
Villiger hat keinen Sozialplan vorgesehen. Für die Velobranche besteht
auch kein Gesamtarbeitsvertrag, der dies vorsehen würde. Nachdem der
bisherige sukzessive Personalabbau nicht zu Härtefällen geführt hat,
hofft die Geschäftsleitung, dass auch alle jetzt gekündigten
MitarbeiterInnen eine neue Stelle finden werden. Im Prinzip würde die
Villiger Diamant Bike einige Löter übernehmen, doch für die im
Luzernbiet verwurzelten Fachleute ist ein solcher Wechsel nach
Deutschland wohl unzumutbar.
Für Branchenkenner kommt diese Zäsur nicht überraschend: Seit Jahren
stehen die Schweizer Velohersteller unter einem enormen Kostendruck.
Vor Cilo sind innert kurzer Zeit schon die einst so renommierten Marken
Allegro, Alpina, Condor und Tigra verschwunden. Festhalten an der
heimischen Produktion wurde da und dort als Heimatschutz abgetan.
Villiger erachtete demgegenüber «swiss made» immer als wichtiges
Verkaufsargument. Eine einschneidende Veränderung bahnte sich aber
bereits auf die Saison 2001 hin an. Wegen hoher Anti-Dumping-Zölle für
Nicht-EU-Erzeugnisse drängte sich eine Verlagerung der bisher in der
Schweiz hergestellten Velos für den deutschen Markt ins Sachsen-Werk
auf. Mit der Halbierung des bisherigen Ausstosses verblieben noch
15'000 Villiger-Velos für die Schweiz, wovon gerade noch ein Drittel
mit gemufften Stahlrahmen. Offenbar eine kritische Grösse, welche die
«industrielle Logik» ihren Lauf nehmen liess: Halbe Lohnkosten waren
schliesslich das schlagende Argument, die komplette Villiger-Produktion
in Deutschland zu fertigen.
Die Medienmitteilung beschreibt diesen Prozess vornehm als
«europäisches Produktionscenter» für die ganze Gruppe. Immerhin ist
Villiger damit nicht den billigsten Weg gegangen, der darin bestanden
hätte, ein weiteres austauschbares Fernostprodukt anzubieten. Objektiv
gesehen dürfte auch «made in germany» den gewohnten Qualitätsstandard
liefern, wenngleich das Diamant-Werk bislang noch keine hochpreisigen
gemufften Velos herstellte. Zudem verbleiben Produktentwicklung,
Marketing und Logistik sowie der Kundendienst in der Schweiz, wobei mit
dem Geschäftsführer und dem Chefdesigner die zwei wichtigsten Posten
ohnehin von Deutschen besetzt sind.
Machen die Händler mit?
Die
grosse Frage freilich ist, wie gut die treuen Villiger-Händler diesen
Philosophie-Spagat goutieren. Jahrelang wurde «swiss made» als
Qualitätsvorteil hervorgehoben. Nun wird das Verkaufsargument abrupt
über Bord geworfen. Noch letzten Herbst gab Heinrich Villliger an der
IFMA ein klares Bekenntnis zum Produktionsstandort Schweiz ab.
Händler wundern sich deshalb, wieso dieser Schritt doch so schnell
vollzogen wurde. Gesamtspartenleiter Hugo Blech führt zwar die
schlechte Stimmung in der Branche an. Doch im Gegensatz zu vielen
deutschen Mitbewerbern, die Rückgänge von 20 bis 40 Prozent zu verdauen
haben, soll Villiger Diamant gegenwärtig nur acht Prozent hinter den
letztjährigen Zahlen zurückstehen. Und auch in der Schweiz habe man
nicht mehr verloren – ein Rückstand, der mit einigermassen ordentlichem
Wetter allemal noch zu korrigieren wäre.
Es muss also davon ausgegangen werden, dass nicht nur die
Konjunkturflaute und die Zollregelungen, sondern mindestens so sehr
interne Strukturprobleme das Rad ins Rollen gebracht haben. Ganz
offensichtlich gab es zu wenig Synergienutzungen zwischen den beiden
Werken. So leistete man sich auf diese Saison hin noch den Luxus, für
die Villiger-Kollektion in Deutschland und der Schweiz zwei komplett
verschiedene Prospekte herzustellen. Mit rund 50 Modellen war auch die
Palette wohl viel zu breit und zu verzettelt. Schliesslich hat das
Führungskarussell in Buttisholz zu späten, aber umso heftigeren
Konsequenzen geführt. Nachdem Damian Wirth, der Schwiegersohn des
Patrons, die Firma über vier Jahre zum klaren Markt- und
Innovationsführer ausbauen konnte, waltet seit einigen Monaten bereits
der sechste Geschäftsführer der vergangenen vier Jahre. Auch das Kader
ist komplett ausgewechselt. Branchenkenner meinen denn auch, dass jetzt
der Moment günstig war, die Produktionsverlagerung zu vollziehen.
| Die einzige Lösung? War der Radikalschnitt bei Villiger wirklich die einzige Lösung? Für eine hochwertige Produktion von gelöteten Stahlrahmen hätte wohl auch in Buttisholz durchaus eine Chance bestehen können, wenn rechtzeitig ein edles Premium-Label aufgebaut worden wäre. Das Beispiel Aarios, mit 3000 gemufften Stahlvelos Jahr für Jahr ausverkauft, spricht für sich. Doch die Villiger-Strategen entschieden anders: Auf die kommende Saison wurde die aus der Konkursmasse herausgekaufte Marke Tigra wiederbelebt und als Günstiglinie unter der Villiger-Kollektion positioniert. Sie wird zwar in Fernost produziert, doch ihre Aufmachung gibt immerhin einen positiven Fingerzeig, was auch von der künftigen Villiger-Palette erwartet werden kann: Ein sehr aktuelles schlichtes Design (matt, einfarbig) mit echten Innovationen, an denen es in jüngster Zeit fehlte. Konkrete Resultate sollen dem breiten Publikum anlässlich der 2-Rad-Messe im Februar gezeigt werden. |
Langer Poker um Cilo
Nach dem neuen Messeauftritt im Vorjahr wird Cilo dieses Jahr an der
2-Rad nicht mehr auftreten. Entgegen allen Gerüchten hatte die Firma
bis Ende 2001 zwar immer noch Bestand und hatte mit Interimsdirektor
Martinos Iliadis (Ex-Migros und -CBS/Shimano) einen Liquidator. 5000
Auslauf-Velos verwertete er via Händler- und Firmenverkäufe mit 25
Prozent Abschlag. Derweil sich der Chef der Groupe Jan, Claude Jan,
weiterhin höchstpersönlich um den Firmenverkauf bemühte. «Wie ein
Geschwür», bezeichnete der seit längerem angeschlagene und eigentlich
krank geschriebene Patron die seit Mai andauernden Rettungsversuche für
seine Marke. Begonnen hatte es mit der vorsorglichen Kündigung der
verbliebenen 19 Mitarbeiter, nachdem die geplante Grossfusion (Swiss
Cycling Group) zuerst mit Bottecchia/Esperia und dann mit der
holländischen Accell-Gruppe geplatzt war. Vordergründiger Auslöser
waren überrissene Lohnforderungen des bisherigen Direktors Andrew
Gordon und seines Product Managers. Doch Gordon unterbreitete im
Hintergrund der Bank ein Angebot für einen Unfriendly Takeover im
Konkursfall. Claude Jan kam mit der fristlosen Entlassung zu spät; er
musste krampfhaft nach neuen Lösungen suchen, unter anderem beim
Lieferanten in Taiwan und Investoren in der Schweiz. Er stand auch
mehrfach in Kontakt mit Andy Rihs, der das Fusionsprojekt initiiert
hatte, um wenigstens das profitable Rennvelosegment zu retten. Doch
Phonak-Chef Rihs hatte sich bereits bei BMC zusätzlich engagiert. Der
inzwischen abgesprungene Product Manager Rolf Singenberger sollte eine
eigene Rennvelolinie auf die Räder stellen.
Im Herbst scheiterte eine weitere neue Lösung, sodass Ende Jahr der
Betrieb in Romanel still und leise dichtgemacht wurde und Cilo vom
Patron «in Pension geschickt» wurde. Claude Jan verbleibt nur mehr die
Feststellung, «Opfer der ungünstigen Zeit» geworden zu sein, aber auch
«nichts mehr verlieren zu können». Seine Gruppe und die Bank waren die
einzigen namhaften Gläubiger. Immerhin hat er damit diversen «Sharks»
keinen Gefallen gemacht, die glaubten, den renommierten Namen aus der
Konkursmasse billig schnappen zu können.
Auch Cilo Bike Service (CBS) hat diesen Winter sieben von 47
Angestellten gekündigt. Direktor Michael Lüthi begründet diesen Schritt
mit «normalen Strukturanpassungen». In der Tat ist mit dem Wegsterben
der Schweizer Hersteller das Shimano-OEM-Geschäft drastisch
eingebrochen. Immerhin konnte dank Zubehör-Vertrieb in neue
Grossverteiler-Kanäle (Athleticum, Coop, Ochsner) der Umsatz von
geschätzten 25 Mio. Franken gehalten werden. Allerdings räumte der
CBS-Chef nun überraschend seinen Sessel! Er habe in den letzten
zweieinhalb Jahren den Turnaround geschafft, das sei ein guter Moment
für eine Veränderung. Lüthis Nachfolge soll Maurice Favre antreten, ein
Neuling in der Velobranche.
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| Der neue Biketec-Chef, Kurt Schär, will dafür sorgen, dass es mit dem «Flyer» wieder aufwärts geht. |
Stromerhimmel: Wolkig
Statt
den erhofften definitiven Durchbruch erlebten die Schweizer
Elektroveloanbieter letztes Jahr einen jähen Absturz. Ende August fiel
«Flyer» unsanft aus den Wolken. Obschon noch im Mai das Aktienkapital
erhöht wurde, wurde 18 von 20 Angestellten gekündigt, und überstürzt
wurde zum Rückzug von der wichtigsten Verkaufsmesse, der Eurobike,
geblasen. Zuvor schon hatten die drei mit dem Jungunternehmerpreis
ausgezeichneten Firmengründer das Unternehmen verlassen – mehr oder
weniger freiwillig. Grund für die Notbremse war eine völlig verfehlte
Markteinschätzung. In der Schweiz war der Absatz viel geringer, im
Export blieb er praktisch aus. Statt wie geplant 4000 E-Bikes haben die
Verkäufe bei 1000 stagniert. «Seit fünf Jahren kurvten wir stets hart
am Abgrund vorbei», gesteht der BKTech-Geschäftsführer Kurt Schär ein.
Zur mangelnden Nachfrage kamen die seit Beginn belastenden hohen
Investitionen. Mit der Nachlassstundung im Oktober war dann die
Bruchlandung unausweichlich. Die Überschuldung war zu gross, als dass
mit einem Kapitalschnitt ein Weiterbetrieb möglich gewesen wäre.
Hauptaktionär Andy Rihs, Bern Venture und die Banken als Kapitalgeber
dürften rund 12 Mio. Franken verloren haben. Es fand sich aber kein
Investor. Dank einem Management Buyout kam es gleichwohl noch zu einem
Happy End. Zusammen mit zwei weiteren Kaderleuten und einem Teilhaber
hat Kurt Schär einen Grosseil der Aktiven aus dem Nachlass gekauft und
die Nachfolgefirma Biketec AG gegründet. Anfangs Dezember wurde am
bisherigen Domizil in Burgdorf neu gestartet, mit vorerst sechs
Mitarbeitern. Nun soll ein schlankerer Betrieb mit straffem
Kostenmanagement schon im ersten Jahr schwarze Zahlen bringen. Der
Break Even liegt bei deutlich unter 1000 Fahrzeugen, Priorität hat die
Betreuung der bisherigen Kunden und ein sorgsamer Aufbau des
Heimmarktes. Der Export wird auf Deutschland beschränkt. Im Moment wird
die bisherige Modellpalette weitergeführt und über die bisherigen
Flyer-(Velo-) Händler vertrieben – allerdings mit einer markanten
Korrektur: Die Geschwindigkeit des bisher tempobeschränkten
Einsteigermodells wird auf gut 30 km/h erhöht, der Preis aber auf 2990
Franken reduziert. Angekündigt sind auch leistungsfähigere
Nickel-Metallhydrid-Batterien und ein Tiefdurchsteigermodell samt neuem
Motor. Kurt Schär setzt dabei auf das Förderprojekt New Ride, das nach
dem Start in Bern auf weitere Kantone ausgedehnt wird.
Nöte auch bei Pionieren
Weniger
rosig sieht die Lage bei Mitbewerber Velocity aus. Der Basler
E-Bike-Pionier, Michael Kutter, steckt mangels Investoren schon seit
Lancierung des «Dolphin» in Liquiditätsnot. Nachdem 2001 nur noch etwa
100 Fahrzeuge verkauft werden konnten, ist die Lage kritischer denn je.
Weil der Betrieb mit 400 Stellenprozenten nicht mehr weiter abgespeckt
werden kann, gibts nur eins: «Mit möglichst wenig Energieverlust
überwintern und hoffen, dass niemand die Tür zuschletzt».