Schwerpunkt
Neue Zürcher Unfallkultur
Entgegen dem allgemeinen Trend in anderen Schweizer Städten nehmen die Velounfälle in Zürich nicht ab, sondern zu. Welches sind die Gründe für dieses Phänomen? velojournal hat nach Antworten gesucht. Ivo Mijnssen
Der Gesamttrend in der Schweiz ist so klar wie positiv: Die Zahl der Verkehrsunfälle nimmt ab. Auch in den grossen Städten Basel, Bern und Zürich weisen die Zahlen nach unten. In Basel und Bern gilt dies auch für die Velounfälle – in der Limmatstadt hingegen nehmen Letztere massiv zu (siehe vj 5/09). Waren es 2006 noch 230, so ereigneten sich 2007 262 Unfälle, 2008 gar 287: eine Steigerung um ein Viertel in gerade mal zwei Jahren. Ähnlich viele Unfälle gab es zuletzt 1967. Den Experten bereiten diese Zahlen Kopfzerbrechen, auch wenn sich für das erste Halbjahr 2009 eine Stabilisierung andeutet.
Wernher Brucks, Chef Verkehrsunfallauswertung bei der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich, stellt fest, dass Unfälle mehr Schwerverletzte fordern – bei den Radfahrenden, wie auch im gesamten Strassenverkehr. 2008 wurden 47 Velofahrende in Zürich schwer verletzt – ein Anstieg um fast fünfzig Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2008 starb ein Radfahrer auf den Zürcher Strassen, 2009 sind es bis jetzt bereits zwei. Brucks kann über die Gründe für diesen Anstieg nur spekulieren: «Eine unvorsichtigere Fahrweise spielt aber bestimmt eine Rolle», hält er fest.
Oft ist Alkohol im SpielMehr Aufschluss gibt die Statistik der Unfallursachen: Als wichtigste Faktoren treten die Missachtung von Rotlichtern und – noch deutlicher – der Einfluss des Alkohols hervor. Die Zahl der Unfälle, die von Radfahrenden unter Alkohol- oder Drogeneinfluss verursacht wurden, verdoppelte sich zwischen 2007 und 2008. Im ersten Halbjahr 2009 deutet sich auch hier eine Stabilisierung auf hohem Niveau an. Urs Walter, Velobeauftragter der Stadt Zürich, erstaunt diese Zunahme nicht: «Zürich ist eine Partystadt. Viele benützen für den Ausgang bewusst das Velo, da sie glauben, so mehr trinken zu können.»
Die Vermutung, dass zwischen den Unfällen unter Alkoholeinfluss und dem Nachtleben eine enge Verbindung besteht, bestätigt Wernher Brucks. Drei Viertel der polizeilich registrierten Velounfälle unter Alkoholeinfluss geschehen zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens. Diese dürften jedoch nur die Spitze des Eisberges darstellen, da hier die Dunkelziffer wohl sehr hoch ist.
Auch die Altersstruktur der Verunfallten passt ins Bild des ausgehfreudigen «Risiko-Velofahrers». Es sind aber nicht die oft gescholtenen Jugendlichen, die vermehrt verunfallen, sondern Personen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. So verdoppelte sich zum Beispiel die Zahl der in Unfälle verwickelten 35- bis 39-Jährigen zwischen 2007 und 2008.
Zunahme des VeloverkehrsEs ist allerdings auch eine gewisse Vorsicht bei der Beurteilung dieser Zahlen angebracht. Dass Alkohol ein gesellschaftliches Problem darstellt, ist unbestritten und auch für den Velobereich erwiesen. Trotzdem lautet die Kardinalsfrage zur Beurteilung der präsentierten Zahlen: Hat möglicherweise der Veloverkehr in Zürich zugenommen? Dafür gibt es zumindest Anzeichen: Die regelmässig durchgeführten Zählungen auf den Sihlbrücken deuten für das Jahr 2009 eine deutliche Steigerung gegenüber den Vorjahren an.
Dies deckt sich mit dem Eindruck, den das Strassenbild vermittelt. Wer sich in den Zürcher Trendquartieren umsieht, erblickt viele Menschen auf dem Fahrrad, die jener Alterskategorie zuzuordnen sind, in der die grösste Zunahme der Velounfälle zu verzeichnen ist. Auch wenn die Erkenntnis statistisch nicht in Stein gemeisselt ist, so verdichten sich dennoch die Hinweise darauf, dass in Zürich eine neue Gruppe von Radfahrenden entstanden ist: jung, ausgehfreudig, weniger regelbewusst und stärker unfallgefährdet.
Urs Walter hat das Problem erkannt und plant Kampagnen, mit denen auch diese Gruppe dazu angehalten werden soll, die Verkehrsregeln stärker zu beachten. Er ist sich aber auch bewusst, dass hier wenig erreicht werden kann, wenn nur auf Kontrollen und Bussen gesetzt wird: «Wir müssen die Forderung nach Einhaltung der Regeln mit einem Zückerchen verbinden, zum Beispiel in Form einer besseren Infrastruktur, wie sie im Moment geplant wird.»