Schwerpunkt

Der Smart am Gleis

Die Mobilitätskette, die Schnittstelle zwischen öffentlichem und individuellem Verkehr, soll noch besser werden. Veloabstellplätze am Bahnhof sind ein wichtiger Baustein des Konzepts. Ein weiterer sind die Mietvelos, und dazu kommen nun auch die weiss-silbernen Smarts von RailLink. René Hornung
 RailLink ist ein neues Gemeinschaftsunternehmen von SBB, Mobility und Daimler Chrysler. «Wir wollten vor allem die Schnittstelle in der Mobilitätskette vereinfachen», so Stephan Schneider, bei den SBB fürs RailLink-Marketing verantwortlich. Das Umsteigen vom öffentlichen Verkehr aufs individuelle Transportmittel soll möglichst unkompliziert werden. Dazu hat sich RailLink die hierzulande so erfolgreiche Car-Sharing-Idee zu Nutze gemacht. Die 5 Mio. Aktienkapital stammen zu 55 Prozent von den SBB. Das Knowhow dagegen kommt von Mobility: Die Mitgliedschaft funktioniert über die gleiche Karten-Technologie wie bei Mobility und kostet auch gleich viel Jahresbeitrag. Die Reservationen laufen über die Luzerner Mobility-Zentrale, die RailLink-Smarts werden von den Mobility-Leuten gewartet und an vielen Bahnhöfen stehen sie auf bisherigen Mobility-Parkplätzen und haben die rot-schwarzen Smarts verdrängt.

Wozu denn ein Parallelsystem? «Wir wollen mit RailLink ein anderes Segment von NutzerInnen des öffentlichen Verkehrs ansprechen», so Stephan Schneider. Während Mobility sich hauptsächlich an Leute richte, die in Städten oder Regionen wohnen, die vom öffentlichen Verkehr gut erschlossen sind und die deshalb gar kein eigenes Auto mehr brauchen, zielt RailLink auf Autobesitzer, die zwar längere Strecken mit dem Zug fahren, dann aber ab dem Zielbahnhof eine kurze Strecke mit dem RailLink-Smart zurücklegen wollen: 15, höchstens 20 Kilometer pro Fahrt. «Beide Seiten», so Stephan Schneider, «SBB und Mobility, wollten es bewusst mit diesem Konkurrenzsystem versuchen.» Die beiden Systeme sind durchlässig: Wer als Mobility-Kunde keinen rot-schwarzen Smart mehr findet, kann auch ein weiss-silbernes RailLink-Auto buchen und umgekehrt – allerdings jeweils mit einem Zuschlag von einem Franken auf den Stundentarif.
RailLink steckt erst in der Startphase. Anfang Oktober lanciert, startete der Betrieb bescheiden. Inzwischen stehen knapp 100 Smart an 42 Bahnhöfen in der Schweiz. Angaben über die Zahl der Kartenbesitzer und der von ihnen gefahrenen Kilometer gibt RailLink noch keine heraus, das Unternehmen sei noch zu jung, die Werbung vorerst auf kleinem Feuer.

Viel versprechende Partnerschaft
Und doch verspricht RailLink eine erfolgreiche Schnittstelle zum öffentlichen Verkehr zu werden. Mit den SBB als Partner habe man beispielsweise noch den besseren Zugang zu wirklich bahnhofsnahen Parkplätzen, als es Mobility bisher schon hatte, wird argumentiert. Kurze Umsteigedistanzen und ein störungsfreies System seien wichtige Voraussetzungen für eine Beeinflussung des Mobilitätsverhaltens der Leute. In diesem Punkt fühlen sich die SBB als Partner des Vertrauens. Ist zudem das Handling einfach und die Organisation perfekt, könnte es tatsächlich gelingen, das an sich nur schwer zu beeinflussende Mobilitätsverhalten etwas zu ändern, erst recht, wenn – wie später geplant – zusammen mit den Mietvelos an den Bahnhöfen eigentliche «Mobilstationen» entstehen werden.
RailLink hat in Mobility ein Vorbild. Die roten Autos habens bereits in die Köpfe Tausender von Leuten geschafft. Der Ansturm auf die Car-Sharing-Firma ist Aufsehen erregend: 1500 neue Mitglieder pro Monat (!) war der Durchschnitt im vergangenen Jahr 2001. Ende Jahr war man bei 46'000 Individualkunden und 850 Firmenkunden angekommen. An inzwischen 900 Standorten stehen 1800 Mobility-Autos vom Smart bis zum Transporter. Das stürmische Wachstum hatte im Jahr 2000 allerdings ein grosses Loch in die Kasse gerissen. Mobility war nämlich zur Erkenntnis gekommen, dass bei so vielen zusätzlichen NutzerInnen auch ein einfacheres und sicheres System nötig ist: Die Autos wurden deshalb mit Bordcomputer und Wegfahrtsperren ausgerüstet. Damit konnte das Problem der Fahrzeugdiebstähle weitgehend gelöst werden, doch die Investitionen waren aus dem laufenden Ertrag nicht zu finanzieren. Es blieben unterm Strich 800'000 Franken Defizit.

Mobility: Ungebremstes Wachstum
Mobility geht allerdings davon aus, dass das Loch bald gestopft sein wird. 2001 werde positiv abschliessen, so Jürg Emmenegger von der Mobility-PR-Abteilung. Das explosionsartige Wachstum, aber auch die Lizenzvergabe an RailLink tragen dazu bei. RailLink zahlt für die Nutzung der technischen Infrastruktur, der Reservationszentrale und der Fahrzeugwartung. Darüber hinaus hat Mobility in den letzten Monaten die Zusammenarbeit mit Firmen intensiviert. Migros hat 75 VW Lupo mitfinanziert, die auf Parkplätzen des Grossverteilers stehen. Auf verschiedenen Firmenparkplätzen, darunter auch bei Geberit in Jona, stehen Mobility-Fahrzeuge als Ersatz für die bisher schlecht ausgelasteten Firmenflotten.
Solche Firmenverträge und das hohe Potenzial an individuellen NutzerInnen – eine Studie spricht von 600'000 Car-Sharing-Interessierten – bieten Mobility auch in nächster Zukunft gute Wachstumsaussichten. In den nächsten Monaten will man in der Romandie wachsen, dort ist die Autoteilen-Idee noch nicht derart weit verbreitet wie in der Deutschschweiz. Auch Projekte mit weiteren Partnern im öffentlichen Verkehr sollen aufgegleist werden, RailLink soll erst der Anfang sein. Bei allem Wachstum verspricht Mobility gleich bleibende Qualität der Dienstleistungen. Der Einbau von Bordcomputern in allen neuen Fahrzeugen trage dazu bei, dass das Systemn zuverlässig bleibe.

Neue Kundensegmente
Doch die Zuverlässigkeit hängt vor allem von den BenutzerInnen ab. Wurden bisher Neumitglieder in einem ziemlich aufwändigen Verfahren von den Sektionsleitern ins System eingeführt und so zur Mobility-Familie mit Ökobewusststein zusammengeschweisst, wird neuerdings auf diese Einführungsstunden verzichtet. Die neuen Mitglieder fanden das Kursobligatorium eher lästig, denn sie kommen inzwischen weniger oft aus ökologischen Gründen zur Car-Sahring-Organisation, bisher die Hauptmotivation der Mitglieder, die übrigens im Durchschnitt noch keine 40 Jahre alt sind. Das Motiv ist heute vermehrt in einer Alternative zu einem Zweitwagen oder zum Mietfahrzeug zu finden. Kein Wunder, ist von der früher sprichwörtlichen Vorsicht und Zurückhaltung der FahrerInnen der roten Autos heute nicht mehr viel zu spüren. Zum einen sind längst nicht mehr alle Mobility-Autos rot, zum anderen stellen VelofahrerInnen ein zunehmend forsches Fahrverhalten der Mobilitiy-LenkerInnen fest.
Der Erfolg bringt das mit sich. Je mehr Leute mit Car-Sharing-Fahrzeugen unterwegs sind, desto durchschnittlicher wird ihr Verhalten auf den Strassen. Und das System wird noch benutzerfreundlicher werden: Mit der kommenden Checkpoint-Reservation können sich Mobility-Mitglieder auf einem Parkplatz direkt und ohne Reservation ein freies Auto schnappen – der Bordcomputer sagt, ob und wie lange das betreffende Fahrzeug frei ist. Damit erhofft sich Mobility eine noch bessere Ausnützung der Fahrzeuge – und damit auch mehr Ertrag.

Billiger als das eigene Auto

Die Befragung der Mobility-NutzerInnen zeigt es klar: Car-Sharing-Kunden, die vor dem Beitritt ein eigenes Auto besessen und damit über 9000 km pro Jahr zurückgelegt hatten, fuhren nach dem Mobility-Beitritt nur noch 2600 km im Auto. Sie benützten nach dem Beitritt viel öfter Bus und Zug. Im Schnitt legen Mobility-Kunden drei Viertel ihrer Wegstrecke mit der Mobilitätskette ÖV, Velo, zu Fuss zurück. Die AutobesitzerInnen verhalten sich gerade umgekehrt: 75 Prozent der Wege legen sie im eigenen Vehikel zurück.
Mobility-Mitglieder sparen ohne eigenes Auto im Schnitt 3000 bis 4000 Franken pro Jahr. Konkret sieht die Rechnung so aus: Wer 10'000 km mit dem öffentlichen Verkehr und 5000 km mit dem Auto fährt, spart als Mobility-Mitglied gegenüber einer Person mit eigenem PW jährlich über 3000 Franken. Vorteilhaft ist vor allem für all jene, die jährlich mit dem Auto nicht mehr als ein paar tausend Kilometer herumfahren. Bei diesen AutobesitzerInnen fallen nämlich unverhältnismässig hohe Fixkosten an. Mobility-Mitglieder hingegen werden nur mit geringen Fixkosten (Jahresbeitrag und Versicherungen) belastet.
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