
Die Ansprüche an ein Tourenvelo sind schnell
formuliert: Es soll bequem sein, auch wenn man längere Zeit im Sattel
sitzt. Es soll über exzellente, gutmütige Fahreigenschaften verfügen,
speziell auch bei Volllast. Robust und zuverlässig muss es seinen
Dienst tun und viel Gepäck tragen können. Und es braucht eine gute
Übersetzung, um den Bergen und dem Wind den Schrecken nehmen zu können.
Sowie kräftige Bremsen, damit man Passabfahrten geniessen kann.
Ganz simpel oder voll hightech?
Um
diese Anforderungen zu erfüllen gehen die Velobauer zwei
unterschiedliche Wege. Entweder sie bauen das Velo so simpel wie
möglich mit längst bewährten Komponenten (typisches Beispiel dafür ist
das MTB Cycletech Papalagi), oder sie bedienen sich neuer technischer
Errungenschaften (Federung, Scheibenbremsen, Nabenschaltung), die
aufgrund ihrer Funktionsprinzipien Komfort und Dauerhaftigkeit
versprechen (typisches Beispiel hier ist das Riese-Müller Delite Grey).
Es gibt aber auch Hersteller, die einen Mittelweg suchen (z.B. Villiger
mit Cabonga). Womit man schliesslich auf Reise geht, hängt vom
Komfortbedürfnis, den geplanten Destinationen und nicht zuletzt auch
vom Vertrauen in die gewählte Velotechnik ab. Eine alte
Tourenfahrer-Weisheit besagt allerdings: «Je schöner die Landschaft,
desto schlechter die Strassen.» Nur kann man dann die Landschaft nur
noch halb geniessen. Wer schon mal einen Tag Wellblechpiste
durchgerüttelt hat, dem braucht man da nichts zu erzählen. Auf solchen
Routen wünscht man sich etwas mehr Komfort. Insbesondere die verwöhnten
Fully-Fahrerinnen und -Fahrer werden die Vorzüge einer Federung auch
auf längeren Reisen geniessen. Diese Wünsche erfüllen das Giant
Expedition und das Delite Grey mit ihren sorgsam konstruierten 60 bis
80 mm Federweg. Der konstruktive Aufwand einer Federung scheint jedoch
im Widerspruch zur gewünschten Zuverlässigkeit zu stehen. Eine Federung
vermag aber Belastungsspitzen und Vibration auf das Velo zu reduzieren,
womit sämtliche Fahrradteile geschont und Defekte vermieden werden
können.
Eine eigenwillige, aber sehr interessante Lösung
präsentiert Cortebike mit dem Mehari: Die Federung ist aus simplen,
wartungsfreien und einfach austauschbaren Einzelteilen konstruiert
(Rosta-Federelement), was einen zuverlässigen Betrieb garantieren soll.
Natürlich bietet das Mehari nicht die Federwege eines Giant Expedition,
auffällig ist aber, wie sensibel auch diese einfache Konstruktion
selbst auf feine Unebenheiten reagiert.
Einen ordentlichen Komfortgewinn mit wenig konstruktivem Mehraufwand
bringt bereits eine gut funktionierende, gefederte Sattelstütze, wie
sie Villiger fürs sein Caponga verwendet. In Kombination mit einer
Federgabel ergibt sich ebenfalls eine prüfenswerte Komfortlösung, zumal
nun spezielle Low-Rider-Gepäckträger auf dem Markt sind, die
MTB-Federgabeln tourentauglich machen. Schade, dass dieses Konzept von
keinem Hersteller realisiert wurde. In diesem Zusammenhang sei auch auf
die LSM-Federgabel des Zürcher Tourenspezialisten Robert Stolz
hingewiesen: Sie erlaubt eine einwandfreie Montage eines Low-Riders,
das Rosta-Federelement garantiert ein sensibles Ansprechverhalten bei
wenig Wartung.
Auffällig: Drei Hersteller statten ihre Top-Modelle mit der
Rohloff-14-Gang-Nabenschaltung aus. Keine schlechte Wahl: Denn gerade
auf Touren geniesst man den Komfort des einfachen Schaltens (alle Gänge
mit einer Hand, Schalten auch im Stand möglich). Wer die
Übersichtlichkeit einer Kettenschaltung schätzt, wird sich mit der
«Blackbox» nicht anfreunden können. Doch das deutsche Wunderding mit
dem Schaltbereich einer modernen MTB-Schaltung hat sich als absolut
zuverlässig erwiesen. Zudem ist der Verschleiss an Kette und Ritzel
deutlich geringer.
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Zuverlässige Hydraulik
Auch
bei den Tourenvelos haben Scheibenbremsen Einzug gehalten. Damit kann
dem Felgenverschleiss entgegengewirkt werden. Zudem bietet eine
Scheibenbremse bei langen Abfahrten mit Gepäck Schutz vor Überhitzen
der Felge – sprich: Platzen des Schlauchs. Doch nicht nur die
Scheibenbremsen funktionieren hydraulisch: Am Villiger Cabonga sowie am
Aarios Flitzer kommen hydraulische Felgenbremsen von Magura zum
Einsatz: Wartungsarmut und gute Dosierbarkeit sprechen für diese Wahl.
Auch wenn die Hydraulik auf den ersten Blick sehr anfällig aussieht, in
der Paxis haben sich die Systeme als äusserst zuverlässig erwiesen. Im
Reisegepäck braucht es jedoch etwas mehr Werkzeug und Knowhow.
Dank seinen typischen Qualitäten (robust, grosse Gepäckkapazität,
entspannte Sitzposition) eignet sich das Tourenvelo bestens auch als
Alltagsvelo. Für den tagtäglichen Einsatz empfehlen sich zusätzlich
eine gute Lichtanlage, Schutzbleche und Ständer. Die vollgefederten
Modelle von Giant und Riese-Müller machen aber auch im Gelände eine
gute Figur und lassen sich auch als MTBs verwenden: Übers Jahr damit
auf den Hausberg, in den Sommerferien mit Gepäck quer durch Island.
Fazit: Der Markt bietet derzeit eine Vielzahl guter und sehr
eigenständiger Tourenvelos. Der Touren- und Reisevelo-Markt wird aber
nicht nur von den grossen Herstellern abgedeckt. Einige Veloläden
bieten innovative, massgeschneiderte Bikes.
| Tipps für lange Reisen Wer eine grössere Tour vor sich hat, tut gut daran, sein Velo vorher «einzufahren»: Sattel und Sitzposition sollten sich bewährt haben (scheuen Sie sich nicht davor, zwei, drei Sattel-Modelle auszuprobieren, die Sitzposition kann oft mit einfachen Mitteln optimiert werden). Etwas Basiswissen zur Velotechnik ist immer gut: Optimal ist, wenn man nicht nur einen Platten selber flicken kann, sondern auch einen Bremsklotz, ein Kabel oder gar eine Speiche ersetzen kann. Ins Reisegepäck kommt passendes Werkzeug für die wichtigsten Schrauben (am besten vor der Reise durchchecken, was es wirklich braucht), Pumpe, Pneuhebel, allenfalls Nippelspanner und Kettennietendrücker. Dazu kommt ein Ersatzschlauch, Flickzeug, einige Ersatzschrauben und etwas Kettenöl. Wenn man Touren in abgelegene Gebiete unternimmt, in denen die Versorgung mit Ersatzteilen nicht gewährleistet ist, legt man sich am besten noch Bremsbeläge, Brems- und Schaltkabel, Ersatzspeichen, eine Ersatzkette und allenfalls einen (faltbaren) Ersatzpneu mit ins Reisegepäck. Auf der Reise lohnt es sich, alle 1000 Kilometer einen Velocheck durchzuführen. Dabei werden alle Verschraubungen überprüft, Bremsen nachgezogen, Schaltung justiert, Kette geölt, Luftdruck überprüft. Ein kurzer Veloputz ist auch immer eine gute Sache, nicht primär der Sauberkeit wegen, sondern weil kleine Mängel beim Putzen meist frühzeitig entdeckt werden. Ketten und Ritzel sind bei Kettenschaltungen Verschleissteile, die Lebensdauer beträgt rund 3000 bis 5000 Kilometer. Auf längeren Reisen kann die Lebensdauer mit folgendem Trick erhöht werden: Im Gepäck kommt eine zweite Kette mit, welche abwechselnd alle 1000 km mit der ersten ausgetauscht wird. Der Verschleiss kann so verringert werden, bis 8000 Kilometer sind mit einem Satz möglich, regelmässige Kettenpflege natürlich vorausgesetzt. |