Stadtverkehr: Über Land

Im Frühling zieht es alle Velofans an die frische Luft. Nicole Soland über das Landleben auf zwei Rädern. Nicole Soland
Endlich Frühling! Da treibts nicht nur die Schönwetter-RennfahrerInnen in Scharen raus, auch die schnee- und eisgeprüfte Alltagsvelofahrerin will mal wieder eine andere Gegend sehen. Zum Beispiel … genau: den Bodensee! So sattle ich an einem schönen Samstagmorgen meinen Drahtesel, lasse Zürich hinter mir – und in Dübendorf fällt mir ein, dass ich die Velokarten daheim vergessen habe. Mist! Wobei: Das ist doch die Gelegenheit, die regionalen Velorouten zu testen; also immer schön weiter auf der Route 45. Ein einziges Mal, irgendwo in Winterthur, muss ich wegen eines versprayten Schildes kurz nach dem Weg suchen – kein schlechter Schnitt, finde ich. In Oberwinterthur wechsle ich auf die mir bis anhin völlig unbekannte Route 60, gelange ohne irgendwelche Mätzchen nach Frauenfeld, finde ebenso problemlos den Weg aus der Stadt hinaus und fahre weiter nach Pfyn.
Und jetzt? Weiter der Route 60 entlang nach Steckborn oder auf der Landstrasse geradeaus nach Konstanz? Letzteres reizt mich mehr: Mal schauen, wie es sich auf einer Strasse ohne Velostreifen oder -weg mitten im SVP- und Autokanton Thurgau fährt. Und siehe da: So knapp, wie einen die Autos in Zürich tagtäglich überholen, ist auf der Landstrasse Nr. 1 kein einziges Auto an mir vorbeigeprescht. Einmal sah ich gerade noch rechtzeitig einen Kombi, der «nach Gehör» rückwärts auf die Strasse direkt in meine Fahrbahn fuhr. Nur aus «Gwunder» betätigte ich abrupter und stärker als nötig die Hinterradbremse – dann quietscht die nämlich richtig hübsch vor sich hin… Und siehe da: Das Paar im Kombi zuckte zusammen, beide hoben synchron entschuldigend die Hände, beide sagten synchron durchs offene Autofenster «sorry». Wow! Ich bin es gewohnt, in einer solchen Situation angehupt oder beschimpft zu werden oder beides, aber das?
Also ich muss glaubs bald wieder mal mit dem Velo in den Thurgau. Und übrigens: Wer sich gern in einer Stadt voller Velos, Velowege und Veloabstellplätze vom täglichen Autowahn erholen möchte, der oder die muss nicht bis nach Kopenhagen reisen; Konstanz kann da durchaus mithalten. Und der Weg dorthin führt erst noch durch eine schöne Gegend.

Nicole Soland ist Redaktorin bei der Zürcher Wochenzeitung «P.S.». Das Velo ist ihr Hauptverkehrsmittel.
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