Politik
Warnwesten: Lebensretter oder unnütz?
Neben der Velohelmdebatte gibt es eine zweite aktuelle Sicherheitsdiskussion: jene über die Sichtbarkeit der Radfahrenden. Verschiedene europäische Länder wollen eine Warnwestenpflicht, einige haben sie bereits eingeführt. Die Gegner eines Obligatoriums bezweifeln die Wirksamkeit. Ivo Mijnssen
«Sie ist gelb, sie ist hässlich, und sie passt zu nichts. Doch sie kann Ihnen das Leben retten.» Mit diesem Slogan warb Karl Lagerfeld vor einem Jahr in Frankreich für die Warnwesten. Während die gelben Dinger für Automobilisten in verschiedenen EU-Ländern bereits obligatorisch sind, wenn sie sich bei einer Panne ausserhalb des Autos aufhalten, ist das Westenobligatorium für Velofahrende noch die Ausnahme. In der EU galt die Tragvorschrift bis vor einem Jahr bloss in Litauen, Ungarn und Malta. Die Einführung des Obligatoriums in Frankreich im Oktober 2008 gab Anlass zu kontroversen Diskussionen.
Die Argumentation der Regierung ist so klar wie vereinfachend. Verkehrsminister Jean-Louis Borloo erklärte kurz und bündig: «Das Ziel ist es, Leben zu retten.» Dies scheint in Frankreich auch bitter nötig, denn jedes Jahr sterben auf den Strassen der «Grande Nation» 250 Radfahrende. Die Warnwestenpflicht für Radfahrende, die ausserorts ab Einbruch der Dämmerung und bei schlechten Sichtverhältnissen gilt, ist Teil einer umfassenden Kampagne zur Senkung der Unfallopferzahlen. Wer sich nicht an die Westenpflicht hält, wird mit 35 Euro gebüsst. Parallel dazu hat die Regierung die Radarkontrollen intensiviert.
Zweifel an der WirksamkeitBis jetzt – so scheint es – fruchten die Aktionen (noch) wenig: Die Verkehrsstatistik für den September 2009 zeigt zwar einen leichten Rückgang der Zahl der Unfälle um 6,5 Prozent. Gleichzeitig sind im Vergleich zum Vorjahr auch fast ein Fünftel mehr Tote zu beklagen: Allein im September 2009 verloren 393 Personen auf den Strassen Frankreichs ihr Leben. Jean-Louis Borloo befürchtet, dass auch in der Gesamtbilanz des Jahres eine Zunahme der Verkehrstoten festzustellen sein wird. Er nennt auch die Hauptursachen: zu schnelles Fahren und Alkohol am Steuer.
Ob das Warnwestenobligatorium ein effektives Mittel gegen diese Hauptgründe der schlechten Unfallbilanz ist, lässt der französische Verkehrsminister offen. Gegner des Obligatoriums in ganz Europa sehen die Warnwesten vor allem als Symptombekämpfung – so auch Luzia Meister von Pro Velo Schweiz. Sie fordert, man müsse beim Verursacher Auto, und nicht bei den potenziellen Opfern ansetzen. Eine Westenpflicht vermittle Autofahrenden den Eindruck, sie müssten selbst weniger aufmerksam sein, da die Radfahrenden ja sichtbar seien: «Nachts verleiten Müdigkeit, Alkohol und vermeintlich leere Strassen zu eiligem Fahren. Es ist absurd, dies mit Leuchtwesten noch zu fördern.»
Die französische Velolobby, allen voran die FUBicy (Fédération Française des Usageurs de la Bicyclette), rückt andere Gründe in den Vordergrund, um ihre Ablehnung der Warnwestenpflicht zu rechtfertigen. Wie Pressesprecherin Anne-Déborah Humilier gegenüber velojournal erklärt, hält FUBicy die Tragpflicht für kontraproduktiv und ineffektiv. Zum einen suggeriere man damit, Velofahren sei grundsätzlich gefährlich. Dies reduziere die Velonutzung und erhöhe die Gefahr für die immer weniger werdenden Velos: ein Teufelskreis. Zum anderen liege das Problem der mangelnden Sichtbarkeit der Radfahrenden in Frankreich daran, dass Fahrräder oft mit ungenügender Ausrüstung verkauft würden – oft auch ohne Reflektoren. Man müsse daher «das Velo statt den Velofahrer ausrüsten». Dies auch deshalb, weil ein Rucksack oder ein Kindersitz hinten auf dem Velo die Warnweste verdeckt.
Macht das Beispiel Schule?Noch gibt es keine Zahlen dazu, wie streng das Obligatorium durchgesetzt wird und wie viele Radfahrende in Frankreich Warnwesten tragen. Kommentare in den Velo-Foren im Internet lassen den Schluss zu, dass regelmässig Kontrollen stattfinden. Trotz dieser unklaren Ausgangslage ist der Druck hin zu einem Obligatorium auch in anderen Ländern gross. In Belgien reichte die Senatorin Sabine de Bethune Anfang September mit Unterstützung verschiedener Parteien einen Antrag zur Einführung einer Warnwestenpflicht ein. Auch dort macht die Velolobby unter der Führung der Organisation GRAC’Q – Les Cyclistes Quotidiens gegen das Vorhaben mobil.
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