Spezial

Auf dem Velogemel ins Tal

Das Schneevelo, eine bald 100 Jahre alte Konstruktion eines Grindelwalder Schreinermeisters, kommt zur neuer Blüte. Aus dem Transportmittel von einst ist ein Sportgerät geworden.
«Altmodisch!», zischt es aus dem Mund der platinblond gefärbten Dame mit der Pelzjacke. Was sie wohl meint? Meine nicht mehr ganz moderne Bekleidung oder mein Gefährt? Bevor sie weitere despektierliche Bemerkungen machen kann, fahre ich los. Schiebe den Velogemel an und sause von der Bussalp Richtung Grindelwald-Dorf. Das Gefährt ist eine Erfindung des Schreinermeisters Christian Bühlmann-Balmer. Am 1. April 1911 sprach er im Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum in Bern vor, um ein Patent für ein hölzernes Gerät zu beantragen. Dieses bezeichnete er als «einspurigen Lenksportschlitten». Er war dem Prinzip des Velos nachempfunden. Im Volksmund wird er Velogemel genannt, Velo kombiniert mit einem Gemel (= Schlitten).

Man sitzt aufrecht, die Füsse braucht man zum Bremsen, und in die Kurven geht man ganz sanft und grosszügig. Das leichte Gerät ist sehr empfindlich. Auf der ersten geraden Strecke überhole ich sämtliche Schlittenfahrer, der Velogemel ist schnell – sehr schnell.
Peter Balmer, früher Briefträger in Grindelwald, ist Velogemel-Experte. Er brauste früher mit seiner Posttasche und seinen Paketen tollkühn die steilen Wege hinunter. Und er war nicht der Einzige. Das zeigen zahlreiche Aufnahmen im Heimatmuseum Grindelwald. Auf dem Velogemel kann man sich in bequemer Körperhaltung zu Tal bewegen – auf Schnee und Eis. Mit diesem Gefährt gibts auch am Schluss der neun Kilometer langen Abfahrt von der Bussalp keine «Auas» zu hören. Die SchlittlerInnen aber sitzen wie zusammengedrückte Gipfeli auf ihrem Gefährt.
Seit ein paar Jahren gehört der Velogemel wieder zum winterlichen Bild in Grindelwald. Er hat sich zu einer touristischen Attraktion gemausert, und abends hören wir im Restaurant: «Ach Ludwich, die Fahrt heute auf dem Veelogeemel, det war schon wat janz Besonderes.» Täusche ich mich? War das nicht die Dame, die mich eben noch als hoffnungslos altmodisch abgestempelt hatte?

www.velogemel.ch

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