
Der verhangene
Frühlingshimmel passt zur wirtschaftlichen Situation der Schweizer
Velobranche. Obwohl nun fast jedes Jahr ein Betrieb die Produktion
einstellte (Condor, Jeker Haefeli, Titan, Tigra), scheint die
Flurbereinigung noch längst nicht abgeschlossen zu sein. Zwar konnten
durch die Aufgabe von Tigra letztes Jahr ein, zwei Hersteller von
Alltagsrädern einige Marktanteile erben (etwa TDS und Cresta – zwei
Firmen, die ohnehin schon zu den innovativeren zählen).
Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Situation immer
schwieriger wird. Bei vielen Schweizer Firmen ist die kritische Grösse
längst unterschritten. Gleichzeitig ist die Struktur immer noch zu
aufgeblasen, und schliesslich bleibt auch von der eigenständigen,
hochwertigen «Schweizer Linie» nicht mehr viel übrig, seit mehr und
mehr Firmen dazu übergegangen sind, nicht nur die Rahmen, sondern
gleich fixfertige Velos zu importieren. Da fallen die
Qualitätsargumente gegen die reinen Importmarken kaum, die
Kostennachteile dagegen umso mehr ins Gewicht.
Am drastischsten ist der Fall von Cilo und Mondia: Noch in den 90er
Jahren betrug deren Absatz 30’000 bis 40’000 Velos pro Jahr, heute ist
er auf einen Viertel zusammengefallen. Während Mondia nach der
geplatzten Kooperation mit Tigra das Rad alleine nochmals herumreissen
will, ist es ein offenes Geheimnis, dass Cilo-Chef Claude Jan mangels
Nachfolge schon seit längerem nach einem Käufer Ausschau hält.
«Studie» probte neuen Marktleader
Letzten
Herbst bahnte sich ein vielversprechender Kontakt zwischen Claude Jan
und Andy Rihs an. Beide haben das gleiche «Hobby»: Sie zahlen an einen
Profi-Rennstall. Phonak-Chef Rihs ist vor allem auch als Financier von
BMC bekannt geworden. Und weil dieser Unternehmer keine halben Sachen
mag, prüfte er gleich die Zusammenführung eines schlagkräftigen
Firmenverbunds: Neben Cilo (mit Tochter MTB Cycletech) und «seiner» BMC
sollten auch Mondia und Komenda mittun. Das Brisante daran: Da ausser
Tour de Suisse alle grösseren Schweizer Produzenten in dieser «Swiss
Cycling Group» (so der Arbeitstitel) vereinigt gewesen wären, hätte
eine Gegenkraft entstehen können, die sogar Marktleader Villiger
übertroffen hätte. Als «Drahtzieher» spann der heutige
Unternehmensberater und vormalige Villiger-Velochef Damian Wirth die
Fäden! Vorgesehen gewesen wäre eine zentrale Logistik; hergestellt
werden sollten verschiedene Marken an unterschiedlichen Standorten, so
dass die Produktion betriebswirtschaftlich noch vertretbar würde. Mit
effizientem Marketing und Vertrieb hätten wohl auch reelle
Exportchancen bestanden.
Was sich so verheissungsvoll anhörte,
wurde diesen Frühling still und leise begraben. Über die Gründe will
niemand sprechen. Die «private Studie» – wie sie heute genannt wird –
lief unter höchster Geheimhaltung und verpflichtete alle Beteiligten zu
Stillschweigen. Für Branchenkenner scheint immerhin offensichtlich,
dass die Begeisterung spätestens dann verflogen sein dürfte, als alle
Partner ihre Karten aufdecken mussten und alle Altlasten auf den Tisch
kamen. Dazu waren wohl die Synergieeffekte zu ungewiss; es scheint
unwahrscheinlich, dass die neue Firma weiterhin fünf Marken hätte neu
positionieren können. Das Beispiel Mondia (mit Übernahme von Allegro
und Condor) hat ja gezeigt, dass eins plus eins plus eins immer noch
eins bleibt – wenn überhaupt.
WHO IS WHO
IM SCHWEIZER MARKT ?
| Firma | Marken im Vetrieb | Budgetierte Stückzahlen | |
| 2000 | 2001 | ||
| Villiger Söhne, Buttisholz (Produktion Schweiz) | Villiger / Arrow / Rotwild / Mietvelos | 47'000 | 36'000 |
| Intercycle / Cosmo Sport, Sursee | Wheeler/Schwinn/Diamond Back/Colnago/Tomac/Coppi | 23'000 | 22'000 |
| Komenda, St.Gallen | Cresta / Giant | 20'000 | 20'000 |
| SSG, Givisiez | Scott | 19'000 | 20'000 |
| Cilo, Romanel | Cilo / MTB Cycletech | 17'000 | 13'000 |
| Trek Fahrrad, Urdorf | Gary Fisher / Klein / Trek | 13'000 | 12'000 |
| Tour de Suisse Rad, Kreuzlingen | TDS / Stevens / Chariot | 11'000 | 11'000 |
| Canyon, Biel | Canyon | 10'000 | 10'000 |
| Baltensperger, Otelfingen | BC / Kristall | 7'000 | 9'000 |
| Specialized, Holland | Specialized | 6'000 | 8'000 |
| Belimport, Lugano | Merida / De Rosa | 5'000 | 7'000 |
| Mondia, Strengelbach | Mondia | 9'000 | 6'000 |
| BMC, Grenchen | BMC | 5'000 | 5'000 |
| Aarios, Gretzenbach | Aarios | 5'000 | 5'000 |
| CTC, Schlieren | GT | 6'000 | 4'000 |
| Cannondale, Holland | Cannondale | k. A. | 4'000 |
Das nächste Opfer: Cilo
Damit
ist wohl die letzte grosse Chance vergeben worden, die traditionsreiche
heimische Veloindustrie als «Velo Schweiz AG» für eine neue Zukunft zu
rüsten. Im Alleingang dürften einige kaum mehr lange überleben. Wie
ernst die Lage etwa bei Cilo sein muss, beweist der drastische
Stellenabbau seit 1998. Zuerst wurde mit der mehrheitlichen Aufgabe der
eigenen Montage die 60-köpfige Belegschaft innert zwei Jahren halbiert.
Im Laufe des Frühlings erhielten weitere zehn Angestellte die
Kündigung, darunter gar der altgediente Product Manager für MTB
Cycletech, Butch Gaudy; schliesslich wurden Anfang Mai die verbliebenen
19 Beschäftigten auf die kollektive Kündigung per Monatsende
vorbereitet. Patron Claude Jan beteuert, dass ihm die Bank gar keine
andere Wahl und Frist gelassen habe. Immerhin soll dies nicht das Ende
von Cilo Velo bedeuten: Jan suchte Rettung bei zwei ausländischen
Velogruppen und zeigte sich optimistisch, noch vor Ende Mai eine
Übernahme bekanntgeben zu können. Gegenüber velojournal gab er dabei
der Hoffnung Ausdruck, dass nicht nur der traditionsreiche Name gekauft
werde, sondern dass jeder der beiden möglichen Käufer die
Drei-Sparten-Marke als Highend-Linie weiterzuführen gedenke. Es bestehe
dabei gar die Aussicht, dass der Standort Romanel für die
Produkteentwicklung beibehalten und ein Dutzend Mitarbeiter weiter
beschäftigt werden könnte. Der Geschäftsleiter von Cilo Bike Service
(CBS) liess verlauten, dass dieser Teil der Firma von den Veränderungen
in keiner Weise betroffen sei. Seit zwei Jahren weise CBS sogar
steigende Umsätze aus.
Vom Speichen- zum Zahlensalat
Seit Jahren stehen die Schweizer Velohersteller unter Druck – durch
steigende Kosten, zunehmende Importe und neue Grossverteiler. In dieser
schwierigen Situation haben sie nicht einmal ein taugliches
strategisches Instrument in Händen. Es fehlen immer noch verlässliche
Marktzahlen.
Bislang existierte einzig eine Markterhebung der IHA, welche Cilo in
Auftrag gab und die vom Verband VFGI zur Weiterverwendung abgekauft
wurde. Jahrelang kam diese Statistik auf einen Absatz von 400'000 bis
450'000 Velos. Wegen der Geheimniskrämerei seiner Mitglieder war der
Verband selbst nicht in der Lage, die eigenen Zahlen zusammenzubringen.
Weil aber seit langem Zweifel an diesen hochgerechneten IHA-Zahlen
bestanden, wurde heuer endlich ein Weg gefunden, um mittels codierten
Eingaben die effektiven Zahlen anonym erheben zu können. Resultat: Von
den rund 20 Veloanbietern im VFGI wurden im letzten Jahr knapp 160'000
Velos abgesetzt, von den Nichtmitgliedern nochmals 80'000, was total
240'000 via Fachhandel verkaufte Velos ergibt.
Die IHA weist in ihrer Erhebung 2000 (für die inzwischen die Migros
Hauptkunde ist) wiederum 420'000 Einheiten aus – womit für die
Grossverteiler und Warenhäuser ein Anteil von 180'000 Velos verbleibt.
Vielleicht müssten diesem Kanal sogar deutlich über 200'000 Velos
zugeschlagen werden, weil der Anteil von 80'000 Velos, welcher den
Nicht-VFGI-Mitgliedern zugeordnet wird, auch nur hochgerechnet ist und
gemäss übereinstimmenden Branchenaussagen deutlich zu hoch erscheint.
Damit aber würde der Fachhandel nicht mehr zwei Drittel des Marktes
beanspruchen können, sondern nicht einmal mehr die Hälfte!
Das ist freilich eine reine These, solange niemand plausibel erklären
kann, ob von den acht wichtigsten Grossverteilern wirklich die doppelte
Menge abgesetzt wird, als bisher von Insidern eingeschätzt wurde, oder
ob sich die IHA seit Jahren schlicht um 100'000 Einheiten verrechnet.
Die einzige Vermutung, die der Verband hegt, ist, dass in dieser Summe
auch eine hohe Zahl von Spielzeugvelos enthalten sein könnte.