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Aus den Augen, aus dem Sinn

50000 herrenlose Velos werden in der Schweiz jedes Jahr eingesammelt. Nur die wenigsten davon sind Diebesgut. Ein Grossteil wurde von ihren Besitzern stehen gelassen oder «vergessen». Dabei ist eine sinnvolle Entsorgung ganz einfach. Stephan Dietrich
«Unser Lager ist mit 700 bis 800 Velos fast ständig überfüllt», berichtet Peter Kolb, bei der Kantonspolizei Basel-Stadt für die herrenlosen Velos zuständig. Über 20000 Fahrräder sind in den letzten acht Jahren in der Sammelstelle gelandet. Die Palette reicht vom schrottreifen Göppel über das gut erhaltene Damenvelo samt Kindersitz bis zum teuren, gestohlenen Bike. In die Kategorie Diebesgut fielen gut 3000 Stück. Davon fanden 2000 den Weg zurück zu ihrem Besitzer. Bei den restlichen 17000 lag die Rückgabequote mit knapp 20 Prozent wesentlich tiefer.
Die Basler Polizei führt allerdings nicht nur herrenlose, sondern auch störend abgestellte Velos ohne Vorwarnung ab. «Diese Praxis ist unverhältnismässig», kritisiert Kathrin Schweizer, Geschäftsführerin von Pro Velo beider Basel. Einverstanden ist sie hingegen mit dem Abtransport offensichtlich fahruntüchtiger Velos. «Die brauchen nur unnötig Platz.»
Im Grossraum Bern hat die Kantonspolizei letztes Jahr 3500 Drahtesel eingesammelt, in der Stadt Zürich sind es im Schnitt 2500 bis 3000 Velos pro Jahr. Auch dort werden nur die wenigsten von ihren Besitzern abgeholt.

Kein städtisches Phänomen
Auch im «Velohüsli», einem Abstellraum der Regionalpolizei Bremgarten, wird der Platz regelmässig eng. 100 herrenlose Velos hat die Polizei 2009 hier angeliefert. «Einzelne sahen so aus, als kämen sie direkt vom Velohändler, und trotzdem erkundigen sich die Besitzer nicht nach ihrem Verbleib», staunt die zuständige Susanne Hutter. Das sehr kulante Verhalten der Versicherungen ist ein Grund dafür. «Ist der Schaden einmal beglichen, besteht kein Interesse mehr, nach dem Velo zu suchen», vermutet sie.
Ob als gestohlen gemeldet oder herrenlos aufgefunden: Susanne Hutter gibt jedesmal die Rahmen- und Vignettennummer ins nationale Fahndungssystem Ripol ein.

Uneinheitliche Meldepraxis
In Basel kontrolliert Peter Kolb zwar, ob die gefundenen Vehikel als gestohlen gemeldet sind, doch ins Ripol stellt er sie nicht. «Es wäre viel zu aufwendig, jeden Schrottgöppel zu erfasssen», argumentiert er. Doch er betreibt eine kantonale Datei. Allerdings fallen dann die in anderen Kantonen entwendeten, aber nicht als gestohlen gemeldeten Velos durch die Maschen. Ob diese kantonale Praxis in Basel-Stadt ein Einzelfall ist, kann man beim zuständigen EJPD nicht sagen. Grundsätzlich sei es den Kantonen überlassen, welche Daten sie eingeben.
Aufgrund einer einfachen Hochrechnung werden schweizweit rund 50000 herrenlose Velos pro Jahr eingesammelt. Sie müssen laut Gesetz mindes­tens drei Monate aufbewahrt werden. Das weitere Schicksal der Velos: Je nach Zustand werden sie verschrottet oder zwecks Recycling an gemeinnützige Organisationen verschenkt. Gut erhaltene Modelle werden verkauft oder versteigert. Bei einer solchen Auktion in Zürich fand ein herrenloses Mountain-Bike unlängst für 2000 Franken einen neuen Besitzer.

Zweites Leben
Es gibt elegantere Wege, sein Fahrrad loszuwerden, als es einfach stehen zu lassen. Wer ein neues Velo im Fachgeschäft kauft, kann sein altes Modell meist als Occasion in Zahlung geben. Für fahrtüchtige Exemplare kann man auch via Kleininserat, Velo- und Flohmarkt oder Internetplattformen KäuferInnen suchen.
Wer sein altes Fahrrad einfach nur loswerden will, kann es der Metallabfuhr mitgeben oder zum Schrotthändler bringen. Sinnvoller ist ein anderer Weg: das Projekt «Velos für Afrika». In verschiedenen Werkstätten für Menschen ohne Erwerbsarbeit werden alte Fahrräder für den Export in den Süden aufbereitet, wo sie ein zweites Leben führen. Wer diese Aktion unterstützen will, kann sein Velo bei einer der über 30 permanenten Sammelstellen sowie an allen SBB-Bahnstationen mit Gepäckaufgabe abgeben.
www.velosfuerafrika.ch
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