Politik

Strassen für alle

Die Tempo-30-Initiative «Strassen für alle», über die am 4. März abgestimmt wird, ist ein Win-Win-Projekt für alle, gerade auch für die VelofahrerInnen. Sie profitieren in erster Linie davon, dass sich die Geschwindigkeiten von Autos und Zweirädern angleichen. Das bringt mehr Sicherheit.
Jürg Tschopp
Vorstand IG Velo Schweiz
Ressortleiter Velo VCS
Jedes Jahr sterben auf unseren Strassen innerorts über 200 Menschen. Schwere Verkehrsunfälle sind sehr oft auf zu hohe Geschwindigkeiten zurückzuführen. Mit seiner Initiative «Strassen für alle» will der VCS flächendeckend Abhilfe schaffen. Heute treffen wir noch Insellösungen mit Tempo 30 in privilegierten Wohnquartieren an. Mit der Initiative soll mehr Verkehrssicherheit für alle erreicht werden. Der VCS schätzt, dass mit der Annahme von «Strassen für alle» rund zwei Drittel aller tödlichen Verkehrsunfälle innerorts vermieden werden könnten. Schweden will mit dem Projekt «Vision Zero» die Zahl der Todesopfer im Strassenverkehr auf Null senken. Tempo 30 innerorts gilt dafür als das am besten geeignete Mittel.

«Strassen für alle» ermöglicht ein neues, ruhigeres Verkehrsklima des Miteinander: Auch Kinder und ältere Menschen können sich im Siedlungsraum wieder freier und sicherer bewegen. Das tiefere Geschwindigkeitsniveau reduziert zudem den Lärm und bewirkt einen flüssigeren Strassenverkehr. Davon profitiereren sowohl der Veloverkehr wie auch die öffentlichen Verkehrsmittel, denn die optimale Leistungsfähigkeit von Strassen in Ortskernen liegt in der Regel zwischen 20 und 30 km/h.
 

  Gemeinden sind gefordert
 
  Bei Annahme der Initiative können die Gemeinden auf Hauptstrassen und in Industriegebieten Tempo 50 (oder sogar Tempo 60) anordnen, sofern Sicherheit und Lärmschutz dies zulassen. Abklärungen des VCS zeigen, dass landesweit nur auf etwa einem Drittel der Hauptstrassenabschnitte innerorts Tempo 30 notwendig ist, etwa in Ortszentren, bei Schulhäusern, Spitälern und Altersheimen. Für die IG Velo und die Initianten ist es auch selbstverständlich, dass auf Strassen mit starkem Motorfahrzeugverkehr und bei Geschwindigkeiten über 30 km/h Radstreifen und/oder Velowege weiterhin nötig sind.

Sobald die Gemeinden die Initiative konkret umsetzen, kostet dies Geld. Der VCS rechnet mit rund einer Milliarde Franken, davon einerseits 300 Mio. für Belagswechsel, bauliche Anpassungen, Markierungen und Signalisationen in Wohngebieten (zusätzlich zu den bereits vorhandenen Massnahmen), anderseits 700 Millionen für bauliche Massnahmen auf rund 30 Prozent der Hauptstrassenabschnitte, inklusive geringfügiger Gutachtenkosten für die von der Temporeduktion ausgenommenen Hauptstrassenabschnitte (Lärm- und Unfallkataster sind bereits vorhanden).

Den Kosten stehen aber massive Einsparungen aufgrund von weniger Verkehrstoten und weniger Verletzten gegenüber. Die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) setzt für die Rettung eines Menschenlebens im Schnitt 1,8 Mio. Franken ein, für eine verhütete Verletzung im Mittel 78’000 Franken. Gemäss einer Expertise der Firma Prognos wären bei einer flächendeckenden Einführung von Tempo 30 innerorts 120 Verkehrstote weniger und rund 5’700 Verletzte weniger zu beklagen. Geht man von einem 80-prozentigen Beachtungsgrad der Geschwindigkeitsbegrenzungen aus, so beziffern sich die eingesparten Kosten – berechnet auf Grund der bfu-Annahmen – auf 528 Mio. Franken.
 

  Geringeres Tempo lohnt sich
 
  In weniger als zwei Jahren hätten sich somit die Kosten für bauliche Massnahmen und Signalisation ausbezahlt. Noch positiver ist die Bilanz, wenn angenommen wird, dass die Kantone und Gemeinden früher oder später die Unfallschwerpunkte und Strassen mit Lärmgrenzwertüberschreitungen sowieso sanieren müssen. Der VCS schlägt vor, für einen Teil der Tempo-30-Signalisationen Bodenmarkierungen statt der herkömmlichen Verkehrstafeln einzusetzen. Das Modell der Initianten ist einfach: Die Ortseingänge werden mit der Tempo-50-Tafel signalisiert. Sobald innerorts auch auf der Hauptstrasse Tempo 30 gilt, folgt die Tafel «generell Tempo 30». Die Übergänge von Tempo-30-Nebenstrassen auf Tempo-50-Strassen werden mittels Bodenmarkierungen bezeichnet. Auf diese Weise könnten Tausende von Signaltafeln eingespart werden. Da sich Bodenmarkierungen gut bewährt haben und für den Veloverkehr ideal sind, finden sie trotz noch fehlender Rechtsgrundlage immer häufiger Verwendung. Zudem kann einmündender Verkehr flüssiger in die Hauptstrassen einfädeln; der vor allem lokale Veloverkehr wird davon mit kürzeren Wartezeiten profitieren. Bei den heutigen Tempo-30-Zonen müssen sämtliche Ein- und Ausfahrten signalisiert werden; je kleiner die einzelnen Zonen, desto mehr Schilder sind gesamthaft nötig. Der wünschbare Ersatz des teuren Schilderwaldes durch Bodenmarkierungen verbilligt die Einrichtung von flächendeckendem Tempo 30 in den Wohnquartieren. Rechnet man die etwa alle vier Jahre nötigen Markierungsauffrischungen dazu, vermindert sich der finanzielle Vorteil der Initiativen-Lösung geringfügig.
 

  Für die Schwächsten im Verkehr
 
  Der Bundesrat antwortete im Februar 2000 auf die VCS-Initiative wie auf viele andere Volksbegehren: Er unterstützt die Stossrichtung des Anliegens und anerkennt die positiven Auswirkungen tieferer Geschwindigkeiten – aber er lehnt die Initiative als zu weit gehend ab. Der VCS hält aber an seinem Begehren fest, weil für ihn Tempo 30 innerorts eine realistische Utopie für mehr Lebensqualität bedeutet. Die Initiative wird auch von den lokalen und regionalen Velolobbys sowie auch vom Dachverband IG Velo Schweiz unterstützt. Velofahrerinnen und Velofahrer sind deshalb aufgerufen, am 4. März Ja zu stimmen – ein Ja für mehr Verkehrssicherheit. Ein positives Abstimmungsresultat hilft den Schwächsten im Verkehr: den Kindern, den älteren Leuten, den Velofahrenden.
 
  Quellen:
«Tempo 30 schützt Leben», Argumentarium, VCS/ATE, 3000 Bern 2; 2001
Heiko Abel, Ulrike Matthes: «Auswirkungen einer flächendeckenden Einführung von Tempo 30 innerorts auf die Unfallzahlen in der Schweiz», Expertise, Prognos AG, 4012 Basel; 2000
Stefan Siegrist, Raphael Huguenin: «Sicherheit und Umweltschutz: unterschiedliche Ziele, gemeinsamer Nutzen?», Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu), 3001 Bern; 1997

Weitere Informationen:
Verkehrs-Club der Schweiz (VCS)
Postfach, 3000 Bern 2
Telefon 031 328 82 00,


  Tempo 30 velofreundlich gestalten
 
Luzia Meister
Vizepräsidentin
IG Velo Schweiz
Tempo-30-Zonen erhöhen zweifelsohne die Verkehrssicherheit. Die IG Velo begrüsst ihre Einführung und setzt sich beim Bund dafür ein, dass die Regeln flexibel und velofreundlich werden. In der Praxis muss unter anderem folgenden Punkten Beachtung geschenkt werden: 1 | Die bisher realisierten baulichen Massnahmen sind nicht immer unproblematisch: Die Hindernisse und Schwellen sollten so weit vom Randstein entfernt sein, dass VelofahrerInnen auch mit Anhängern oder Dreirädern ungehindert passieren können. Tempo 30 ist ja nicht dazu da, auch Velofahrende abzubremsen, schon gar nicht jene, die Lasten transportieren. Viele Schwellen sowie schlecht oder falsch parkierte Autos behindern den Zweiradverkehr aber massiv oder bringen für die VelofahrerInnen neue Gefahren. 2 | Gleichzeitig mit flächendeckenden Tempo-30-Zonen müsste erreicht werden, dass alle Einbahnstrassen für Velos im Gegenverkehr geöffnet werden.

3 | Problematisch ist auch das Prinzip, dass in den Zonen grundsätzlich Rechtsvortritt gilt. Für VelofahrerInnen bedeutet dies, dass sie an jeder Strassenecke stark abbremsen müssen, was flüssiges Vorwärtskommen verhindert und den Geschwindigkeitsvorteil des Velos zunichte macht. So wie Hauptstrassen aus Tempo-30-Zonen ausgeklammert werden (müssen), müsste auch auf «Velohauptstrassen» freie Fahrt möglich werden und Einmündungen entsprechend mit dem Signal «Kein Vortritt» ausgerüstet werden.

4 | Bei steilen Strassen ist für abwärts fahrende Velofahrende ein Stop eine echte Strafe: Man verliert jedes Mal das «Geschenk der Topographie», das man sich vorher oder nachher erstrampeln muss. Vor allem aber stellt dies für Kinder und Jugendliche eine besonders grosse Gefahr dar: Unkenntnis der Rechtslage oder falsche Einschätzung des Bremswegs können zu schlimmen Unfällen führen. Deshalb sollte auf und unten an bergabwärts führenden Strassen der Vortritt eingeräumt werden. Es darf nicht sein, dass flächendeckende Tempo-30-Zonen, die Leben retten sollen, neue Gefahren schaffen!
 

 

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Paul Günter
Präsident IG Velo Schweiz
Lauter gute Gründe für ein ja
 
Wir Velofahrenden sind für diese Initiative. Sie bringt uns mehr Sicherheit, weil Unfälle zwischen Auto und Velo bei Tempo 30 weniger häufig sind. Und sollten sie sich dennoch ereignen, sind unsere Chancen, diese Unfälle ohne bleibenden Schaden zu überleben, mit jedem Kilometer, der langsamer gefahren wird, deutlich besser.

Der Verkehrsfluss wird auch gleichmässiger. Bei Tempo 30 halten wir zumindest auf ebenen Strecken mit – riskante Überholmanöver durch Autos werden seltener. Auch das ein grosser Vorteil. Aber wir VelofahrerInnen kämpfen nicht nur aus Eigennutz für diese Initiative. «Strassen für alle» ist nämlich wirklich für alle. Zuerst einmal für alle, die ohne Knautschzone und Airbag unterwegs sind. Hier ist der Nutzen offensichtlich. Sie werden besser gesehen, Unfälle ereignen sich seltener und die Folgen sind im Schnitt deutlich weniger gravierend.

Motorenlärm nimmt ab, quietschende Bremsen und röhrende Anfahrmanöver entfallen. Der ganze Verkehr verläuft konstant und entspannt. Die Nerven aller VerkehrsteilnehmerInnen werden geschont. Um so seltsamer ist die Argumentation der Gegner, wenn sie behaupten, durch das langsamere Fahren würde die Aggression zunehmen. Man fragt sich, was das für Menschen sind, die so einen Unsinn behaupten können. Ähnlich dumm ist ihre Behauptung, Tempo 30 würde nicht eingehalten; es würde trotzdem 50 gefahren – und daher nütze die Initiative nichts: Ja, es gibt solche AutomobilistInnen, die immer an der Grenze zum möglichen Fahrausweisentzug die erlaubten Geschwindigkeiten übertreten – leider.

Aber die Argumentation ist trotzdem falsch: Genau diese AutomobilistInnen fahren heute nämlich 70 statt 50. Das getrauen sie sich im Vertrauen darauf, entweder nicht erwischt zu werden oder dann die Busse finanziell verkraften zu können. Sie werden sich aber nicht getrauen, 70 statt 30 zu fahren, dann verlieren sie nämlich den Fahrausweis, wenn sie (hoffentlich bald) erwischt werden. Daher verbessert gerade bei den gedankenlosen Rasern Tempo 30 die heutige Situation entscheidend!

Wer heute zu schnell Auto fährt, verursacht über kurz oder lang einen Unfall. Und dann verliert er gewaltig Zeit: Unter anderem mit der Versicherung. Dazu kommt die Belastung durch das verursachte Leid. Wer heute unter Zeitdruck Auto fährt, sollte bedächtig, langsam und auf sicher fahren. Im Endeffekt und über alles gerechnet wird dies die raschere Art sein, von A nach B zu gelangen. Es besteht also auch kein ökonomischer Grund, die Initiative abzulehnen – im Gegenteil.


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