
Herr und Frau Schweizer sind auch bereit, immer mehr Zeit für die
Überwindung von Distanzen aufzubringen. Weil aber die Geschwindigkeit
gesunken ist, gehört auch die Stau- und Wartezeit zu den
Wachstumsgrössen der Verkehrsstatistik. Jedenfalls was den Autoverkehr
betrifft, der für 67 Prozent der täglich gefahrenen Kilometer
verantwortlich ist. Das Velo dagegen ist leicht schneller geworden,
konnte damit aber kaum neue Freunde gewinnen.
Veloverkehr verdoppeln
Die
Fachwelt steht damit erneut vor der Tatsache, dass trotz der vielen
Argumente, die für den Veloverkehr sprechen, eine Veränderung im
Verhalten nur in der Tendenz zu erkennen ist. Dabei wäre das Potenzial
enorm, denn jede zweite Fahrt ist nicht länger als 5 Kilometer.
Experten gehen davon aus, dass der Veloverkehr innert fünf bis zehn
Jahren zu verdoppeln wäre. Angesicht der aktuellen Zahlen dürfte dieser
Zielwert aber erst am Sankt-Nimmerleinstag erreicht sein.
Magische Anziehungskraft
Der
Mikrozensus gibt die Antwort auf die Frage, warum denn das Velo ein
Mauerblümchen-Dasein fristet, gleich selber. «Diese hohe
PW-Verfügbarkeit ist wohl die zentrale Einflussgrösse bei der
Verkehrsmittelwahl.» Wer also ein Auto griffbereit hat – und für 90
Prozent der Erwachsenen ist dies der Fall –, will es auch einsetzen.
Kommt dazu, dass viele AutopendlerInnen am Arbeitsplatz einen
reservierten, vielfach gebührenfreien Parkplatz vorfinden. Diese
Kombination scheint derart attraktiv zu sein, dass sämtliche
Kopfargumente der Gesundheitsförderer, Umweltschützer und Velopolitiker
wirkungslos verhallen.
Wo soll nun eine erfolgversprechende
Förderungspolitik, wie sie das Bundesamt für Strassen (ASTRA) mit der
neuen Fachstelle Langsamverkehr betreiben will, ansetzen? Die IG Velo
Schweiz hat dazu in einem Bericht an das ASTRA Prioritäten bei einer
gezielten Öffentlichkeitsarbeit (zum Beispiel Imageförderung) und bei
der Schaffung von finanziellen Anreizen gefordert. Ob die hierzu
notwendigen Geldmittel je zur Verfügung gestellt werden, bleibt vorerst
offen.
Interview mit Ulrich Seewer*velojournal: Was gibt Ihnen angesichts der neueen Verkehrsdaten am meisten zu denken? Ulrich Seewer: Grundsätzlich stelle ich fest, dass SchweizerInnn tagein, tagaus weiter und länger unterwegs sind und dabei mehr Wege zurücklegen. Eine Verlagerung weg vom motorisierten Individualverkehr hat nicht oder nur in geringem Masse stattgefunden. Immerhin hat der Langsamverkehr in den Agglomerationen nichts von seiner Bedeutung verloren. Lässt sich der Wunsch nach Mobilität in sinnvolle Bahnen lenken? Man kann davon ausgehen, dass punkto Staus, Umweltbelastungen und persönlichen Einschränkungen gewisse Grenzen erreicht sind. Die Anteile des Fuss- und Veloverkehrs sind gegenüber dem Autoverkehr leicht gestiegen. Reicht dies. um die angestrebteVerdoppelung des Veloverkehrs zu erreichen? Bei Fortführung der bisherigen Politik sicher nicht. Der Bund hat jedoch mit der Schaffung der Fachstelle für Langsamverkehr im ASTRA Zeichen gesetzt und gezeigt, dass Fussgängern und Velofahrenden in Zukunft ein grösserer Stellenwert eingeräumt werden soll. Es sind die 18- bis 25-Jährigen, die besonders weit und oft autofahren. Welchen Stellenwert hat das Velo für diese Altersgruppe? Die jungen Erwachsenen sind besonders mobil. Der Veloanteil (an den Etappen) beträgt bei ihnen nur noch fünf bis sieben Prozent, weniger als in der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen. Die einschneidenden Ereignisse sind offensichtlich der Erwerb des Führerscheins und die sich ändernden Lebensumstände. Mit einer geeigneten Politik, die das Velo für junge Erwachsene attraktiver macht, könnten die erwähnten Potenziale garantiert ausgeschöpft werden. Welche konkreten Angebote braucht es, um Autofahrende aufs Velo zu bewegen? Der potenziell Velofahrende muss die Gewissheit haben, mindestens ebenso schnell, sicher und genussvoll ans Ziel zu kommen wie mit dem Auto. Punkto Sicherheit und Attraktivität kann ich mir durchaus noch viele Verbesserungen vorstellen. Unabdingbar sind positive Anreize seitens von Behörden und Arbeitgebern. *Dr. Ulrich Seewer ist Geograf. Er ist unter anderem Autor der Nationalfondsstudie «Die Zukunft gehört dem Fussgänger- und Veloverkehr». Beim Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) ist er zuständig für den Mikrozensus 2000 und seit diesem Jahr für die Entwicklung einer Strategie «Freizeitverkehr». |