Kultur
Höhlenforscher und Sternengreifer
Was verbindet die Radrennfahrer Lance Armstrong und Urs Zimmermann? Beide haben ihre Biografien niedergeschrieben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Armstrongs Buch bereits die Top-Ten-Bücherliste stürmte, wird Zimmermanns Werk erst im Oktober erscheinen. Pete Mijnssen
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Lance Armstrong (mit Sally Jenkins), Tour des Lebens,
Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann
Bastei Lübbe, Fr. 16.80,
ISBN 3-404-61470-4 |
Das Schicksal des an Krebs erkrankten Lance Armstrong ist spätestens
dank seiner überlegenen Tour de France-Siege in die hintersten Winkel
der Welt gedrungen. Wie der Radrennfahrer 1996 von den Ärzten und
seinen Sponsoren aufgegeben wurde, wie er es allen ab 1999 dreimal
hintereinander an der Tour zeigte, das ist eine der Geschichten, die
über die Sportgemeinde hinaus zu berühren und zu bewegen vermögen. Eine
typisch amerikanische dazu, mit allen Zutaten eines Hollywood-Stoffes
(der bestimmt früher oder später verfilmt wird, da wette ich drauf).
Nüchterne EuropäerInnen hinterfragen diese Erfolgsstory traditionell
argwöhnisch (hat er, hat er nicht?), haben den Glauben an den
Radrennsport seit den grossen Dopingskandalen sowieso verloren.
Lohnt es sich dennoch, ein Buch zu lesen, von dem von vornherein
feststeht, wie es endet wird? Ja, weil es trotz allem «Herz-Schmerz»
(Stichwort: Courths-Mahler für Radfreaks) auch nüchternen
ZeitgenossInnen viele Einblicke in das Leben von Armstrong, seinen
kometenhaften Aufstieg aus dem texanischen Nichts und die von ihm
entfachte Faszination der US-Amerikaner für einen europäischen Sport
gewährt. Die klare und einfache Sprache macht auch LeserInnen, die mit
Radsport sonst nichts am Hut haben, erlebbar, warum Velorennen trotz
der Skandale faszinierend sind und bleiben.
Die Erfindung des Super-Rads
Etwas
schwieriger ist das Buch von Urs Zimmermann zu lesen, einem Schweizer
Radprofi, der 1986 als Favorit die Tour de France fast gewonnen hätte –
aber eben leider nur fast, denn er wurde das Opfer einer für den
Radrennsport typischen Intrige und zog sich anschliessend enttäuscht
vom Profisport zurück.
Die Geschichte handelt von Wolf, einem
enttäuschten, übergewichtigen Rad-Topshot, den ein ominöser Belgier mit
einem seltsamen Deal und mit einem Wunderrennrad wieder an die Spitze –
natürlich der Tour de France – bringen will. Das Wunderrad soll dank
seiner speziellen Geometrie ungenutzte Muskelbänder aktivieren und so
Kräfte mobilisieren, die aus der lahmen Ente wieder einen stolzen
Radler machen. Wenn da nur nicht die immer währenden Zweifel an der
Richtigkeit des Entschlusses wären, sich auf das Foltergerät zu setzen.
Wenn nur nicht immer die Selbstzweifel an der Richtigkeit seiner
Entscheidung wären, siegen zu wollen. Neben diesem Hauptstrang erfährt
die Leserschaft einiges über Wolfs Umgebung (Freunde hat er wenige),
die ja wohl die Umgebung von Urs Zimmermann meint. Immerhin heisst es
im Untertitel «ein autobiographischer Roman». Da wird um den Bielersee
geradelt, der elterliche Bauernhof besucht und die Verschandelung der
portugiesischen Algarve gebrandmarkt. Wolf – man ahnt es – wird nie und
nimmer die Tour gewinnen. Stattdessen versinkt er in einer Depression.
Das Buch endet versöhnlich, aber in einer persönlichen Katastrophe für
seinen belgischen Freund Albert.
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Urs Zimmermann, Im
Seitenwind: autobiografischer Roman
Edition 8, ca. 220 Seiten, Fr. 32.–,
ISBN 3-85990-028
(erscheint im Oktober) |
Der Höhlenforscher
Wer
hofft, mehr Autobiografisches hinter der Figur Wolf zu entdecken, wird
enttäuscht. Wolf bleibt auf weite Strecken hölzern, oft so bockig
steif, dass kaum eine Versuchung entsteht, sich mit ihm zu
identifizieren. Natürlich steht das Wunderrad auch als Metapher für die
Magie des Velorennsports, für das Verlangen, mit weniger Aufwand die
Schwerkraft überwinden zu können. Vielleicht ist es sogar als Allegorie
auf die Wunderdroge EPO gedacht. Was für Radfans mit Interesse für
Ergonomie noch fünfzig Seiten lang unterhaltend ist, wird nach der
Hälfte langweilig. Daran ist nicht etwa Zimmermanns Schreibstil schuld
(über weite Strecken liest sich das Buch flüssig), aber dem Band fehlt
jeder Sinn für Dramaturgie. Weder die Handlung noch die Hauptfigur
heben ab. So bleibt es bei bodenständig ehrlicher, aber letzendlich
langweiliger Schweizer Kost. Schade, dass der Autor, der seit Jahren an
diesem Projekt arbeitete, sich keinen schriftstellerischen Konterpart
zugezogen hat. So bleibt das Buch etwas für eingeschworene
Zimmermann-Fans, die bereit sind, sich den Höhlenforschungen durch
Wolfs Psyche und ergonomischen Spielereien anzuschliessen. Die Mehrheit
wird wohl mit Armstrong nach den Sternen greifen wollen.