Kultur

Velo im Buch: Road to Everywhere

Als seine Band Talking Heads so richtig erfolgreich wurde, engagierte David Byrne keinen Chauffeur, sondern stieg aufs Velo um. Seine soeben veröffentlichten Fahrradmemoiren sind eine Wundertüte voller Gedanken über Velospuren, Städtebau und Imelda Marcos. Hanspeter Künzler
In den frühen Achtzierjahren sei es gewesen. Damals habe David Byrne sein altes Dreigangvelo nach Manhattan geholt, um seine Runden zwischen Apartment, Proberaum, Vernissagen und coolen Clubs radelnd zu drehen. Es gefiel ihm, obwohl die Nachteile gross waren. Die Autos hätten damals noch nicht damit gerechnet, ihr Terrain mit Fahrrädern teilen zu müssen. Ganz zu schweigen vom beträchtlichen Uncoolheitsfaktor. Byrne, der schon als Kunststudent und mit den Talking Heads Zivilcourage bewiesen hatte (die Band vollbrachte das Kunststück, Groove mit zerebralen Konzepten und Hitparadentauglichkeit zu kombinieren), blieb beim Velo. Erstens sei er damit flott vorwärtsgekommen, und zweitens habe er entdeckt, dass sich eine Velofahrt erfrischend auf Körper und Geist auswirke. Drittens sei die Perspektive des Velofahrers perfekt dazu geeignet, die Umwelt aus einem neuen Blickwinkel zu beobachten: leicht abgehoben und doch mittendrin.

Das Faltrad immer dabei
Später kaufte er sich ein Faltvelo, das ihn von da an auf jeder Reise begleitete. Pittsburgh, New Orleans, Detroit, Berlin, Istanbul, Buenos Aires, Manila, London, Sydney – überall hat der Sänger sein Faltvelo ausgepackt, ist losgefahren und hat sich in Gegenden verirrt, wo kein gewöhnlicher Tourist oder Popstar sonst je hinkommt. Fotos hat er dabei auch geknipst. Sardonische Schnappschüsse zum Beispiel von der Industrielandschaft in der Gegend um die Niagarafälle herum. Oder das Schild in Manila: «Closed for the glory of God», angebracht von einem reuigen Puffbesitzer, der zu Gott gefunden hatte.
Es gehört zum Job eines Rockstars, ständig unterwegs zu sein. Die einen wehren sich gegen das daraus resultierende Gefühl der Orientierungslosigkeit, indem sie sich im Hotelzimmer verbarrikadieren. Andere schlagen um sich oder ziehen Zickensaiten auf, um so ein Gefühl von Kontrolle zu bewahren. Byrne zieht eine Velofahrt vor: «Die körperliche Befindlichkeit, die sich einstellt, wenn man sich mit eigener Kraft fortbewegt, gekoppelt mit dem Gefühl der Selbstkontrolle, das zu dieser Zweiradsituation gehört, wirken stärkend und beruhigend.» Die meditative Qualität einer Velofahrt präge den ganzen restlichen Tag. «Das Pedalen ist eine repetitive, mechanische Aktivität, die den Geist ablenkt und in Beschlag nimmt – aber nicht so stark, dass man befürchten müsste, es könnte ein Malheur passieren. Dieser Geisteszustand erlaubt es einigen Bubbles, aus den Tiefen des Un­­terbewusstseins in die Gedankenwelt aufsteigen zu lassen. Ich bin überzeugt, dass ein grosser Teil meiner kreativen Ideen aus solchen Bubbles kommt.»
Byrnes Radelerzählungen sind keine geradlinigen Fahrten von A nach Z. Eher sind es Gedankengänge, bei denen er sich treiben lässt. Mit der Zufälligkeit des Geschehens und des Gesehenens kommen Assoziationen auf.

Ein Gefühl der Freiheit
In Rochester, New York, steigt Byrne der lokalen Industriegeschichte nach – die Firma Kodak stellte hier einst Filme her – und beschreibt die Konsequenzen für das Stadtbild. Angesichts einer brachial funktionellen Sektenkirche in Sweetwater, Texas, stellt er sich die Frage, ob es die Kombination von puritanischem Fundamentalismus und wirtschaftlichem Pragmatismus sei, welche solche Gebäude hier akzeptabel machte. Angesichts der radfahrerfreundlichen «Maniküriertheit» von Berlin ergeht er sich in einem Vergleich des europäischen und amerikanischen Umgangs mit der Umwelt. In Eu­ropa behandle man die Landschaft wie einen riesigen Garten. In Amerika ringe man sie nieder, indem man sie zupflastere oder bis an den Horizont mit Mais bepflanze.
In Istanbul und Buenos Aires wiederum kommt er zum Schluss, dass das Fehlen von Velos möglicherweise mit lokalem Statussymboldenken zusammenhänge. Und in Manila zeigt er sich fasziniert von der mythischen Omnipräsenz des früheren Diktators Ferndinand Marcos und dessen Frau Imelda, die als «Adam und Eva der Philippinen» noch immer Bestand haben. En passant erfahren wir dabei auch, dass die Anhänger des Oppositionsführers Benigno Aquino einst die Farbe Gelb zur Leibfarbe der Bewegung kürten, weil sie alle gern den Schlager «Tie a Yellow Ribbon» von Tony Orlando & Dawn hörten.
Zum Schluss mündet das Buch in ein Plädoyer für die Vision des dänischen Städteplaners Jan Gehl, der Kopenhagen in ein Paradies für Velofahrer verwandelte. Auch zeigt sich Byrne bestürzt über die zunehmende Entsozialisierung des Alltags in den Grossstädten. Aus diesem Grund ist er in den letzten Jahren immer aktiver geworden in seinem Einsatz für ein angenehmeres Velofahren in New York. «Ich fahre nicht Velo, weil es gut für die Umwelt oder sonstwie lobenswert ist. Ich tue es vor allem darum, weil es mir ein Gefühl der Freiheit bringt.»

David Byrne, «Bicycle Diaries», Faber & Faber, £ 14.99 (deutsche Ausgabe für 2010 bei Fischer geplant).
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