Film

Das zu grosse Herz

Das Warten hat ein Ende: Endlich kommt ein Film über Hugo Koblet, die tragische Ikone des Schweizer Radsports, ins Kino. Drehbuchautor und Regisseur ist Daniel von Aarburg. Bruno Angeli
Hugo Koblet erreichte als Radsportler, was kein anderer Schweizer vor ihm geschafft hatte. 1950 gewinnt er als erster Nicht-Italiener den Giro d’Italia, und ein Jahr später ist er Gesamtsieger der Tour de France. Keiner fährt so elegant Velo wie Koblet. Seine Supplesse ist einzigartig. Erfolge scheinen ihm ohne grosse Anstrengung einfach in den Schoss zu fallen. Ganz im Gegensatz zu seinem ewigen Kontrahenten Ferdy Kübler. Ihm kann man die Anstrengung und sein asketisch geführtes Leben vom Gesicht ablesen. Das Duell der beiden «K», die des «Bohemiens» und die des «Chrampfers», inspirierte damals Medien und Massen von Zuschauern. Die Velofans spalteten sich in zwei Lager. Man identifizierte sich entweder mit Kübler oder mit Koblet.
Hugo Koblet, der «Pédaleur de Charme», war vor allen bei den jungen Frauen beliebt. Ihre Herzen flogen ihm nur so zu. Und Koblet war nicht abgeneigt. Sein Herz war gross, und alle sollten Platz darin haben. Seine geliebte Mutter, seine Verehrerinnen, Freunde und Feinde.

Eine «Ikarus»-Geschichte in Bildern
Nein zu sagen war nicht Koblets Stärke. Er sagte auch nicht Nein, als ihm auf Drängen des damaligen Tour-de-Suisse-Direktors während der Landesrundfahrt eine Spritze verabreicht wurde, die den erkrankten Sportler wieder aufrichten sollte. In Wahrheit wurde sein Herz damit unwiderruflich geschädigt. Von nun an kam Koblet nie mehr an seine Leistungen von 1950/51 heran.
Nach seinem Rücktritt vom aktiven Radsport versuchte er sich als Autohändler und Garagist. Doch Geldsorgen und die anstehende Scheidung machten ihm zu schaffen. Am 2. November 1964 schliesslich fuhr er mit seinem Wagen in Esslingen in einen Baum. Vier Tage später erlag er seinen Verletzungen.
Koblets Lebensgeschichte enthält alles, was auch ein dramatisches Werk ausmacht. Es erstaunt, dass es beinahe 50 Jahre gedauert hat, bis diese Biografie verfilmt wurde. Dies ist dem Drehbuchautor und Regisseur Daniel von Aarburg zu verdanken (siehe dazu auch Seite 45 weiter hinten in diesem Heft), der Koblets Leben als klassische «Ikarus-Geschichte» bezeichnet.

Rekonstruierte Vergangenheit
Beim Film «Hugo Koblet – Pédaleur de Charme», der im August dieses Jahres beim Filmfestival in Locarno Premiere hatte, handelt es sich nicht um einen klassischen Biopic-Spielfilm. Vielmehr wurden Originalaufnahmen aus der damaligen Zeit mit Spielszenen kombiniert. In der Dokufiktion kommen auch die Zeitzeugen Ferdy Kübler, die ehemaligen Teamkollegen Gottfried Weilenmann, Armin von Büren, Walter Bucher, Remo Pianezzi, der Journalist und Freund Sepp Renggli und Koblets ehemalige Verlobte Waltraud Haas zu Wort. Eine Kombination, die bestens funktioniert.
Die Spielszenen wirken zuerst befremdend. Der Zuschauer wähnt sich in einem Film der Fünfzigerjahre. Die Inszenierung und die langsamen Dialoge wurden mit Absicht im Stil jener Zeit gehalten. Schnell taucht man ein in diese längst vergangene Welt.
Auch bei der Wahl der Schauspieler hatten die Filmemacher ein gutes Händchen. Hugo Koblet wird vom Zürcher Schauspieler Manuel Löwensberg dargestellt. Als ehemaliger Velokurier weiss er, wie man sich auf einem Rennvelo bewegt. Als Trainer sehen wir den unverwüstlichen Max Rüdlinger, der zwar auch hier keinen Rennfahrer spielen darf (siehe velojournal 5/2007), aber als Trainer Alex eine gute Figur macht. Hanspeter Müller-Drossaart wiederum darf den Part des unsympathischen Präsidenten Carl Senn des Schweizerischen Radfahrerbundes mimen. Als Sonja Koblet Bühl ist Sarah Bühlmann zu sehen, derweil die dominierende Mutter Koblets von Chantal Le Moign gespielt wird. Das alles ergibt einen schön inszenierten Film – ein Muss für alle Velofreunde.

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Der Film

«Hugo Koblet – Pédaleur de Charme»
Schweiz, 2010  •  Regie: Daniel von Aarburg  •  Drehbuch: Daniel von Aarburg, David Keller, Martin Witz  • Musik: Balz Bachmann  •  Requisite: Corinne Dettwiler  •  Kostüme: Pascale Suter, Catherine Schneider  • Maske: Marina Aebi, Nicole Zingg, Kurt Fritsche  •  Produktionsleitung: Florian Nussbaumer  •  Produzentinnen: Cornelia Seitler, Brigitte Hofer  •  Schauspieler: Manuel Löwensberg (Hugo Koblet), Sarah Bühlmann (Sonja Koblet Bühl), Hanspeter Müller-Drossaart (Präsident Senn), Chantal Le Moign (Mutter Koblet), Max Rüdlinger (Trainer Alex), Dominique Müller (Dölf Koblet), Michael Schweizer Anliker (Göpf Weilenmann), Katharina Winkler (Waltraud Haas), Cheryl Graf (Majorette), Yannick Fischer (Hugo als Bub)
Ab 16. September 2010 im Kino.



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