag, soll ich etwas schreiben, wünscht der Redaktor. «Slow Up»? Das bedeute Langsamverkehr, belehrt er mich. Ich denke an den stockenden Kolonnenverkehr, der vor dem Bareggtunnel oder Brüttiseller Kreuz immer öfter zum Stillstand kommt. Schon wieder falsch: Es gehe um «Human Powered Mobility», altdeutsch: mit Muskeln angetriebene Bewegung. Um sanfte Mobilität also, die in der Praxis allerdings oft schneller ist als die grobe.
Der allgemeinen Regel, wonach grobe Mobilität immer öfter gebremst wird, stehen die speziellen Exzesse gegenüber, die unter den Titeln «Verwilderung im Strassenverkehr», «Temporausch» oder «Mit 213 km/h in die Radarfalle» alljährlich und alltäglich in den Medien beschrieben werden. Seit 1988 hat sich die Zahl der – erwischten – «Temposünder» verdoppelt. 28'000 Fahrerinnen und Fahrer mussten 2001 den Ausweis abgeben, weil sie die zulässige Höchstgeschwindigkeit massiv überschritten hatten.
Im Durchschnitt allerdings kommen die Bolzer kaum schneller ans Ziel als die konstanten Schleicher. Aber darum geht es auch nicht. Das Ziel ist der Weg: Temporausch ist ist eine Sucht, die aus der Droge Auto entsteht.
Gegenüber dem Missbrauch von andern Drogen unterscheidet sich der automobile Temporausch allerdings in einem wesentlichen Punkt. Wer Heroin oder Kokain nur konsumiert, bleibt heute in der Regel straffrei. Hart bestraft werden hingegen die Rauschgift-Dealer. Bei der Autosucht verhält es sich gerade umgekehrt: Wer mit über 200 km/h durch die Landschaft brettert, riskiert eine saftige Strafe, während die Hersteller und Händler der über 200 Kilometer schnellen Karossen nicht nur straflos bleiben, sondern obendrein auch noch mit einer überdurchschnittlichen Handelsmarge belohnt werden.
Das ist nicht nur absurd, sondern auch volkswirtschaftlich völlig ineffizient. Denn wenn der Staat generell verbieten würde, Fahrzeuge in Verkehr zu bringen, die schneller fahren können als die gesetzliche Höchstgeschwindigkeit, könnte sich die Öffentlichkeit Tausende von Blech- sowie andern Polizisten sparen und obendrein die Verkehrs- und Unfallkosten um Milliarden reduzieren.
Eine «eingebaute» Geschwindigkeitslimite von maximal 120 km/h würde den groben Verkehr zwar kaum slower machen. Aber sanfter. Und den sanften sicherer. Viel sanfter und sicherer als ein gut gemeinter «Slow Up»-Tag pro Jahr.

Wo bleibt das lokale Handeln?
Als an Pfingsten 1998 «Veloland Schweiz» eröffnet wurde, wurde ausdrücklich auf den einst traditionellen Velotag verzichtet, zugunsten des zentralen Events. Dies war eine zweifache Zäsur. Einerseits verabschiedete sich die IG Velo damit vom Dogma der Umweltbewegung «Global denken – lokal handeln», welches sich schlecht mit Mega-Anlässen und aufwändiger Logistik verträgt. Andererseits nahmen sich erstmals Marketing- und Event-Profis einer Veloveranstaltung an, ohne dass es sich dabei um einen sportlichen Anlass gehandelt hätte. Bundesrat Ogi begrüsste zur «Veloland»-Eröffnung etwa 3000 TeilnehmerInnen – eine Zahl, die angesichts der eingesetzten finanziellen Mittel als kläglich bezeichnet werden darf. Doch damit hatte die Uraufführung der neuen Art von Velo-Events stattgefunden. Seither demonstriert nicht mehr eine «Subkultur», sondern das breite und konsumwillige Publikum. Die Freizeitindustrie kommt auf ihre Kosten. Der Plauschanlass für Familien, Damenturnvereine und Gruppen schmerbäuchiger Hobby-Gümmeler in schickem Velodress war geboren.
Die politische Tradition sollte durch einen Rückgriff auf eine Idee aus der Erdölkrise der 70er Jahre gerettet werden: die autofreien Tage. In Italien stiess diese staatlich verordnete Auto-Abstinenz Ende der Neunzigerjahre auf sehr grosse Akzeptanz. Was die ItalienerInnen kapieren, versteht der Rest von Europa sowieso, sagten sich Öko-AktivistInnen und lancierten – von der EU-Kommission unterstützt – den 22. September als autofreien Aktionstag. Letzten Herbst fanden Aktionen in tausend europäischen Städten statt. Behörden sperrten Teile des Strassennetzes für den Autoverkehr, das Rahmenprogramm gestalteten die lokalen Umweltorganisationen und die ihnen freundlich gesinnten Verwaltungsstellen.
In der Schweiz beteiligten sich Baden, Basel, Bern, Genf, Lausanne, Luzern, Zürich und St. Gallen am 22. September, doch der Tag war verregnet und kalt. Die Veranstaltungen hatten den Charme einer Zeltmission – allerdings ohne Zelt. Der Zürcher «Tages-Anzeiger» stellte danach fest: «Der autofreie Aktionstag trieb lediglich die Organisatoren auf die abgesperrten Strassen – ein äusserst trübes Fazit». In St. Gallen war die Sache so trist, dass die Stadtregierung kurzerhand beschloss, sich am Aktionstag künftig nicht mehr zu beteiligen. Und in Bern verpasste ein aufgebrachter Autofahrer einem Polit-Aktivisten einen gezielten Kinnhaken, weil dieser ihn mittels eines Schoggi-Osterhasen auf die Unpässlichkeit seiner Mobilitätsart hingewiesen hatte. Nach der ambulanten Spitalbehandlung lächelte der Angegriffene dann etwa so gequält wie Bundesrat Samuel Schmid auf dem Bild des letztjährigen «Slow Up». Nur Spass hat ihm der Aktionstag nicht gemacht.

Bruno Schmucki ist Redaktor der Zeitung der Gewerkschaft SMUV und war von 1993 bis 1997 Sekretär der IG Velo Schweiz und der IG Velo Bern.

Slow Up Murtensee und Rollerparade Neuchâtel, 8./9. Juni 2002:

Die 30 Kilometer lange, durchwegs asphaltierte Slow-Up-Route um den Murtensee am Sonntag 8. Juni ist die gleiche wie in den letzten beiden Jahren. Alle tangierten Strassen bleiben von 10 bis 17 Uhr für den motorisierten Verkehr gesperrt. Die Eröffnungszeremonie beginnt um 10.30 Uhr in Nant am Fusse des Vully. Es wird empfohlen, den See im Uhrzeigersinn zu umrunden, also über Murten Richtung Avenches. Schiffskurse verbinden Vully und Murten, sodass auch eine halbe Runde absolviert werden kann. Unterwegs ist für Verpflegung und Unterhaltung gesorgt.
Bereits am Samstag 8. Juni steigt in Neuchâtel die erste Rollerparade mit House-Musik. Diese «Streetparade auf Rädern» findet von 15 bis 22 Uhr auf dem autofreien Quai Max Petitpierre am Neuenburgersee statt. Den Auftakt macht um 14.00 Uhr das Festival des Strassensports mit Hip-Hop Dance und einem Street-Basket-Turnier sowie dem Swiss Futurebike Race. Am Start ist die Schweizer «Futurebike»-Elite. Um 16 Uhr finden Plauschrennen für jedermann statt, und ab 23 Uhr steigt die Latino Dance Party Live.

Slow Up Murtensee 2002 – wie kommt man hin?
Per Bahn: Beste Verbindungen aus allen Richtungen nach Ins, Kerzers und Murten dank Expo.02-Fahrplan. Info auf www.sbb.ch sowie bei Rail Service, Tel. 0900 300 300 (1.19/Min.).
Im Auto: Autobahn A1 Bern – Lausanne, Ausfahrten Kerzers, Murten, Avenches. Zufahrten zu den Parkplätzen sind signalisiert.
Per Velo oder Skates: Auf dem signalisierten HPM-Routennetz der Expo.02 ab Biel, Neuchâtel, Ins und Kerzers nach Murten.
Veloverlad: Züge mit zusätzlichen Gepäckwagen für Velos am So., 9. Juni:

Bern ab 09.29 10.29
Murten an 10.15 11.15

Murten ab 16.46 17.46
Bern an 17.30 18.30

Zusätzlich: Velotransport mit Lastwagen, Murten Bahnhof nach Bern Hauptbahnhof.

Mietvelos und -Skates am Slow Up:
SBB/Rent-a-Bike an den Bahnhöfen:
Avenches 026 675 11 06
Murten 026 670 26 46
Kerzers 031 755 51 25
Ins 032 313 15 29

Velo- und/oder Skates-Miete: Expo.02/HPM in den Bike-Stationen Murten, Neuchâtel, Ins, Biel, zentrale Telefonnummer 0900 02 02 02 (0.50/Min.)

Unterkünfte:
Murten Tourismus 026 670 51 12
Avenches Tourismus 026 676 99 22
Vully Tourismus 026 673 18 72
Expo.02 (Tipis, Camphotel etc.)
0900 02 02 02 (0.50/Min.)
HPM-Weekend 0901 02 02 02 (0.70/Min.)

Informationen zu:
Rollerparade:
Neuchâtel Tourismus: 032 889 68 90
Slow Up: www.slowup.ch
Schifffahrt Murtensee: 032 729 96 00

Auch am Bodensee
Am 25. August wird auch im Thurgau am Bodensee ein Slow Up durchgeführt. Dort wird ein dreissig Kilometer langer Rundkurs von 10 bis 17 Uhr für den motorisierten Verkehr gesperrt und ganz für Human Powered Vehicles reserviert.
Susi Schildknecht

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