
Wozu denn ein Parallelsystem? «Wir wollen mit RailLink ein anderes
Segment von NutzerInnen des öffentlichen Verkehrs ansprechen», so
Stephan Schneider. Während Mobility sich hauptsächlich an Leute richte,
die in Städten oder Regionen wohnen, die vom öffentlichen Verkehr gut
erschlossen sind und die deshalb gar kein eigenes Auto mehr brauchen,
zielt RailLink auf Autobesitzer, die zwar längere Strecken mit dem Zug
fahren, dann aber ab dem Zielbahnhof eine kurze Strecke mit dem
RailLink-Smart zurücklegen wollen: 15, höchstens 20 Kilometer pro
Fahrt. «Beide Seiten», so Stephan Schneider, «SBB und Mobility, wollten
es bewusst mit diesem Konkurrenzsystem versuchen.» Die beiden Systeme
sind durchlässig: Wer als Mobility-Kunde keinen rot-schwarzen Smart
mehr findet, kann auch ein weiss-silbernes RailLink-Auto buchen und
umgekehrt – allerdings jeweils mit einem Zuschlag von einem Franken auf
den Stundentarif.
RailLink steckt erst in der Startphase. Anfang Oktober lanciert,
startete der Betrieb bescheiden. Inzwischen stehen knapp 100 Smart an
42 Bahnhöfen in der Schweiz. Angaben über die Zahl der Kartenbesitzer
und der von ihnen gefahrenen Kilometer gibt RailLink noch keine heraus,
das Unternehmen sei noch zu jung, die Werbung vorerst auf kleinem Feuer.
Viel versprechende
Partnerschaft
Und
doch verspricht RailLink eine erfolgreiche Schnittstelle zum
öffentlichen Verkehr zu werden. Mit den SBB als Partner habe man
beispielsweise noch den besseren Zugang zu wirklich bahnhofsnahen
Parkplätzen, als es Mobility bisher schon hatte, wird argumentiert.
Kurze Umsteigedistanzen und ein störungsfreies System seien wichtige
Voraussetzungen für eine Beeinflussung des Mobilitätsverhaltens der
Leute. In diesem Punkt fühlen sich die SBB als Partner des Vertrauens.
Ist zudem das Handling einfach und die Organisation perfekt, könnte es
tatsächlich gelingen, das an sich nur schwer zu beeinflussende
Mobilitätsverhalten etwas zu ändern, erst recht, wenn – wie später
geplant – zusammen mit den Mietvelos an den Bahnhöfen eigentliche
«Mobilstationen» entstehen werden.
RailLink hat in Mobility ein
Vorbild. Die roten Autos habens bereits in die Köpfe Tausender von
Leuten geschafft. Der Ansturm auf die Car-Sharing-Firma ist Aufsehen
erregend: 1500 neue Mitglieder pro Monat (!) war der Durchschnitt im
vergangenen Jahr 2001. Ende Jahr war man bei 46'000 Individualkunden
und 850 Firmenkunden angekommen. An inzwischen 900 Standorten stehen
1800 Mobility-Autos vom Smart bis zum Transporter. Das stürmische
Wachstum hatte im Jahr 2000 allerdings ein grosses Loch in die Kasse
gerissen. Mobility war nämlich zur Erkenntnis gekommen, dass bei so
vielen zusätzlichen NutzerInnen auch ein einfacheres und sicheres
System nötig ist: Die Autos wurden deshalb mit Bordcomputer und
Wegfahrtsperren ausgerüstet. Damit konnte das Problem der
Fahrzeugdiebstähle weitgehend gelöst werden, doch die Investitionen
waren aus dem laufenden Ertrag nicht zu finanzieren. Es blieben unterm
Strich 800'000 Franken Defizit.
Mobility:
Ungebremstes Wachstum
Mobility
geht allerdings davon aus, dass das Loch bald gestopft sein wird. 2001
werde positiv abschliessen, so Jürg Emmenegger von der
Mobility-PR-Abteilung. Das explosionsartige Wachstum, aber auch die
Lizenzvergabe an RailLink tragen dazu bei. RailLink zahlt für die
Nutzung der technischen Infrastruktur, der Reservationszentrale und der
Fahrzeugwartung. Darüber hinaus hat Mobility in den letzten Monaten die
Zusammenarbeit mit Firmen intensiviert. Migros hat 75 VW Lupo
mitfinanziert, die auf Parkplätzen des Grossverteilers stehen. Auf
verschiedenen Firmenparkplätzen, darunter auch bei Geberit in Jona,
stehen Mobility-Fahrzeuge als Ersatz für die bisher schlecht
ausgelasteten Firmenflotten.
Solche Firmenverträge und das hohe
Potenzial an individuellen NutzerInnen – eine Studie spricht von
600'000 Car-Sharing-Interessierten – bieten Mobility auch in nächster
Zukunft gute Wachstumsaussichten. In den nächsten Monaten will man in
der Romandie wachsen, dort ist die Autoteilen-Idee noch nicht derart
weit verbreitet wie in der Deutschschweiz. Auch Projekte mit weiteren
Partnern im öffentlichen Verkehr sollen aufgegleist werden, RailLink
soll erst der Anfang sein. Bei allem Wachstum verspricht Mobility
gleich bleibende Qualität der Dienstleistungen. Der Einbau von
Bordcomputern in allen neuen Fahrzeugen trage dazu bei, dass das
Systemn zuverlässig bleibe.
Neue Kundensegmente
Doch
die Zuverlässigkeit hängt vor allem von den BenutzerInnen ab. Wurden
bisher Neumitglieder in einem ziemlich aufwändigen Verfahren von den
Sektionsleitern ins System eingeführt und so zur Mobility-Familie mit
Ökobewusststein zusammengeschweisst, wird neuerdings auf diese
Einführungsstunden verzichtet. Die neuen Mitglieder fanden das
Kursobligatorium eher lästig, denn sie kommen inzwischen weniger oft
aus ökologischen Gründen zur Car-Sahring-Organisation, bisher die
Hauptmotivation der Mitglieder, die übrigens im Durchschnitt noch keine
40 Jahre alt sind. Das Motiv ist heute vermehrt in einer Alternative zu
einem Zweitwagen oder zum Mietfahrzeug zu finden. Kein Wunder, ist von
der früher sprichwörtlichen Vorsicht und Zurückhaltung der FahrerInnen
der roten Autos heute nicht mehr viel zu spüren. Zum einen sind längst
nicht mehr alle Mobility-Autos rot, zum anderen stellen VelofahrerInnen
ein zunehmend forsches Fahrverhalten der Mobilitiy-LenkerInnen fest.
Der Erfolg bringt das mit sich. Je mehr Leute mit
Car-Sharing-Fahrzeugen unterwegs sind, desto durchschnittlicher wird
ihr Verhalten auf den Strassen. Und das System wird noch
benutzerfreundlicher werden: Mit der kommenden Checkpoint-Reservation
können sich Mobility-Mitglieder auf einem Parkplatz direkt und ohne
Reservation ein freies Auto schnappen – der Bordcomputer sagt, ob und
wie lange das betreffende Fahrzeug frei ist. Damit erhofft sich
Mobility eine noch bessere Ausnützung der Fahrzeuge – und damit auch
mehr Ertrag.
| Billiger als das eigene Auto Die Befragung der Mobility-NutzerInnen zeigt es klar: Car-Sharing-Kunden, die vor dem Beitritt ein eigenes Auto besessen und damit über 9000 km pro Jahr zurückgelegt hatten, fuhren nach dem Mobility-Beitritt nur noch 2600 km im Auto. Sie benützten nach dem Beitritt viel öfter Bus und Zug. Im Schnitt legen Mobility-Kunden drei Viertel ihrer Wegstrecke mit der Mobilitätskette ÖV, Velo, zu Fuss zurück. Die AutobesitzerInnen verhalten sich gerade umgekehrt: 75 Prozent der Wege legen sie im eigenen Vehikel zurück. Mobility-Mitglieder sparen ohne eigenes Auto im Schnitt 3000 bis 4000 Franken pro Jahr. Konkret sieht die Rechnung so aus: Wer 10'000 km mit dem öffentlichen Verkehr und 5000 km mit dem Auto fährt, spart als Mobility-Mitglied gegenüber einer Person mit eigenem PW jährlich über 3000 Franken. Vorteilhaft ist vor allem für all jene, die jährlich mit dem Auto nicht mehr als ein paar tausend Kilometer herumfahren. Bei diesen AutobesitzerInnen fallen nämlich unverhältnismässig hohe Fixkosten an. Mobility-Mitglieder hingegen werden nur mit geringen Fixkosten (Jahresbeitrag und Versicherungen) belastet. |