![]() |
| Lastwagen und Autos werden immer breiter – Velos werden immer mehr an den Rand gedrängt. |
Wer kennt die Situation nicht: Die Sonne
scheint,
das Wetter ist angenehm – also nichts wie los auf das Velo und hinein
ins Vergnügen. Dieses hört immer öfter schon an der nächsten
Verkehrsachse auf. Der erhoffte Fahrspass wird meist abrupt zum
Verkehrskampf und für viele zum Alptraum. Zwar sind in den letzten
Jahren von Kantonen und Gemeinden vielerorts beträchtliche
Investitionen in Radwege und Veloverbindungen getätigt worden. Dieses
Infrastrukturangebot wird grundsätzlich geschätzt, aber nur von einem
Teil der Velofahrenden auch wirklich genutzt, vor allem von einer
jüngeren, urbanen Schicht. Denn selbst die ausgeschilderten Strecken
bleiben gefährlich, insbesondere innerstädtisch und in den
Agglomerationen. Und leider werden die Anstrengungen zugunsten des
Veloverkehrs vom massiven Anstieg des motorisierten Verkehrs wett- oder
sogar zunichtegemacht. Die Lastwagenlawine auf immer mehr
Hauptverkehrsachsen macht den Schwächeren im Verkehr den Garaus.
1981 waren in der Schweiz etwas über drei Millionen Motorfahrzeuge
immatrikuliert. Im Jahr 2001 waren es bereits über fünf Millionen. Der
Motorisierungsgrad ist in den letzten zwanzig Jahren auf 90 Prozent der
Haushalte gestiegen (Zahlen aus dem Mikrozensus 2000). Gleichzeitig
sind Automodelle «gewachsen». Ein VW Golf ist seit seiner Einführung
Ende der Siebzigerjahre zwar nur gut sieben Zentimeter länger und vier
Zentimeter breiter geworden. Doch deutlicher ist die Entwicklung im
Bereich der geländegängigen «Suburban Vehicles» (SUV), deren
Verkaufserfolge nach den USA nun auch auf unseren Strassen sichtbar
werden. Sie sind oft gegen fünf Meter lang und zwei Meter breit. Das
neuste Range-Rover-Modell ist einen ganzen Meter länger und zwanzig
Zentimeter breiter als der klassische Land Rover. Natürlich werden in
den Städten auch immer mehr Kleinautos verkauft, die Tendenz zu
Luxusautos mit grossen Aussenmassen nimmt aber auch in der Schweiz zu.
Die Brummi-Lawine
Beim
Schwerverkehr waren im letzten Jahr 285’246 Fahrzeuge
(Sachentransportfahrzeuge inkl. Lieferwagen bis 3,5 Tonnen) in der
Schweiz immatrikuliert. Dies sind knapp 12 Prozent mehr als 1990. In
der gleichen Zeit stieg aber der alpenquerende Güterverkehr um 80
Prozent auf 1’318 Mio. Tonnen an. Davon fuhren 84 Prozent auf der
Gotthardachse. Für den Schwerverkehr gilt im Übrigen das Gleiche wie
bei den Personenwagen: Nicht nur die Zahl der Lastwagen resp. deren
Fahrten hat stark zugenommen. Der Gesetzgeber hat die Maximalbreite in
der Zwischenzeit von 2,30 auf 2,50 Meter und die zulässige Last
sukzessive von 28 auf 34 Tonnen erhöht. Kühlwagen dürfen schon heute
mit einer Breite von 2,60 Meter herumfahren. Ab dem Jahr 2005 werden in
der ganzen Schweiz im Rahmen der bilateralen Verträge auch 40-Tönner
verkehren. In den grenznahen Regionen sind sie bereits erlaubt. Last
but not least sind seit kurzem längere Sattelschlepper zugelassen,
welche durch ihren grossen Schwenkbereich für Velofahrende und
FussgängerInnen besonders gefährlich sind.
Auswirkungen auf den
Veloverkehr
Ob
dieser Zahlen mag verwundern, warum sich nicht noch mehr tödliche
Unfälle ereignen und dass die Unfallzahlen sogar rückläufig sind. Doch
welche Auswirkungen hat die massive Verkehrszunahme auf den
Veloverkehr? Leider gibt es dazu nur wenig Datenmaterial. Zwar nimmt
die Anzahl der schweren Unfälle mit Velos ebenfalls ab, und tödliche
Lastwagen-/Velounfälle sind glücklicherweise selten geworden. Doch in
der Statistik sind jene Opfer versteckt, die dank der modernen Medizin
zwar gerettet werden können, aber womöglich invalid bleiben oder
chronische Gesundheitsschädigungen davontragen. Eine grosse Unbekannte
bilden die Fast- oder Bagatellunfälle zwischen Auto- und Velofahrenden,
die in vielen Fällen glimpflich verlaufen und deshalb der Polizei gar
nicht gemeldet werden.
Thomas Ledergerber,
Projektleitungsmitglied von Veloland Schweiz, weist darauf hin, dass es
einzelne kritische Strecken auf Veloland-Routen gibt, die auf
Hauptstrassen geführt werden. Vor allem die zehn Kilometer lange
Axenstrasse zwischen Brunnen und Flüelen bereitet dem
Veloland-Verantwortlichen Sorgen: «Ein Viertel des ganzen
Gotthard-Güterverkehrs geht über diese Route. Zudem ist es die einzige
fahrbare Veloverbindung zwischen den Kantonen Uri und Schwyz. Die
Velofahrenden werden hier pro Minute von ein bis zwei Lastwagen
überholt oder gekreuzt. Auf der engen und kurvigen Strasse hat es oft
Sicherheitslinien, welche kaum Platz am rechten Rand zulassen. Trotzdem
werden VelofahrerInnen von LKWs sehr riskant überholt, was meist mehr
als nur ungemütlich ist.» Die Stiftung Veloland Schweiz wertet zusammen
mit der BfU deshalb seit drei Jahren Unfallstellen im Routennetz aus
und lässt die Erkenntnisse den kantonalen Stellen zukommen.
«Paradoxerweise sind subjektiv gefährliche Stellen nicht immer sehr
unfallträchtig, weil für kurze Zeit die Aufmerksamkeit aller
Verkehrsteilnehmer sprunghaft ansteigen kann, was aber nicht
Normzustand sein kann, und so müssen diese Stellen trotzdem saniert
werden», sagt Ledergerber weiter. Die Veränderung geht mehr in Richtung
atmosphärische Veränderung, der psychische Druck, den die Lastwagenflut
auf eine Veloland-Route ausübt, ist aber kaum messbar. Sicher ist aber,
dass eine Strecke wie die Axenstrasse für wenig geübte Velofahrende ein
grosses Hindernis darstellt.
Immer mehr Brummis auf dem Land
Oskar
Balsiger, Velobeauftragter des Kantons Bern, ortet noch ein anderes
Problem: «Seit der Einführung der LSVA (Leistungsabhängige
Schwerverkehrsabgabe) fahren mehr und mehr Lastwagen auf Landstrassen,
um Kosten zu sparen. Zudem lotsen moderne Navigationssysteme die
Chauffeure durch Gebiete, die vom Schwerverkehr bisher verschont
blieben.» Viele Kantonsstrassen leiden ob der Zusatzbelastung. Sie sind
nicht für schwere Lastwagen gebaut, schon gar nicht für die 40-Tönner,
die mehr und mehr auf unseren Strassen verkehren. Gegen Sperrungen
wehrt sich aber ein Teil des Transportgewerbes. Dort reklamiert man
Wettbewerbsverzerrungen. Oskar Balsiger kann zwar bis anhin auch keine
erhöhte Unfallhäufigkeit feststellen, befürchtet aber, dass mehr und
mehr wenig oder ungeübte Velofahrende die Kantonsstrassen meiden
werden. Das führt zu einer Abnahme des Veloverkehrs in ländlichen
Gebieten. Daran ist allerdings auch das verbesserte ÖV-Angebot mit
«schuld», was ins Bild einer immer mehr auf Bequemlichkeit setzenden
Gesellschaft passt.
| Politischer
Handlungsbedarf Im Verkehr sind die Fahrzeuge in den letzten zwanzig Jahren grösser, breiter, länger und schwerer geworden. Doch das Velo ist in dieser Zeit – abgesehen von einigen neuen Bequemlichkeiten – schlicht ein Velo geblieben. Deshalb ist es im Verkehr nach wie vor so praktisch und flexibel. Politisch ist diese Tatsache gleichzeitig Segen wie Fluch, denn das Velo kostet nach wie vor praktisch nichts, hinterlässt keine Abgase und ist so leise, dass es niemanden stört. So läuft der Veloverkehr Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Denn Velos fordern, im Gegensatz zum motorisierten Verkehr, nicht zur politischen Diskussion und zu teuren Problemlösungen heraus. Deshalb müssen das Bundesamt für Strassen (ASTRA), die Kantone und die Gemeinden besondere Anstrengungen unternehmen und sich für die bessere Akzeptanz und den Schutz der Velofahrenden einsetzen. Nur so wird Velofahren so attraktiv, dass ein grösserer Bevölkerungsteil als bis anhin auch wirklich umsteigt. Zudem hat sich der Bundesrat das Ziel gesetzt, die Zahl der alpenquerenden Lastwagenfahrten bis ins Jahr 2004 auf 650’000 zu halbieren, um die Ziele des Alpenschutzes zu erreichen. Wie er dies angesichts des massiven Gegendrucks der grossen Automobilverbände und der Lastwagenlobby umsetzen kann, ist völlig offen. Wir Velofahrenden müssten uns aber ein Beispiel an den lautstarken Vertretern der motorisierten Zunft nehmen und selbst wieder laut werden, bevor wir neben dem Lastwagengeröhre und einem Haufen Lifestyleblech auf den Strassen keinen Platz mehr finden. Bescheidenheit in Ehren, aber weiter kommt man ohne sie. Leider. Pete Mijnssen |