
Die
Gemeinde-, Kantons- und Bundespolitiker hätten nichts unternommen, um
die Bevölkerung zu schützen, und damit gegen das Gesetz verstossen. Das
kantonale Gesundheitsgesetz lege fest, dass der Staat die Gesundheit
der Bevölkerung schützen müsse. Neben den drei Grossräten Bill Arigoni,
Manuele Bertoli (beide SP) und Giorgio Canonica (Grüne) haben
verschiedene Protestbewegungen sowie die Alpenschutzinitiative und die
Tessiner SP die Klage unterzeichnet. Arigoni bezeichnete die
Strafanzeige als eine neue Front im Kampf für den Umweltschutz.
In
den USA wurde im März die bisher grösste und längste Studie zum Thema
Feinstaub publiziert. Die Forscher verfolgten über einen Zeitraum von
16 Jahren eine halbe Million AmerikanerInnen in rund hundert Städten.
Lebensstil, Ernährung und Zigarettenkonsum wurden mit der jeweiligen
Luftqualität der Wohnorte verglichen. Das Fazit: Das Lungenkrebsrisiko
eines Menschen, der in einem stark Feinstaub-belasteten Gebiet wohnt,
ist gleich hoch wie der einer Person, die mit einem Raucher
zusammenlebt. Als gefährlich erweist sich vor allem der PM-2,5-Staub,
eine Mischung aus winzigen Schwebeteilchen, die vor allem bei der
Verbrennung fossiler Energieträger entstehen. Die grössten dieser
Staubpartikel messen 2,5 Mikrometer (zum Vergleich: Ein menschliches
Haar ist bis zu 100 Mikrometer dick.) Diese Kleinstpartikel dringen
tief in die Lunge ein, weil sie zu klein sind, um in der Nase
herausgefiltert zu werden. Sie lagern sich in der Lunge ab und
konzentrieren sich dort. Die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu
sterben, wächst pro zehn Mikrogramm PM-2,5-Staub/m3 Luft um acht
Prozent.
Grenzwert längst überschritten
Die
Gesamtmenge der «lungengängigen Feinstäube» wird heute überall
gemessen. Als Höchstwert für das Jahresmittel gelten in der Schweiz 20
Mikrogramm (des grobkörnigeren) PM-10-Staubs/m3 Luft – was etwa 14
Mikrogramm PM-2,5 entspricht. Der Grenzwert werde in städtischen
Gebieten in der Schweiz nicht mehr eingehalten, erklärte Ursula
Ackermann-Liebrich, Leiterin des Instituts für Sozial- und
Präventivmedizin der Universität Basel, gegenüber der
«SonntagsZeitung». Entlang von Hauptverkehrsachsen misst man bereits 30
bis 40 Mikrogramm PM-10/m3 Luft. Verglichen mit den amerikanischen
Ergebnissen bedeutet dies ein um rund 12 Prozent erhöhtes, tödliches
Lungenkrebsrisiko. In der Schweiz geht man von rund 2000 Todesfällen
aus, die bereits heute auf zu hohe Feinstaubbelastung zurückzuführen
sind. Hauptquelle ist der zunehmende Verkehr. Dieselmotoren stossen
besonders viele der Schwebeteilchen aus.