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Villiger-Schock: Schweizer Produktion eingestellt

Der Strukturwandel in der Schweizer Velobranche ist in vollem Gange: Nach der Schliessung von Cilo steht nun auch beim Marktführer Villiger eine Zäsur von ähnlicher Tragweite an. Durch die Produktionsverlagerung nach Deutschland kommt es in Buttisholz zu 22 Entlassungen. Peter Hummel
Die Hiobsbotschaft für die Belegschaft war herb: Auf den 1. Juni wird ein Drittel der noch 60 Mitarbeiter entlassen. Die Villiger-Produktion wird ins «Diamant»-Werk nach Hartmannsdorf in Deutschland verlegt. Die Villiger Söhne AG in Buttisholz werden damit fast zu einem reinen Handelsbetrieb. Das einst stolze Flaggschiff der Schweizer Veloindustrie schrumpft innert zwei Jahren von 125 auf noch 33 Beschäftigte (plus 5 für Parts und Accessoires). An handwerklicher Tätigkeit verbleibt lediglich noch die Endkontrolle der fertig importierten Arrow- und Tigra-Modelle. Mit allen drei Marken dürfte Villiger in der Schweiz dieses Jahr gerade noch 22'000 Fahrräder absetzen.

Villiger hat keinen Sozialplan vorgesehen. Für die Velobranche besteht auch kein Gesamtarbeitsvertrag, der dies vorsehen würde. Nachdem der bisherige sukzessive Personalabbau nicht zu Härtefällen geführt hat, hofft die Geschäftsleitung, dass auch alle jetzt gekündigten MitarbeiterInnen eine neue Stelle finden werden. Im Prinzip würde die Villiger Diamant Bike einige Löter übernehmen, doch für die im Luzernbiet verwurzelten Fachleute ist ein solcher Wechsel nach Deutschland wohl unzumutbar.
Für Branchenkenner kommt diese Zäsur nicht überraschend: Seit Jahren stehen die Schweizer Velohersteller unter einem enormen Kostendruck. Vor Cilo sind innert kurzer Zeit schon die einst so renommierten Marken Allegro, Alpina, Condor und Tigra verschwunden. Festhalten an der heimischen Produktion wurde da und dort als Heimatschutz abgetan.
Villiger erachtete demgegenüber «swiss made» immer als wichtiges Verkaufsargument. Eine einschneidende Veränderung bahnte sich aber bereits auf die Saison 2001 hin an. Wegen hoher Anti-Dumping-Zölle für Nicht-EU-Erzeugnisse drängte sich eine Verlagerung der bisher in der Schweiz hergestellten Velos für den deutschen Markt ins Sachsen-Werk auf. Mit der Halbierung des bisherigen Ausstosses verblieben noch 15'000 Villiger-Velos für die Schweiz, wovon gerade noch ein Drittel mit gemufften Stahlrahmen. Offenbar eine kritische Grösse, welche die «industrielle Logik» ihren Lauf nehmen liess: Halbe Lohnkosten waren schliesslich das schlagende Argument, die komplette Villiger-Produktion in Deutschland zu fertigen.
Die Medienmitteilung beschreibt diesen Prozess vornehm als «europäisches Produktionscenter» für die ganze Gruppe. Immerhin ist Villiger damit nicht den billigsten Weg gegangen, der darin bestanden hätte, ein weiteres austauschbares Fernostprodukt anzubieten. Objektiv gesehen dürfte auch «made in germany» den gewohnten Qualitätsstandard liefern, wenngleich das Diamant-Werk bislang noch keine hochpreisigen gemufften Velos herstellte. Zudem verbleiben Produktentwicklung, Marketing und Logistik sowie der Kundendienst in der Schweiz, wobei mit dem Geschäftsführer und dem Chefdesigner die zwei wichtigsten Posten ohnehin von Deutschen besetzt sind.

Machen die Händler mit?
Die grosse Frage freilich ist, wie gut die treuen Villiger-Händler diesen Philosophie-Spagat goutieren. Jahrelang wurde «swiss made» als Qualitätsvorteil hervorgehoben. Nun wird das Verkaufsargument abrupt über Bord geworfen. Noch letzten Herbst gab Heinrich Villliger an der IFMA ein klares Bekenntnis zum Produktionsstandort Schweiz ab.
Händler wundern sich deshalb, wieso dieser Schritt doch so schnell vollzogen wurde. Gesamtspartenleiter Hugo Blech führt zwar die schlechte Stimmung in der Branche an. Doch im Gegensatz zu vielen deutschen Mitbewerbern, die Rückgänge von 20 bis 40 Prozent zu verdauen haben, soll Villiger Diamant gegenwärtig nur acht Prozent hinter den letztjährigen Zahlen zurückstehen. Und auch in der Schweiz habe man nicht mehr verloren – ein Rückstand, der mit einigermassen ordentlichem Wetter allemal noch zu korrigieren wäre.
Es muss also davon ausgegangen werden, dass nicht nur die Konjunkturflaute und die Zollregelungen, sondern mindestens so sehr interne Strukturprobleme das Rad ins Rollen gebracht haben. Ganz offensichtlich gab es zu wenig Synergienutzungen zwischen den beiden Werken. So leistete man sich auf diese Saison hin noch den Luxus, für die Villiger-Kollektion in Deutschland und der Schweiz zwei komplett verschiedene Prospekte herzustellen. Mit rund 50 Modellen war auch die Palette wohl viel zu breit und zu verzettelt. Schliesslich hat das Führungskarussell in Buttisholz zu späten, aber umso heftigeren Konsequenzen geführt. Nachdem Damian Wirth, der Schwiegersohn des Patrons, die Firma über vier Jahre zum klaren Markt- und Innovationsführer ausbauen konnte, waltet seit einigen Monaten bereits der sechste Geschäftsführer der vergangenen vier Jahre. Auch das Kader ist komplett ausgewechselt. Branchenkenner meinen denn auch, dass jetzt der Moment günstig war, die Produktionsverlagerung zu vollziehen.

Die einzige Lösung?

War der Radikalschnitt bei Villiger wirklich die einzige Lösung? Für eine hochwertige Produktion von gelöteten Stahlrahmen hätte wohl auch in Buttisholz durchaus eine Chance bestehen können, wenn rechtzeitig ein edles Premium-Label aufgebaut worden wäre. Das Beispiel Aarios, mit 3000 gemufften Stahlvel
os Jahr für Jahr ausverkauft, spricht für sich.
Doch die Villiger-Strategen entschieden anders: Auf die kommende Saison wurde die aus der Konkursmasse herausgekaufte Marke Tigra wiederbelebt und als Günstiglinie unter der Villiger-Kollektion positioniert. Sie wird zwar in Fernost produziert, doch ihre Aufmachung gibt immerhin einen positiven Fingerzeig, was auch von der künftigen Villiger-Palette erwartet werden kann: Ein sehr aktuelles schlichtes Design (matt, einfarbig) mit echten Innovationen, an denen es in jüngster Zeit fehlte. Konkrete Resultate sollen dem breiten Publikum anlässlich der 2-Rad-Messe im Februar gezeigt werden.

Langer Poker um Cilo
Nach dem neuen Messeauftritt im Vorjahr wird Cilo dieses Jahr an der 2-Rad nicht mehr auftreten. Entgegen allen Gerüchten hatte die Firma bis Ende 2001 zwar immer noch Bestand und hatte mit Interimsdirektor Martinos Iliadis (Ex-Migros und -CBS/Shimano) einen Liquidator. 5000 Auslauf-Velos verwertete er via Händler- und Firmenverkäufe mit 25 Prozent Abschlag. Derweil sich der Chef der Groupe Jan, Claude Jan, weiterhin höchstpersönlich um den Firmenverkauf bemühte. «Wie ein Geschwür», bezeichnete der seit längerem angeschlagene und eigentlich krank geschriebene Patron die seit Mai andauernden Rettungsversuche für seine Marke. Begonnen hatte es mit der vorsorglichen Kündigung der verbliebenen 19 Mitarbeiter, nachdem die geplante Grossfusion (Swiss Cycling Group) zuerst mit Bottecchia/Esperia und dann mit der holländischen Accell-Gruppe geplatzt war. Vordergründiger Auslöser waren überrissene Lohnforderungen des bisherigen Direktors Andrew Gordon und seines Product Managers. Doch Gordon unterbreitete im Hintergrund der Bank ein Angebot für einen Unfriendly Takeover im Konkursfall. Claude Jan kam mit der fristlosen Entlassung zu spät; er musste krampfhaft nach neuen Lösungen suchen, unter anderem beim Lieferanten in Taiwan und Investoren in der Schweiz. Er stand auch mehrfach in Kontakt mit Andy Rihs, der das Fusionsprojekt initiiert hatte, um wenigstens das profitable Rennvelosegment zu retten. Doch Phonak-Chef Rihs hatte sich bereits bei BMC zusätzlich engagiert. Der inzwischen abgesprungene Product Manager Rolf Singenberger sollte eine eigene Rennvelolinie auf die Räder stellen.
Im Herbst scheiterte eine weitere neue Lösung, sodass Ende Jahr der Betrieb in Romanel still und leise dichtgemacht wurde und Cilo vom Patron «in Pension geschickt» wurde. Claude Jan verbleibt nur mehr die Feststellung, «Opfer der ungünstigen Zeit» geworden zu sein, aber auch «nichts mehr verlieren zu können». Seine Gruppe und die Bank waren die einzigen namhaften Gläubiger. Immerhin hat er damit diversen «Sharks» keinen Gefallen gemacht, die glaubten, den renommierten Namen aus der Konkursmasse billig schnappen zu können.
Auch Cilo Bike Service (CBS) hat diesen Winter sieben von 47 Angestellten gekündigt. Direktor Michael Lüthi begründet diesen Schritt mit «normalen Strukturanpassungen». In der Tat ist mit dem Wegsterben der Schweizer Hersteller das Shimano-OEM-Geschäft drastisch eingebrochen. Immerhin konnte dank Zubehör-Vertrieb in neue Grossverteiler-Kanäle (Athleticum, Coop, Ochsner) der Umsatz von geschätzten 25 Mio. Franken gehalten werden. Allerdings räumte der CBS-Chef nun überraschend seinen Sessel! Er habe in den letzten zweieinhalb Jahren den Turnaround geschafft, das sei ein guter Moment für eine Veränderung. Lüthis Nachfolge soll Maurice Favre antreten, ein Neuling in der Velobranche.

Der neue Biketec-Chef, Kurt Schär, will dafür sorgen, dass es mit dem «Flyer» wieder aufwärts geht.

Stromerhimmel: Wolkig
Statt den erhofften definitiven Durchbruch erlebten die Schweizer Elektroveloanbieter letztes Jahr einen jähen Absturz. Ende August fiel «Flyer» unsanft aus den Wolken. Obschon noch im Mai das Aktienkapital erhöht wurde, wurde 18 von 20 Angestellten gekündigt, und überstürzt wurde zum Rückzug von der wichtigsten Verkaufsmesse, der Eurobike, geblasen. Zuvor schon hatten die drei mit dem Jungunternehmerpreis ausgezeichneten Firmengründer das Unternehmen verlassen – mehr oder weniger freiwillig. Grund für die Notbremse war eine völlig verfehlte Markteinschätzung. In der Schweiz war der Absatz viel geringer, im Export blieb er praktisch aus. Statt wie geplant 4000 E-Bikes haben die Verkäufe bei 1000 stagniert. «Seit fünf Jahren kurvten wir stets hart am Abgrund vorbei», gesteht der BKTech-Geschäftsführer Kurt Schär ein. Zur mangelnden Nachfrage kamen die seit Beginn belastenden hohen Investitionen. Mit der Nachlassstundung im Oktober war dann die Bruchlandung unausweichlich. Die Überschuldung war zu gross, als dass mit einem Kapitalschnitt ein Weiterbetrieb möglich gewesen wäre. Hauptaktionär Andy Rihs, Bern Venture und die Banken als Kapitalgeber dürften rund 12 Mio. Franken verloren haben. Es fand sich aber kein Investor. Dank einem Management Buyout kam es gleichwohl noch zu einem Happy End. Zusammen mit zwei weiteren Kaderleuten und einem Teilhaber hat Kurt Schär einen Grosseil der Aktiven aus dem Nachlass gekauft und die Nachfolgefirma Biketec AG gegründet. Anfangs Dezember wurde am bisherigen Domizil in Burgdorf neu gestartet, mit vorerst sechs Mitarbeitern. Nun soll ein schlankerer Betrieb mit straffem Kostenmanagement schon im ersten Jahr schwarze Zahlen bringen. Der Break Even liegt bei deutlich unter 1000 Fahrzeugen, Priorität hat die Betreuung der bisherigen Kunden und ein sorgsamer Aufbau des Heimmarktes. Der Export wird auf Deutschland beschränkt. Im Moment wird die bisherige Modellpalette weitergeführt und über die bisherigen Flyer-(Velo-) Händler vertrieben – allerdings mit einer markanten Korrektur: Die Geschwindigkeit des bisher tempobeschränkten Einsteigermodells wird auf gut 30 km/h erhöht, der Preis aber auf 2990 Franken reduziert. Angekündigt sind auch leistungsfähigere Nickel-Metallhydrid-Batterien und ein Tiefdurchsteigermodell samt neuem Motor. Kurt Schär setzt dabei auf das Förderprojekt New Ride, das nach dem Start in Bern auf weitere Kantone ausgedehnt wird.

Nöte auch bei Pionieren
Weniger rosig sieht die Lage bei Mitbewerber Velocity aus. Der Basler E-Bike-Pionier, Michael Kutter, steckt mangels Investoren schon seit Lancierung des «Dolphin» in Liquiditätsnot. Nachdem 2001 nur noch etwa 100 Fahrzeuge verkauft werden konnten, ist die Lage kritischer denn je. Weil der Betrieb mit 400 Stellenprozenten nicht mehr weiter abgespeckt werden kann, gibts nur eins: «Mit möglichst wenig Energieverlust überwintern und hoffen, dass niemand die Tür zuschletzt».



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