Szene

Einzelkampf statt gemeinsamer Aufschwung

Ein so verregneter Frühling wie heuer kann ja nicht gut sein fürs Geschäft. Einigen Firmen verschaffte er immerhin eine Ausrede für – strukturbedingte – Schwierigkeiten. Cilo kann allerdings die Probleme nicht weiter kaschieren: Eine ausländische Gruppe soll die Firma übernehmen.
Der Velohandel beklagt den schlechtesten Frühling seit zehn Jahren. Es gibt Geschäfte, die im verkaufsträchtigen April die Hälfte des üblichen Umsatzes eingebüsst haben. Doch die Branche muss alle paar Jahre mit einem verregneten Saisonauftakt leben. Er sorgt dafür, dass sich die Spreu vom Weizen trennt: Aktive Händler haben insbesondere im sportiven, hochpreisigen Segment gleichwohl recht gut verkauft. Ein deutliches Minus bleibt für Alltagsvelos – hier fehlte die spontane Käuferschaft. Unter dem Strich liegt das Geschäft zehn bis zwanzig Prozent unter den Erwartungen.

Der verhangene Frühlingshimmel passt zur wirtschaftlichen Situation der Schweizer Velobranche. Obwohl nun fast jedes Jahr ein Betrieb die Produktion einstellte (Condor, Jeker Haefeli, Titan, Tigra), scheint die Flurbereinigung noch längst nicht abgeschlossen zu sein. Zwar konnten durch die Aufgabe von Tigra letztes Jahr ein, zwei Hersteller von Alltagsrädern einige Marktanteile erben (etwa TDS und Cresta – zwei Firmen, die ohnehin schon zu den innovativeren zählen).
Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Situation immer schwieriger wird. Bei vielen Schweizer Firmen ist die kritische Grösse längst unterschritten. Gleichzeitig ist die Struktur immer noch zu aufgeblasen, und schliesslich bleibt auch von der eigenständigen, hochwertigen «Schweizer Linie» nicht mehr viel übrig, seit mehr und mehr Firmen dazu übergegangen sind, nicht nur die Rahmen, sondern gleich fixfertige Velos zu importieren. Da fallen die Qualitätsargumente gegen die reinen Importmarken kaum, die Kostennachteile dagegen umso mehr ins Gewicht.
Am drastischsten ist der Fall von Cilo und Mondia: Noch in den 90er Jahren betrug deren Absatz 30’000 bis 40’000 Velos pro Jahr, heute ist er auf einen Viertel zusammengefallen. Während Mondia nach der geplatzten Kooperation mit Tigra das Rad alleine nochmals herumreissen will, ist es ein offenes Geheimnis, dass Cilo-Chef Claude Jan mangels Nachfolge schon seit längerem nach einem Käufer Ausschau hält.

«Studie» probte neuen Marktleader
Letzten Herbst bahnte sich ein vielversprechender Kontakt zwischen Claude Jan und Andy Rihs an. Beide haben das gleiche «Hobby»: Sie zahlen an einen Profi-Rennstall. Phonak-Chef Rihs ist vor allem auch als Financier von BMC bekannt geworden. Und weil dieser Unternehmer keine halben Sachen mag, prüfte er gleich die Zusammenführung eines schlagkräftigen Firmenverbunds: Neben Cilo (mit Tochter MTB Cycletech) und «seiner» BMC sollten auch Mondia und Komenda mittun. Das Brisante daran: Da ausser Tour de Suisse alle grösseren Schweizer Produzenten in dieser «Swiss Cycling Group» (so der Arbeitstitel) vereinigt gewesen wären, hätte eine Gegenkraft entstehen können, die sogar Marktleader Villiger übertroffen hätte. Als «Drahtzieher» spann der heutige Unternehmensberater und vormalige Villiger-Velochef Damian Wirth die Fäden! Vorgesehen gewesen wäre eine zentrale Logistik; hergestellt werden sollten verschiedene Marken an unterschiedlichen Standorten, so dass die Produktion betriebswirtschaftlich noch vertretbar würde. Mit effizientem Marketing und Vertrieb hätten wohl auch reelle Exportchancen bestanden.
Was sich so verheissungsvoll anhörte, wurde diesen Frühling still und leise begraben. Über die Gründe will niemand sprechen. Die «private Studie» – wie sie heute genannt wird – lief unter höchster Geheimhaltung und verpflichtete alle Beteiligten zu Stillschweigen. Für Branchenkenner scheint immerhin offensichtlich, dass die Begeisterung spätestens dann verflogen sein dürfte, als alle Partner ihre Karten aufdecken mussten und alle Altlasten auf den Tisch kamen. Dazu waren wohl die Synergieeffekte zu ungewiss; es scheint unwahrscheinlich, dass die neue Firma weiterhin fünf Marken hätte neu positionieren können. Das Beispiel Mondia (mit Übernahme von Allegro und Condor) hat ja gezeigt, dass eins plus eins plus eins immer noch eins bleibt – wenn überhaupt.


WHO IS WHO IM SCHWEIZER MARKT ?

Firma Marken im Vetrieb Budgetierte Stückzahlen
    2000 2001
Villiger Söhne, Buttisholz (Produktion Schweiz) Villiger / Arrow / Rotwild / Mietvelos 47'000 36'000
Intercycle / Cosmo Sport, Sursee Wheeler/Schwinn/Diamond Back/Colnago/Tomac/Coppi 23'000 22'000
Komenda, St.Gallen Cresta / Giant 20'000 20'000
SSG, Givisiez Scott 19'000 20'000
Cilo, Romanel Cilo / MTB Cycletech 17'000 13'000
Trek Fahrrad, Urdorf Gary Fisher / Klein / Trek 13'000 12'000
Tour de Suisse Rad, Kreuzlingen TDS / Stevens / Chariot 11'000 11'000
Canyon, Biel Canyon 10'000 10'000
Baltensperger, Otelfingen BC / Kristall 7'000 9'000
Specialized, Holland Specialized 6'000 8'000
Belimport, Lugano Merida / De Rosa 5'000 7'000
Mondia, Strengelbach Mondia 9'000 6'000
BMC, Grenchen BMC 5'000 5'000
Aarios, Gretzenbach Aarios 5'000 5'000
CTC, Schlieren GT 6'000 4'000
Cannondale, Holland Cannondale k. A. 4'000

Bezogen auf einzelne Marken führt Scott mit seiner einzigen Marke (20'000 Velos) knapp vor Villiger (18'000; weitere 5000 gehen nach Deutschland) das Feld an, gefolgt mit jeweils beträchtlichem Abstand von Wheeler und Cilo. Da auch die so genannten Schweizer Hersteller immer mehr Velos teilweise oder ganz importieren, sind die eigentlichen Importeure erstmals nicht mehr gesondert aufgeführt. Diese Auflistung beruht auf jahrelanger Marktbeobachtung. Offizielle Markenzahlen sind nach wie vor keine erhältlich.© Peter Hummel / report h+h



Das nächste Opfer: Cilo
Damit ist wohl die letzte grosse Chance vergeben worden, die traditionsreiche heimische Veloindustrie als «Velo Schweiz AG» für eine neue Zukunft zu rüsten. Im Alleingang dürften einige kaum mehr lange überleben. Wie ernst die Lage etwa bei Cilo sein muss, beweist der drastische Stellenabbau seit 1998. Zuerst wurde mit der mehrheitlichen Aufgabe der eigenen Montage die 60-köpfige Belegschaft innert zwei Jahren halbiert. Im Laufe des Frühlings erhielten weitere zehn Angestellte die Kündigung, darunter gar der altgediente Product Manager für MTB Cycletech, Butch Gaudy; schliesslich wurden Anfang Mai die verbliebenen 19 Beschäftigten auf die kollektive Kündigung per Monatsende vorbereitet. Patron Claude Jan beteuert, dass ihm die Bank gar keine andere Wahl und Frist gelassen habe. Immerhin soll dies nicht das Ende von Cilo Velo bedeuten: Jan suchte Rettung bei zwei ausländischen Velogruppen und zeigte sich optimistisch, noch vor Ende Mai eine Übernahme bekanntgeben zu können. Gegenüber velojournal gab er dabei der Hoffnung Ausdruck, dass nicht nur der traditionsreiche Name gekauft werde, sondern dass jeder der beiden möglichen Käufer die Drei-Sparten-Marke als Highend-Linie weiterzuführen gedenke. Es bestehe dabei gar die Aussicht, dass der Standort Romanel für die Produkteentwicklung beibehalten und ein Dutzend Mitarbeiter weiter beschäftigt werden könnte. Der Geschäftsleiter von Cilo Bike Service (CBS) liess verlauten, dass dieser Teil der Firma von den Veränderungen in keiner Weise betroffen sei. Seit zwei Jahren weise CBS sogar steigende Umsätze aus.


Vom Speichen- zum Zahlensalat

Seit Jahren stehen die Schweizer Velohersteller unter Druck – durch steigende Kosten, zunehmende Importe und neue Grossverteiler. In dieser schwierigen Situation haben sie nicht einmal ein taugliches strategisches Instrument in Händen. Es fehlen immer noch verlässliche Marktzahlen.
Bislang existierte einzig eine Markterhebung der IHA, welche Cilo in Auftrag gab und die vom Verband VFGI zur Weiterverwendung abgekauft wurde. Jahrelang kam diese Statistik auf einen Absatz von 400'000 bis 450'000 Velos. Wegen der Geheimniskrämerei seiner Mitglieder war der Verband selbst nicht in der Lage, die eigenen Zahlen zusammenzubringen. Weil aber seit langem Zweifel an diesen hochgerechneten IHA-Zahlen bestanden, wurde heuer endlich ein Weg gefunden, um mittels codierten Eingaben die effektiven Zahlen anonym erheben zu können. Resultat: Von den rund 20 Veloanbietern im VFGI wurden im letzten Jahr knapp 160'000 Velos abgesetzt, von den Nichtmitgliedern nochmals 80'000, was total 240'000 via Fachhandel verkaufte Velos ergibt.
Die IHA weist in ihrer Erhebung 2000 (für die inzwischen die Migros Hauptkunde ist) wiederum 420'000 Einheiten aus – womit für die Grossverteiler und Warenhäuser ein Anteil von 180'000 Velos verbleibt. Vielleicht müssten diesem Kanal sogar deutlich über 200'000 Velos zugeschlagen werden, weil der Anteil von 80'000 Velos, welcher den Nicht-VFGI-Mitgliedern zugeordnet wird, auch nur hochgerechnet ist und gemäss übereinstimmenden Branchenaussagen deutlich zu hoch erscheint. Damit aber würde der Fachhandel nicht mehr zwei Drittel des Marktes beanspruchen können, sondern nicht einmal mehr die Hälfte!
Das ist freilich eine reine These, solange niemand plausibel erklären kann, ob von den acht wichtigsten Grossverteilern wirklich die doppelte Menge abgesetzt wird, als bisher von Insidern eingeschätzt wurde, oder ob sich die IHA seit Jahren schlicht um 100'000 Einheiten verrechnet. Die einzige Vermutung, die der Verband hegt, ist, dass in dieser Summe auch eine hohe Zahl von Spielzeugvelos enthalten sein könnte.

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