Politik

Mehr Qualität im Veloverkehr

Warum führen manche velopolitischen Massnahmen zum Erfolg und andere nicht? Mit «Bypad» bekommen die Gemeinden ein Instrument, mit dem sich die Velopolitik überprüfen und verbessern lässt. Gearbeitet wird mit Techniken des Qualitätsmanagements. Ursula Lehner-Lierz
Wirtschaftsunternehmen bemühen sich mit Hilfe von Qualitätsmanagement um gute Produkte, effiziente Abläufe und zufriedene Kunden, um so bessere Ergebnisse und grössere Marktanteile zu erreichen. Die gleichen Instrumente können nun auch die Gemeinden zur Verbesserung ihrer Velopolitik einsetzen. Die Situation ist in vielen Gemeinden ähnlich: Um die Bedingungen zu verbessern, wird mit meist kleinen Budgets und knappen Personalressourcen eine Reihe gut gemeinter Aktivitäten gestartet. PolitikerInnen beschliessen, dass ihre Gemeinde «velofreundlich» werden soll – aber oft ohne zu präzisieren, was damit eigentlich gemeint ist. Klare Zielvorstellungen, Strategien, Wirksamkeitskontrollen und die notwendige Verankerung in Politik und Verwaltung fehlen meist. Genauso wie die Sicherstellung der notwendigen Finanzierung.
Velobeauftragte kämpfen um Erfolge. Doch Entscheidungen in anderen Verkehrsbereichen machen manchmal die mühsam errungenen Fortschritte mit einem Schlag wieder zunichte. Der Grund: Velopolitik ist meist nicht in die Verkehrspolitik integriert, und ob sich Massnahmen anderer Politikbereiche kontraproduktiv auswirken – weil sie beispielsweise die Wege verlängern – wird nicht geprüft. Zudem hängt die Qualität der Velopolitik oft vom Engagement einzelner Personen und von aktuellen politischen Mehrheiten ab.

Werkzeuge aus dem Qualitätsmanagement
Was in der Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit ist, gibt es jetzt auch für die Velopolitik: Qualitätsmanagement. «Bypad» heisst das Verfahren, das zur Erfolgskontrolle dient. Kernstücke sind ein Fragebogen und eine Checkliste.
Die Grundlagen wurden im Rahmen eines EU-Projekts erarbeitet, und «Bypad» wird inzwischen in Gent, Graz, Troisdorf, Birmingham, Zwolle, Ferrara und Grenoble praktisch erprobt. Es geht dabei nicht um Wettbewerb zwischen verschiedenen Gemeinden, sondern um eine Momentaufnahme der lokalen Velopolitik. In einem «Audit» werden die jeweiligen Stärken und Schwächen der örtlichen Velopolitik aufgelistet, und aus den Ergebnissen lässt sich direkt ableiten, welche Verbesserungen möglich sind. Wiederholungen (alle 3-5 Jahre) dienen der Erfolgskontrolle.
Neu an «Bypad» ist, dass vorhandenes internationales Wissen und Erfahrungen mit Qualitätsmanagement kombiniert werden und dass die Velopolitik einer Gemeinde als dynamischer Prozess betrachtet wird. Es zählt deshalb nicht nur, «was hinten rauskommt», sondern wie der gesamte Prozess organisiert ist. Im Prozess kommen nicht nur Politik und Verwaltung, sondern auch die Velofahrenden bzw. ihre Organisationen zu Wort.

Alle Einflussfaktoren im Griff
Bypad untersucht, welche Ziele die Velopolitik der Versuchsstädte hat und mit welchen Strategien sie diese verfolgt (Strategie und Planung). Es wird überprüft, wie die Velopolitik in Politik und Verwaltung verankert ist, ob und wie sie in andere Politikbereiche integriert oder damit verflochten ist (Steuerung der Politik), welche finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung stehen und wie die Kontinuität der Velopolitik über die nächste Wahl hinaus gesichert wird (Finanz- und Personalmanagement). Bypad untersucht, ob und wie die Nutzeranforderungen ermittelt und genutzt werden (Nutzeranforderungen), was konkret zur Förderung der Velonutzung getan wird (Projekte & Aktionen) und wie die Wirksamkeit von Einzelmassnahmen und Gesamtstrategie evaluiert und beobachtet werden (Evaluation & Monitoring). So lässt sich lokale Velopolitik als ein System aus sieben Modulen darstellen.
Zur Diagnose der aktuellen Velopolitik werden pro Modul eine Reihe von Fragen formuliert, derzeit insgesamt vierzig. Für jede Frage sind bereits Antworten vorgegeben. Sie beschreiben – für jede Entwicklungsstufe – Velomassnahmen, die in verschiedenen Ländern mit Erfolg angewandt werden und die ein Gesamtbild ergeben.

Audits
Um ein möglichst objektives Bild der Velopolitik zu erhalten, nehmen am Audit-Prozess drei Parteien teil: der/die für Veloverkehr verantwortliche PolitikerIn, die für die Entwicklung der Velopolitik zuständigen MitarbeiterInnen der Gemeindeverwaltung sowie VertreterInnen der Nutzergruppen. Der Fragebogen wird von jeder Partei einzeln ausgefüllt. Danach kommen sie zu einem Konsensgespräch zusammen. Dabei werden sie mit den unterschiedlichen Einschätzungen der anderen Teilnehmenden konfrontiert. Sie diskutieren die Ergebnisse und versuchen gemeinsam zu einer realistischen Einstufung der unterschiedlichen Beurteilungen zu kommen.

www.bypad.org (engl.)
Ursula Lehner-Lierz, velo:consult, Männedorf,
Tel. 01 790 18 60, Turn on JavaScript!
Sie hat am EU-Bypad-Projekt mitgearbeitet.
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