Szene

Komenda: Vater übergibt an die Tochter

Komenda Cycle-Parts, Cresta Swiss-Made Velos und Giant Bicycles – das sind die drei Säulen der St.Galler Komenda AG. Gallus Komenda (61) gab im September letzten Jahres die operative Leitung an Tochter Alexandra (28), weiter. Die Familie sieht durchaus eine Schweizer Velozukunft.
«Wir haben doch alle das gleiche Problem in diesem Land – die Schweiz ist halt meistens eine Nummer zu klein für wirklich grosszügige oder innovative Neuerungen.» Gallus Komenda sagts und lacht darüber, denn so klein ist sein Markt mit 18’000 bis 20’000 verkauften Cresta- und Giant-Modellen nun doch wieder nicht. Immerhin ist seine Firma nach Villiger die Nummer zwei. Als es nach dem Boom der 80er Jahre auf dem Schweizer Markt eng wurde, suchte er – erfolgreich, wie sich inzwischen zeigt – Vertragshändler für Cresta in Süddeutschland.
Die Händler sind Komendas wichtigste Partner, «hier investieren wir». Jahrelang fuhr Gallus Komenda alle paar Wochen selbst im Tessin von Händler zu Händler, führte Verkaufsgespräche, versuchte Trends aufzuspüren, «die in der West- und Südschweiz sich immer etwas schneller zeigen». Er war nie ein Bürohocker, und in seinen gut 35 Jahren an der Spitze des über 100 Jahre alten Familienunternehmens (das Gallus Komendas Grossvater mit einem kleinen Velobüdeli begründete), hatte er meist das richtige Gespür für den Markt. «Und ein bisschen Glück dazu», kommentiert er hinterher.  

Gespür fürs Velobusiness
Wenn Gallus Komenda messerscharf die Jahrringe der Velogeschichte seziert und analysiert, wird rasch klar, dass hier einer sitzt, der Gespür für das Velobusiness hat. In den 70er Jahren, mit 25, stieg er als Branchenfremder ein. Komenda war zuvor junger Banker und Reiseleiter, legte dann aber ohne Angst vor Risiken los. Diese Situation hielt er sich jetzt wieder vor Augen, als er bei Tochter Alexandra immer stärker spürte: «Sie will einsteigen». Seit sie ihre Weiterbildung an der HWV (Handels- und Wirtschaftshochschule) gestartet hatte und gleichzeitig im Familienunternehmen zu arbeiten begann, entwickelte sich ihr Interesse. Der Vater räumte das operative Feld und Alexandra führt nun die Gruppe. Gallus Komenda hat sein Büro nach Hause verlegt: «Man kann ja auch nicht das ganze Leben lang das gleiche machen.» So wie er selbst jung einsteigen konnte, räumt er diesen Vorteil nun der Tochter ein, zieht sich aber nicht in die Pension zurück. «Ich arbeite jetzt strategisch. Insgesamt nicht weniger als früher, aber ruhiger.»

Alexandra Komenda hatte bereits harte Situationen durchzustehen. Der Generationenwechsel blieb nicht ohne Reibungsflächen, zumal die junge Chefin die Firmenstrukturen verändert hat. Je zwei Verantwortliche für die drei Standbeine Cycle Parts, Cresta und Giant wurden bestimmt, und das Marketing hat stark an Bedeutung gewonnen. Ist sie im Männer-dominierten Velobusiness als junge Frau nie angeeckt? «Bis jetzt hat mir noch keiner direkt zu spüren gegeben, ich käme da nicht draus», stellt Alexandra Komenda fest. In technischen Fragen lehnte sie sich bisher allerdings nicht aus dem Fenster, denn der Vater kümmert sich unter anderem weiterhin um die Entwicklung der Cresta-Modelle. Die junge Chefin aber pflegt die Kontakte mit den Händlern und den insgesamt 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in St.Gallen und versorgt die Alpa-Werke in Sirnach mit Aufträgen, wo die Cresta-Räder «just in time» und «à la carte» zusammengebaut werden.  

Wichtige Optik    
Gallus Komenda erklärt, wieso er die Schwerpunkte der neuen Firmenpolitik mit deutlich erhöhtem Marketingaufwand für richtig hält: «Was nützt mir das technisch ausgefeilteste Modell, wenn ich den Händler nicht dafür gewinne, dass er es verkauft?» Ein paar Freaks kümmerten sich dann vielleicht darum. «Die telefonieren aber so lange herum, bis sie das Modell mit ihren Lieblingskomponenten und dem höchsten Rabatt gefunden haben.» Die Mehrheit der VelokäuferInnen reagiere zuerst auf die Optik und erst dann auf Technik. Trotzdem müsse man bei den Trends dabei sein, kommt Gallus Komenda auf die Jahrringe der Velogeschichte und des Unternehmens zurück. «Damals, Anfangs der 70er Jahre, waren wir mit einem Klappvelo auf dem Markt. Da konnte man keiner Frau ein Modell mit normalgrossen Rädern verkaufen – hirnrissig, aber damals ein Top-Hit», lacht er über diesen längst vergessenen Trend. Wenig später (1973) lancierte Komenda die Eigenmarke Cresta, versuchte es bereits 1985 mit einem Mountain-Bike, kam damit aber zu früh. «Ohne Schutzbleche ging damals bei uns noch gar nichts.» Keine fünf Jahre später hatten die Mounties dann Hochkonjunktur. Als Generalimporteur von Kettler-Rädern hatte Gallus Komenda auch damals das richtige Gespür, so wie er sich später im richtigen Moment zum Import von Giant entschloss, Velos aus dem Hause des weltweit tätigen Manufacturers. Doch wie geht es nun weiter? Kommen nun Inline-Skates oder Trottinetts, oder kommt gar eine Scooter-Welle? Gallus Komenda fürchtet die aktuelle Scooter-Mode noch nicht wirklich, «aber wenn das Zulassungsalter wirklich noch auf 14 Jahre gesenkt werden sollte, dann wirds für den Velohandel wieder kritisch.» In diesem Alter entscheide sich das Verkehrsverhalten, dann wollen die Jungen ein «geiles» Mountainbike – oder eben einen Scooter. «Die Trends wechseln heute unheimlich schnell, so rasch wie die Kleidermode», so der Firmenchef – selbst übrigens ganz in modisches Schwarz gewandet.

Cresta als Händlermarke
Wie also sieht die Zukunft aus? Die Konzentration über den Weg von Firmenfusionen unter den Schweizer Velobauern hat nicht funktioniert. Und der Händlermarkt ist immer noch strikte aufgeteilt. Einer im Dorf führt nur die Marke A, der andere nur B. Trotzdem möchte Gallus Komenda die Kooperation mit dem Fachhandel weiter stärken: «Die Händler sind unsere Marktstabilisatoren – Cresta ist eine Händlermarke.» Die Schweizer VelofahrerInnen zeigten eine grosse Händlertreue. Wenn der Fachmann zur einen oder anderen Marke rät, hört man auf ihn. Cresta unterstützt die Händler mit hoher Flexibilität und liefert «just in time» das richtige Modell mit den gewünschten Komponenten. Das Baukastensystem hat Komenda perfektioniert. «Assemblage in Switzerland» meint, dass der Händler nicht zuerst noch Stunden selbst mit dem Schraubenschlüssel hantieren muss, bevor er das Velo dem Kunden übergeben kann». Komenda will solche Stärken einsetzen, so wie er sich überall aufs Kerngeschäft konzentriert: Die Giant-Modelle werden in einem Lagerhaus bewirtschaftet, die 7’000 am Lager liegenden Teile von Cycle-Parts werden per deutsche Post ausgeliefert, längst nicht mehr mit eigenen Lastwagen. Gallus Komenda hat bisher immer gute Lösungen gefunden. Und daran arbeitet er jetzt ohne operativen Stress weiter: «Assemblage bestehend aus Shimano-Teilen und ein paar Federgabel-Modellen ist mir zu langweilig.» Konsequenterweise entwickelt Cresta immer auch eigene Modelle – «als Sahnehäubchen». Nach dem Bi-Bike wird zur Zeit mit den Ingenieuren von Futec zusammen das – modisch benannte – «Scooter»-Modell entwickelt, das als Protoyp an der 2-Rad zu sehen sein soll: Ein bisschen schon Liegerad, aber doch noch mit aufrechter Sitzposition. Wer will, kann sich einen Elektro-Hilfsmotor von SRAM einbauen lassen. Einen Hilfsmotor? Gallus Komenda, hören wir recht? «Moment!» stellt er klar: «Diese motorisierten Velos, aufgepfropft auf einem klassischen Grossmuttermodell, sind nicht meine Sache. Aber in einer Steigung einer Velofahrerin eine kleine Anfahrhilfe anzubieten, damit sie nachher wieder in bequemer Haltung weiterpedalen kann, finde ich legitim.» Gallus Komenda weiss, wovon er spricht, schliesslich liegt seine Heimatstadt St.Gallen eingeklemmt zwischen zwei stotzigen Hügelzügen. Droben wohnt eine interessante Kundinnen- und Kundengruppe. Und die lebt nicht nur in St.Gallen über den Niederungen des Veloalltags.   Neue Käuferinnen gesucht   Auf sie – auf Leute über 35 – hat es Cresta mit den Trekking-Modellen abgesehen. «Zwei solche Velos kosten knapp das, was die Alu-Felgen am Mercedes an Aufpreis ausmachten», schmunzelt Gallus Komenda. Neue Gruppen von Velo-KäuferInnen zu finden, ist in der Schweiz allerdings schwierig geworden. Das wissen die Produzenten nur zu gut. Der Anteil der Alltagsfahrer ist seit Jahren mehr oder weniger stabil, ein mögliches Marktsegment wäre der (schwierig zu realisierende) Ersatz der maroden Bahnhofsvelos, ein weiteres Segment die BewohnerInnen der Hügel. Zuwachsraten, wie man sie in den letzten gut zehn Jahren aus dem sportiven Bereich kannte, sind nächstens kaum mehr zu erwarten. Die Marktbereinigung ist bereits in ganzer Härte erfolgt. Gallus Komenda hat sie bisher kaum etwas anhaben können – und nun mobilisiert die vierte Generation mit Alexandra Komenda neue Kräfte.  

Voll auf den Lifestyle-Markt ausgerichtet: Giant, von Komenda für die Schweiz importiert.  

Gesplitteter Markt   Zur Zeit ist der Velomarkt halbiert: Hier Alltagsräder, dort Sportgeräte. Komenda hat entsprechend diversifiziert: Hier Cresta mit den dezenten Modellen, dort die knalligen Giant. Die Velohändler erschraken, als sie die ersten K2- oder Scott-Modelle in Sportgeschäften entdeckten und von den dort gängigen Margen, aber auch den Risiken erfuhren. Einige Fachhändler zogen rasch nach, die meisten legten wenigstens den Stumpen und das blaue Übergwändli zur Seite und begrüssten die Kunden fortan nicht mehr nur mit dem für viele Velomech früher typischen, kurz angebundenen «wa bruchsch?». Gallus Komenda hat viel zu dieser Entwicklung beigetragen, sich im VFGI (dem Verband der Schweizerischen Fabrikanten, Grossisten und Importeuren der Zweiradbranche) engagiert und sich dort unter anderem für Weiterbildung des Fachhandels eingesetzt, aber auch die Trennung von motorisierten Vehikeln und Velos an der Zürcher 2-Rad-Messe durchgesetzt. Denn das Velo hat inzwischen (wieder) einen ganz anderen Status, wurde zum Trendobjekt. Die Mofas sind von den Schulhöfen verschwunden.
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