Test

Die neue Mittelklasse

Frau und Herr Schweizer geben im Durchschnitt 1100 Franken für ein neues Velo aus. Verglichen mit den Nachbarländern ist das ganz schön viel. Und was bekommen sie für ihr gutes Geld? velojournal hat elf für die Mittelklasse exemplarische Velos unter die Lupe genommen. Marius Graber und Jörg Bernet
 Die traditionellen Schweizer Velohersteller haben vor allem Alltagsfahrräder gebaut. Inzwischen bewegen sich immer mehr Hersteller mit MTB-Wurzeln auf dem urbanen Velo-Parkett, zum Teil mit interessanten Konzepten. Dazu gehören Scott, Giant, Univega, BMC und andere. Im velojournal-Test waren neben den vollständig ausgerüsteten Gefährten mit Gepäckträgern, Lichtanlagen und Schlössern auch zwei «Spartaner» mit von der Partie: Das Scott Street G3 und das BMC Harry verzichten ganz auf Federelemente und waren einzig mit Schutzblechen bestückt. Alles weitere können BesitzerInnen nach Bedarf nachrüsten. In ihrer Grundausstatung zeigen sich die Alltagsvelos dank dem niedrigen Gewicht sehr wendig und spritzig und bereiten viel Fahrspass. Dazu tragen auch die einzig bei diesen beiden spartanischen Velos eingesetzten, etwas kleineren und somit leichteren und kompakteren 26-Zoll-Räder (MTB-Radgrösse) bei.

Einen eigenen Weg geht das Simpel «Wegwärts». Dieses einzig über das Internet vertriebene Velo macht sich seinen Markennamen zum Konzept: einfach und wartungsarm soll es sein. Erreicht wird dies durch die in die Radnaben integrierte und damit geschützte Schaltung, Bremsen und Dynamo sowie durch den Verzicht auf Federung. Ähnliche Konzepte gibts auch von Villiger und Cresta. Alle getesteten Velos sind auf einem Aluminiumrahmen aufgebaut (Ausnahme: Villiger Leventina). Durchs Band werden auch so genannte V-Brakes-Felgenbremsen verbaut, welche sehr kräftig zupacken können (die Ausnahme hier: Simpel Wegwärts bremst mit der etwas schwächeren, dafür wetterunabhängigen Shimano Rollerbrake).

Komfort kostet
Auf das Komfortbedürfniss der Kundschaft hat die Veloindustrie schnell reagiert: Federgabel und/oder gefederte Sattelstütze finden sich an den meisten Testvelos. Der tatsächliche Komfortgewinn durch eine Federgabel war aber in der Praxis eher gering, einige Modelle federten kaum ein. Das mag zum einen an den kalten Temperaturen während unseres Tests gelegen haben (in den meisten Federgabeln sind Elastomere verbaut, die bei Kälte härter werden), die Testcrew vermutet aber, dass keine der Gabeln einer 50 kg leichten (oder leichteren) Fahrerin einen echten Komfortgewinn bereiten wird.
Wer sich eine Federung wünscht, sollte also mit Bedacht vorgehen: Sie lohnen sich in der Preisklasse der getesteten Räder (zwischen 959 und 1299 Franken) nur für FahrerInnen, die dem Idealgewicht von 70-80 kg entsprechen und/oder nicht sehr aufrecht sitzen (andernfalls sich vorher vergewissern, ob weichere resp. härtere Federn oder Elastomere tatsächlich lieferbar sind). Zudem ist zu beachten, dass die Relevanz einer Federung bei Geschwindigkeiten unter 20 km/h deutlich abnimmt.
Bei den gefederten Sattelstützen war das Bild anders: Die Funktionsweise war bei den meisten gut. Für sehr leichte oder schwere Personen lohnt sich die Sattelstütze aber nur dann, wenn der Händler passende Federn/Elastomere besorgen kann.

Diese Übersicht als



Knackpunkt Licht
Deutliche Unterschiede zeigten die Alltagsvelos bei der Beleuchtung: Richtig zuverlässig funktioniert haben bei den winterlichen Testbedingungen nur der Shimano Nabendynamo. Die Seitendynamos rutschen bei Nässe oder Matsch schnell mal durch. Während bei Scheinwerfern und Rücklichtern fast durchwegs gute Komponenten montiert sind (Halogenlampe vorne ist Standard, Standrücklicht fast), mag die Verkabelung noch nicht ganz zu befriedigen. Das Ideal, durchgehende, zweiadrige Kabel vom Dynamo bis zur Lampe, hat kein Velo erfüllt. Meist werden zur Stromführung die Leiterbahnen der Schutzbleche benutzt, was bei intensivem Allwettergebrauch nicht selten Auslöser für Lichtpannen wird.
Für die Tester absolut unverständlich war die Ausrüstung des Villiger Leventina. Um sich die Verkabelung des Rücklichtes zu sparen, wurde hier der zuverlässige Nabendynamo mit einem Batterierücklicht kombiniert (beim Tigra Excellence gibts diese Kombination mit einem Seitendynamo und auch andere Hersteller benützen inzwischen die Kombisysteme). Fazit: VelofahrerInnen müssen zum Ein- und Ausschalten des Lichtes vom Velo steigen und zwei Schalter betätigen. Da geht leicht eine Beleuchtung vergessen, zudem muss an den Batterienachschub gedacht werden. Besonders dumm: Der eigens dafür in der Leistung reduzierte Nabendynamo lässt eine spätere Verkabelung des Rücklichtes nicht zu.
Wie viele Gänge braucht der Mensch?
Wer keine schweren Lasten zu transportieren und/oder keine grossen Steigungen zu bewältigen hat, wird mit einem smarten 7- oder 8-Gang-System gut zurecht kommen. Doch mit einem Kinderanhänger oder am steilen Berg kommt man um eine 21- oder 24-Gang-Schaltung nicht herum. Die 7-Gang-Nabenschaltung (im Test die Nexus von Shimano) besticht durch die vollständig gekapselte Bauweise. Die 8-fach-Kettenschaltung am BMC schafft ein ordentlich grosses Spektrum, und dies bei einfachster Bedienung und geringem Gewicht. Sie ist eine echte Alternative für sportliche Fahrer oder für «Flachländler».
Sehr überzeugt hat auch das SRAM DualDrive am Tour de Suisse T 1000. Die Kombination aus Ketten- und Nabenschaltung lässt sich einhändig schalten, die drei grossen Stufen der Nabenschaltung auch im Stillstand, was insbesondere am Rotlicht praktisch ist. Wenn nun SRAM auch noch einen Schaltgriff für die Linkshänder und für kleine Hände anbietet, dann ist dieses System perfekt.

MTB-Hersteller auf dem Alltagsmarkt
Immer mehr grosse Mountainbike-Firmen beginnen sich – wohl aufgrund von Absatzrückgängen im Sportbereich – stärker für Alltagsvelos zu engagieren. Doch auch bei den Schweizer Herstellern hat sich einiges geändert: Zwar findet sich auf fast jedem Velo noch ein Schweizerkreuzlein, da aber der Rahmen, z.T. sogar die Montage, in Fernost erledigt werden, wird «swiss-made» zunehmend durch Wortschöpfungen wie «swiss design» oder «swiss finish» ersetzt. Einzig Villiger mit Schweizer Rahmenproduktion darf noch «swiss handmade» verwenden. Und doch heben sich «Schweizer Produkte» immer noch ab. Zum Beispiel mit qualitativ sehr hochwertigen Gepäckträgern, Ständern, Schlössern und Schutzblechen. Tour de Suisse und BMC (und teils auch Canyon) gehen sogar noch einen Schritt weiter und nutzen die KundInnen-Nähe: Diese dürfen aus einer Vielzahl von Optionen auswählen und das Velo auf ihre Bedürfnisse trimmen, inklusive Lieblingsfarbe.

Fazit
Für durchschnittlich 1100 Franken bekommen Herr oder Frau Schweizer zur Zeit ganz schön viel Velo. Das Testfeld liegt nahe beieinander, weshalb velojournal auf Kaufempfehlungen verzichtet. Die Tabelle zeigt, welches Modell sich für welchen Einsatz am besten eignet. So bleibt die Wahl zwischen einem sportlichen, sehr leichten, dafür etwas spartanisch ausgerüsteten Stadtflitzer, einem auf Wartungsarmut, dafür mit etwas beschränktem Gangspektrum konzipierten «Sorglos»-Velo oder einem gut ausgerüsteten Universalvelo. Wer sein Velo allerdings ausgiebig beansprucht (täglich mehr als 5 km das ganze Jahr und/oder ernsthafter Toureneinsatz) tut gut daran, etwas mehr zu investieren: Für solche Einsätze stossen die getesteten Modelle alle an Grenzen.


Tipps

l Suchen Sie sich ein Fachgeschäft, das Probefahrten möglich macht und Sie ehrlich und kompetent berät. Ein guter Velohändler findet die richtige Rahmengrösse und bietet auch den Tausch von Lenker und Sattel an, falls diese nicht passen sollten. Kein Velosattel passt auf jeden Po.

l Machen Sie unbedingt Testfahrten mit verschiedenen Modellen (auch wenn Grösse oder Farbe nicht stimmen sollten). Achten Sie auf Federung, Schaltung, Sitzposition, Lenker, Sattel. Sie werden herausfinden, auf welchem Modell sichs angenehm fährt, welches Ihnen passt. Und: Ein Velo besteht aus Einzelteilen. Meist lässt sich der Lenker A auch aufs Velo B montieren.

l Prüfen Sie Federgabel und gefederte Sattelstützen mit Ihrem Gewicht. Wenn Sie auf einer Probefahrt nichts davon spüren, fragen Sie, ob weichere Federn/Elastomere erhältlich sind. Wenn nicht, investieren Sie ihr Geld besser in andere Komponenten, z.B. in einen Nabendynamo.

l Vergleichen Sie bei der Auswahl auch Licht, Ständer, Schutzbleche, Gepäckträger und Schloss: Die Qualitätsunterschiede sind hier mindestens so gross wie bei Schaltung und Bremsen. Testen Sie auch diese Teile. Funktionieren sie gut, sind sie robust? Hier sparen die Hersteller oft, doch im Alltag werden Sie auch bei diesen Komponenten eine gute Qualität schätzen.

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