Schwerpunkt
«Elektrische» in Finanznöten
Alle haben Geldsorgen: Die Schweizer E-Bike-Hersteller des Dolphin und des Flyer und die beiden Leichtfahrzeug-Produzenten des Twike und des Sam. Und alle suchen dringend Investoren, sonst droht den «Elektrischen» das Aus. René Hornung
Gibt es überhaupt einen grösseren Markt für die
elektrisch betriebenen Velos und Leichtfahrzeuge? Die Frage drängt sich
auf, wenn man sieht, wie tief die Branche in der Schweiz in Finanznöten
steckt. Beim Basler Dolphin-Hersteller Velocity-Engineering heisst die
Devise «weiterkämpfen». Der Liquiditätsengpass ist allerdings so gross,
dass Gläubiger vertröstet werden müssen. Bis Ende November wollte auch
der Flyer-Hersteller BKTech in Kirchberg den Gläubigern eine Lösung
präsentieren, um das Nachlassverfahren zu einem guten Ende zu bringen.
Geschäftsführer Kurt Schär ist zuversichtlich, dass eine
Auffanggesellschaft zu Stande kommt, die das E-Bike weiter produzieren
wird – allerdings in deutlich kleineren Stückzahlen als bisher.
Noch schlechter als den E-Bike-Herstellern geht es der Twike-Mutterfima
Swisslem, die in Hochdorf mit Hilfe der regionalen Wirtschaftsförderung
und des Risikokapitalgebers Commcept Trust eine neue Produktionshalle
hochgezogen hatte. Darin – so war angekündigt – wolle man zuerst 1000,
später bis zu 10'000 Fahrzeuge pro Jahr bauen. Das neue Modell sollte
Anfang nächsten Jahres als Vorserie herauskommen. Doch wenn nicht rasch
20 bis 30 Mio. Franken aufgetrieben werden können, hat das neue Twike
kaum Chancen.
Obwohl
die Zukunftsaussichten der Branche alles andere als rosig sind,
versucht ein weiteres Unternehmen, die Bieler Cree AG, mit dem
heuschreckenartigen Sam-Leichtfahrzeug das Glück. 80 Fahrzeuge einer
Vorserie – entwickelt in den letzten fünf Jahren – sind zur Zeit in den
Bau- und Hobby-Centern von Coop im Publikumstest. Das Echo sei riesig,
der Ansturm von Tausenden von interessierten TestfahrerInnen habe alle
Erwartungen übertroffen. Doch bevor produziert werden kann, sind auch
hier Millionen nötig. Sam-Chef Marc Frehner sucht das Geld nicht nur in
der Schweiz, sondern auch in den Nachbarländern. «Wir wollen ohne teure
industrielle Produktionsanlagen mit niedrigen Stückzahlen starten,
dabei aber in unserem Bereich so gut sein wie Mercedes mit seinen
Autos», umschreibt Frehner die Firmenphilosophie.
 |
|
 |
|
| Flyer (oben)
und Dolphin – bald nur noch Objekte fürs Technikmuseum? |
|
Rares
Risikokapital
Risikokapital
ist für die elektrische Mobilität im Moment allerdings mehr als rar.
Lange hatte Lorenz Schmid mit seiner Commcept AG und dem späteren
Commcept Trust das Twike unterstützt. Als es in der Firmengruppe Krach
gab und die Rentenanstalt die Geschicke des Trusts in die Hand bekam,
wurde der Geldhahn von einer Woche auf die andere zugedreht. Ähnlich
ging es der Flyer-Herstellerfirma BKTech. Hier hatte sich die
Risikokapitalgesellschaft Bern-Venture mit über 25 Prozent beteiligt
und 2,95 Mio. Franken eingeschossen. Das Geld ist inzwischen
abgeschrieben.
Während bei
diesen beiden Projekten die Kapitalgeber abgesprungen sind, sind sie
für Dolphin und Sam bisher gar nicht erst gefunden worden. Es sei eben
schwierig, diese neuartigen Fahrzeugkonzepte einem Risikokapitalgeber
schmackhaft zu machen, lautet die Erkenntnis des ernüchterten
Dolphin-Geschäftsleiters Michael Kutter. Und dies nicht erst seit den
jüngsten negativen Wirtschaftsmeldungen. Kutter gehört zu den Pionieren
der Szene und versucht seit bald zehn Jahren das Konzept des
Motoren-unterstützten Velos zu vermarkten. Seine Stückzahlen und
Ausbaupläne waren nie hochfliegend. Die Basler Velocity Engineering ist
denn auch, verglichen mit Flyer und Twike, bisher «mit einem blauen
Auge davongekommen», so Kutter.
Zukunftsträchtige Konzepte
Angesprochen
auf den Umstand, dass sich die E-Bikes als Zwitter zwischen sportlichem
Velo und schnellem modischem Scooter kaum je einen Markt erobern
können, widersprechen die Hersteller: «Der Markt wird die E-Bikes noch
entdecken», ist sich Michael Kutter sicher. «Auch für die Swatch-Uhr
oder für den Smart mussten die Märkte zuerst entwickelt werden»,
verweist er auf analoge Beispiele – es habe ja auch niemand auf diese
Produkte gewartet. Und auch BKTech-Chef Kurt Schär gibt dem Flyer gute
Zukunftschancen, auch wenn beide einräumen, dass man die
Wachstumspotenziale vorerst zu gross eingeschätzt habe. Die Zukunft der
Auto-ähnlichen Elektrofahrzeuge sei dagegen schwieriger als die der
E-Bikes, meint Kurt Schär: «Das Kosten/Nutzenverhältnis ist dort zu
ungünstig.»
Klar
ist allen, dass für eine Markterschliessung grosse finanzielle Mittel
nötig sind. Twike-Chef Jürg Leupp sieht seine Lage komfortabler: «Wir
profitieren von der breiten Akzeptanz des Smart.» Die Leute hätten die
Vorteile einer zusätzlichen und sinnvollen urbanen Mobilität an diesem
Kleinfahrzeug erstmals entdeckt. Das Twike sei hier eine weitere
Ergänzung. «Wir buttern auf den Smart noch eins drauf», kommentiert
Leupp und verweist auf die Umweltvorteile. Und vor allem folge man dem
Bedürfnis der Konsumgeneration, aufzufallen. «Der Smart ist inzwischen
auch nur noch ein Auto, wenn aber einer mit dem neuen Twike vorfahren
wird, dann wird wieder hingeschaut.»
|
|
Bessere, aber teure Batterien
rhg. Schwachpunkt der elektrisch betriebenen Velos und Leichtfahrzeuge
waren bisher immer die Batterien. Den E-Bikes mit ihrer theoretischen
Reichweite von gut 30 Kilometern geht bei einer einzigen, etwas
unbedachten Bergfahrt schon viel früher der «Saft» aus. Vor allem die
beiden Leichtfahrzeughersteller Twike und Sam setzen nun auf neue,
leistungsfähigere Batterietypen. Doch die sind teuer und in den
Verkaufspreisen der Fahrzeuge nicht inbegriffen. Das neue Twike soll
knapp 20'000 Franken kosten, die Batterien zusätzliche 10'000 Franken.
Versprochen wird dann allerdings eine Lebensdauer von zehn Jahren.
Sam hat ein ähnliches Finanzierungsmodell angekündigt: 12'000 Franken
Anschaffungspreis, dazu gut 1000 Franken Batterieleasing pro Jahr. |
|
Vertrieb
im Hobbymarkt?
Erfolgsfaktoren
für die Fahrzeuge sind neben der technischen Tauglichkeit und dem Preis
auch die Vertriebskanäle. Das Dolphin-E-Bike soll künftig bei rund 50
Vertragshändlern (bisher waren es erst 15) mit kurzen Lieferfristen zu
haben sein. Auch Flyer setzt auf die Velohändler. Sollte Coop nach der
aktuellen Testphase das Leicht-Elektrofahrzeug Sam in seinen Bau- und
Hobbymärkten wirklich auch verkaufen und dort geschultes Personal
einsetzen, würden sich hier auch ideale Verkaufspunkte für E-Bikes
ergeben. Doch bisher ist die Branche vor dem Warenhaus- und
Grossverteiler-Vertrieb zurückgeschreckt, weil elektrisch betriebene
Fahrzeuge eine gute Fachberatung nötig haben.
Der
Schweizer Markt ist allerdings selbst mit seinem dichten Händlernetz
sehr beschränkt. Flyer und Twike setzen deshalb Hoffnungen in den
Export. Twike sieht auch mit dem neuen Modell keine Zulassungsprobleme
auf dem deutschen Markt – so es denn überhaupt je gebaut werden kann.
Doch die E-Bikes haben ein Handicap: In der EU gelten sie als Mofas und
dürfen nur 24 km/h schnell sein. Nur über Sonderzulassungen können
Flyer und Co. ihre Wendigkeit wie in der Schweiz ausspielen, mit ihren
35 km/h. Hier zu Lande allerdings könne das E-Bike durchaus auch gegen
den im Moment bei den Jugendlichen so beliebten Scooter antreten, meint
Markus Kutter: «Dank seiner Wendigkeit ist man mit dem E-Bike im Stadtverkehr schneller.»
 |
|
Intellibike
– noch mehr Hightech
rhg.
Raffinierte Motorensteuerung und Hightech-Materialien zeichnen bereits
heute vor allem die in der Schweiz gebauten E-Fahrzeuge aus.
Intellibike, entwickelt wie die meisten der Schweizer Elektrovehikel an
der Hochschule für Technik und Architektur in Biel, geht noch einen
Schritt weiter. Dieses Hochleistungsvelo, das an der über 3000
Kilometer langen World Solar Challenge in Australien teilnimmt und
dabei von Swissca, der Fondsgesellschaft der Kantonalbanken gesponsort
wird, ist ein eigentliches Sportgerät. Es verfügt nicht nur über einen
rekuperationsfähigen Radnabenmotor, der bei der Talfahrt Strom in die
Lithium-Polymer-Batterie zurückspeist, sondern auch über Sensoren im
Lenkgriff und im Tretlager, um die Biometriedaten zu messen. Die
Motorenunterstützung wird so auf die individuelle Leistung abgestimmt. |
|
Lifestyle-Fahrzeuge
Bisher
wurden E-Bikes und die Dreirädrigen meist als Fahrzeuge von Öko-Freaks
belächelt. Die Schweizer Hersteller wollen dieses Image abschütteln und
verpassen ihren Fahrzeugen ein entsprechendes Design: Am radikalsten
will es Twike versuchen, das in der neuen Auflage sehr trendy und
schnittig daherkommen will – von der Pedalunterstützung will man nichts
mehr wissen – «höchstens noch als spätere Option», wie Geschäftsführer
Jürg Leupp anmerkt. Er hat genug von den ewigen Unkenrufen und den
Bedenken zur Marktchance: «Jetzt müssen wir es mit dem neuen Modell
einfach versuchen!» Versuchen möchte es auch Marc Frehner mit dem Sam.
Er spricht von «neuen Attributen urbaner Mobilität». Dem Sam sollen die
High-Tech-Komponenten und die ungewöhnliche Form zum Durchbruch
verhelfen, «aber wir werden trotzdem ein Nischenmarkt bleiben», weiss
Frehner. Bisher sei der Enthusiasmus der KäuferInnen solcher Fahrzeuge
allerdings meist rasch wieder verflogen. Sie kauften einmal ein E-Bike
oder ein Leichtfahrzeug und kehrten dann zum altbekannten Velo oder zum
Auto zurück.
Ob
das Stichwort Lifestyle diese Haltung verändern wird, muss sich weisen.
Die E-Bike-Hersteller sind sich nicht einig: Michael Kutter möchte
erreichen, dass der Dolphin bald als «geiler gilt als ein Mofa – und
erst noch schneller.» Anders BKTech mit ihrem Flyer. «Der Flyer als
Lifestyle-Vehikel, das war bloss herbeigewünscht», räumt
Geschäftsführer Kurt Schär ein. Damit sei man gescheitert: «Wir wollen
wieder bodenständiger werden.» Das E-Bike wird neu als hochwertiges,
ökologisches Transportmittel für die Kurzstrecke und den täglichen
Arbeitsweg propagiert.
Bei
allen neuen Zielgruppen soll die bisher interessanteste
KäuferInnenschicht nicht vergrault werden: das ältere Publikum, das ein
Motor-unterstütztes Velo wünscht. Gerade diese Käufergruppe leistet
sich auch Modelle um oder über 3000 Franken. Doch in dieses
Marktsegment drängen auch ausländische E-Bike-Hersteller. Ab nächstem
Jahr wird ein Giant-E-Bike in der Schweiz vertrieben, das auf dem
System der Tretunterstützung basiert, genau wie Flyer und Dolphin. Weil
das Rad in Taiwan gefertigt ist, werde es preislich die Konkurrenz
schlagen und unter 3000 Franken kosten, kündigt Giant-Importeur Marc
Müller an. Auch er richtet sich hauptsächlich «an ein grossurbanes
Publikum, das nicht verschwitzt ankommen will.» Ob es diese Fahrerinnen
und Fahrer gibt, weiss Müller noch nicht: «Wir werden mit kleinen
Stückzahlen einsteigen», kündigt er – vorsichtig geworden – an.


|
Hersteller |
Finanzsituation
Anf. Nov. |
produziert seit |
Verkaufszahlen |
Produktionsziele |
| Dolphin |
Velocity, Basel |
Liquiditätsengpass |
Entwicklung ab 1990 |
200 (im Jahr 2000) |
300–400 |
| Flyer |
BKTech, Kirchberg
BE |
in Nachlassstundung |
1995 |
über 2000 |
k.A. |
| Twike |
Swisslem, Hochdorf |
in Nachlassstundung |
1992 |
600 |
bis zu 10'000 /
Jahr |
| Sam |
Cree AG, Biel |
bisher privat
finanziert |
80 Prototypen |
nur Testfahrzeuge |
«niedrige
Stückzahl» |
| Intellibike |
Fachhochschule Biel |
Forschungsprojekt |
Einzelanfertigung |
– |
– |