Schwerpunkt
Aus dem Westen nichts Neues
Der Ex-Vize- und Fastpräsident der USA, Al Gore, sprach Ende September als Gastredner am Sun21-Festival in Basel. Man durfte nicht nur aus klimapolitischen Gründen gespannt sein. Antworten gaben aber andere. Pete Mijnssen
Vom Besuch des ehemaligen US-Vizepräsidenten und
Umweltpolitikers hatten sich die OrganisatorInnen des 4. Sun21
Festivals einen grossen PR-Effekt erhofft und dafür tief in die Tasche
greifen müssen. Zwei private Stiftungen waren bereit, dem Veranstalter
des Alternativenergie-Symposiums 100’000 Dollars für den prominenten
Gastredner auszulegen. Die Erwartungen waren also in jeder Hinsicht
hoch gesteckt. Hat sie Al Gore auch erfüllt?
Nach einem peniblen
Sicherheits-Check am Eingang und einer längeren Wartezeit tritt Gore –
abgeschirmt von einem Sicherheitstross und neu mit Bart – energisch
durch die Halle des Kongresshauses auf die Bühne. Der Star des Abends
führt sich selber mit einem flapsigen Spruch ein («ich war einmal der
nächste Präsident der USA»), um im nächsten Moment ein angemessen
besinnliches Wort zur Situation in Amerika anzufügen.
Laue Luft vom Ex-Vize
Dann
kommt der Klimapolitiker Gore auf sein Kernthema zu sprechen: die
globale Erwärmung. Den Sachverhalt vermittelt er den Anwesenden anhand
von gespenstisch schönen Satellitenbildern unseres blauen Planeten. Man
nimmt ihm ab, dass er in den acht Jahren der Clinton-Administration als
treibende Kraft hinter einer wenn auch zaghaften, aber für die USA
immerhin neu ausgerichteten Umweltpolitik stand. Nur liegt das
Erscheinungsdatum seines Bestsellers «Wege zum Gleichgewicht» schon
neun Jahre zurück, und Gores Bemühungen auf diesem Gebiet blieben in
den Anfängen stecken.
Auch in Basel bleibt er im Allgemeinen,
Vereinfachenden und bei aller Jovialität in seiner bekannten
Oberlehrerhaftigkeit stecken. Nach zehn Jahren Klimapolitik, den
Gipfeln von Rio, Kyoto und Bonn, darf zumindest in Zentraleuropa und
vor allem in der Alternativenergie-Hauptstadt Basel davon ausgegangen
werden, dass dem Publikum die grossen Zusammenhänge punkto
Klimaerwärmung inzwischen bekannt sind. Gore sagt uns nichts Neues –
dies dafür frei vorgetragen und eloquent. Die nicht ganz frische
Botschaft kommt denn auch nur mässig an. Auch wenn das Publikum am
Schluss applaudiert und dem Star eine angemesse Standing Ovation
darbietet, die laute Zwischenbemerkung eines älteren Herren, das sei
«Geographie- und Biologieunterricht à la mode américaine», dürfte die
Meinung vieler getroffen haben. Natürlich vernehmen die Anwesenden
nichts zur wenig rühmlichen Rolle Gores bei der Verhinderung des
Kyoto-Klimaabkommens und schon gar nichts zu den drängenden Fragen nach
den Ereignissen in New York und deren ökologische Konsequenzen. Dafür
bleibt er unverbindlich auf einer auf persönliches Engagement
reduzierten Schiene, setzt auf Wertewandel und zitiert Mahatma Ghandi
(«zuerst musst du selber aufhören Zucker zu essen, bevor du jemanden
davon abbringen willst»). Bei allem Respekt, aber reicht das, um die
Gletscher, die Eiskappen vor dem Schmelzen zu bewahren und die
Klimaveränderung zu stoppen?
Umdenken nach dem Schock?
Die
anschliessende Podiumsdiskussion mit Energie-ExpertInnen gibt mehr
Aufschluss. So erfahren wir von David Freeman, Energieberater der
kalifornischen Regierung, dass nach dem Energieschock im Frühling der
Energiebedarf in Kalifornien um 14 Prozent gesunken ist, und auch Dr.
Joan Davis (Ex-Direktorin EMPA) erinnert daran, dass sich nach der
Erdölkrise Anfang der 70er Jahre der Konsum drastisch reduzierte. So
müssten auch aus den Ereignissen vom 11. September ökologische
Konsequenzen gezogen werden. Dies darf angezweifelt werden, solange die
USA 100 Mia. Dollar mehr für die militärische Sicherung in der
Golfregion und der Ölfelder ausgeben, wie Virginia Sonntag-O‘Brian von
der Basel Agency for Sustainable Society weiss. Nachdem nun auch
Regierungsstellen Attentate auf AKWs nicht mehr ausschliessen, fordert
SP-Nationalrat Ruedi Rechsteiner, sich von dieser Technologie ein- für
allemal zu verabschieden. Carole Franklin, damals noch die
Geschäftsleiterin von WWF Schweiz, ruft dazu auf, analog zur Steinzeit
nun auch das Ölzeitalter hinter uns zu lassen.
So bleibt am Schluss
die Frage, ob sich der Aufwand für den hohen Gast gelohnt hat. Benjamin
Szemkus von der Medienstelle Sun21 beurteilt im Nachhinein Gores
Auftritt als «nicht optimal». Trotzdem möchte die Organisation auch in
Zukunft mit Prominenten für die Solarenergie werben. Die nächste
Veranstaltung findet Ende Juni 2002 statt. Man darf gespannt sein.