Schwerpunkt
Velo und Bahn – wohin?
Vor fünf Jahren reichten velojournal und Pro Velo eine von 29000 Personen unterzeichnete Petition bei den SBB ein, um Verbesserungen beim Velotransport zu erreichen. Vincent Ducrot, Leiter Fernverkehr der SBB erklärt, was sich getan hat. Interview: Pete Mijnssen, Christoph Merkli
velojournal: Herr Ducrot, wie oft fahren Sie Velo?
Vincent Ducrot: Ich habe sechs Kinder, und meine
Töchter sind in einem Alter, in dem sie gerne und oft mit Papa Velo
fahren. Meistens fahren wir vom Wohnort aus, für weitere Strecken
mieten wir ein Velo vor Ort.
Wahrscheinlich ist der Velo-Selbstverlad mit Ihrer grossen Familie ja auch nicht ganz einfach.
(Lacht.) Nein, wir verladen eigentlich gar nicht. Ich kenne aber die
Problematik beim Selbstverlad. Wir werden auf touristischen Strecken
und bei schönem Wetter von KundInnen überrannt – nicht nur mit dem
Velotransport. Das Problem ist der beschränkte Platz in den Zügen.
Ende Juli kam es auf der Strecke Bern–Thun zum Eklat, nachdem
20 zahlende Velokunden von Zugbegleitern aus dem Intercity geworfen
wurden. Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Ereignis?
Velofahrende sind und bleiben für uns eine wichtige Zielgruppe. Wir
haben zwei Massnahmen getroffen: Erstens möchten wir, dass an den
Bahnhöfen genügend Veloabstellplätze zur Verfügung stehen. In dieses
Programm investieren wir 15 Millionen Franken. Zweitens sind wir daran,
das Angebot von Miet- und Leihvelos auszubauen. Dies, weil wir in den
Zügen enorme Engpässe haben, die wir nicht beseitigen können –
chancenlos. Während der Stosszeiten wollen alle reisen: Pendler,
Tagestouristen mit Gepäck, mit Kinderwagen und so weiter. Mehr als
doppelstöckige Züge können wir nicht anbieten. Und es ist ein Spagat:
Wir müssen die Anzahl Sitzplätze maximieren und gleichzeitig mehr Platz
für Velos schaffen. Zurzeit bieten wir pro Tag ca. 4500 Veloplätze in
den Zügen an. Ganz klar ist auch, dass wir den Selbstverlad beibehalten
werden, doch unser Spielraum bleibt begrenzt.
Empörte Kunden monieren, an Wochenenden seien die
Erstklasswagen praktisch leer, die Zweitklass- und
Multifunktionsabteile aber rammelvoll.
Tatsächlich sind in der Ferienzeit die Erstklasswagen auf gewissen
Strecken geringer ausgelastet. Leider können wir nicht wie bei der
Modelleisenbahn Zugformationen nach Belieben zusammensetzen.
Im letzten Jahr hat der Velo-Selbstverlad um sieben Prozent
zugenommen. Reichen Ihre Massnahmen, um diese Nachfrage zu befriedigen?
Es gab auch eine Kundenzunahme um sieben Prozent, und die Zahl der
Zugkilometer wuchs um fünf bis sechs Prozent. Wir haben also keine
überproportionale Zunahme beim Velo-Selbstverlad. Mit Schweiz Mobil
wollen wir das Problem regional entschärfen. Die modernen Regionalzüge
bieten mehr Platz. Das Problem sind vor allem Langstrecken. Wir
versuchen deshalb, den Freizeitverkehr mit Regionalzügen zu bewältigen.
Gewisse nationale Strecken sind und bleiben aber für
Freizeitaktivitäten sehr attraktiv – und diese Züge sind auch sonst
stark ausgelastet. Andererseits beträgt die Auslastung der Veloplätze
übers ganze Jahr gerechnet nur gerade vier Prozent!
Zu Spitzenzeiten verstärken wir die Kapazitäten mit Zusatzwagen und
Extrazügen. Dann sind es beispielsweise bei zwei zusätzlichen Zügen 30
statt zehn Veloplätze. Unser Spielraum beschränkt sich aber auf die
Anzahl Züge, und den nutzen wir auch. Die Zahl der Veloplätze in den
Zügen können wir aber nicht erhöhen.
Wie reagieren Sie, wenn beispielsweise die Züge ins Wallis am Morgen sehr voll sind?
Für den Abend können wir reagieren. Auf dem Rückweg fahren dann
Entlastungszüge. Zehn Prozent aller Züge sind Verstärkungszüge,
kurzfristig angeordnet und deshalb auch nicht im Fahrplan.
Wie werden Spezialangebote wie der Bike-Express von Zürich nach Chur aufgenommen?
Der Bike-Express wird gut genutzt. Aber das Platzproblem im regulären
Zug bleibt bestehen. Eine Planung ist schwierig, denn wir wissen ja
nicht, wo die Leute gerade gerne mit dem Velo hinwollen. Heute wollen
die Velofahrenden die Schweiz in allen Regionen entdecken. Events wie
ein Slow-up sind besser zu bewältigen.
Für Veloreisende ist es oft schwierig, sich über Angebote im
nationalen und internationalen Bahnverkehr zu informieren. Sind hier
Verbesserungen möglich?
Es fehlt uns oft der Zugang zu den entsprechenden Gruppen. Aber wenn
wir durch bessere Kommunikation zu einer Entspannung der Situation
beitragen können, dann sind wir offen für Ideen. Die Auslastungsanzeige
im Online-Fahrplan der SBB ist auch für die Velofahrenden wichtig. Wo
Züge gut ausgelastet sind, ist auch mit vielen Velos zu rechnen.
Bei der Petitionsübergabe vor fünf Jahren versprach Ihr Vorgänger mehr Multifunktionsabteile. Wann werden diese eingerichtet?
Wir werden die neuen Züge im Frühling 2010 in Auftrag geben, und dann dauert es etwa vier Jahre, bis sie ausgeliefert werden.
Wie begegnen Sie dem Problem: Platzbedarf versus Komfort in den neuen Multikfunktionsabteilen?
Wir haben immer wieder Kundenreklamationen wegen der Klappsitze in den
Multikfunktionsabteilen. Besonders ältere Leute bemängeln den
schlechteren Sitzkomfort. Das Bedürfnis nach Komfort hat in den letzten
Jahren stark zugenommen. Deshalb können wir uns, vor allem auf längeren
Strecken, unbequeme Sitze nicht erlauben. Im Regionalverkehr ist das
weniger ein Problem. Bei der Konstruktion der Abteile spielen heute
auch die Sicherheitsanforderungen eine viel wichtigere Rolle, und diese
schränken den Spielraum bei der Gestaltung ein.
Die Rhätische Bahn rüstet ganze Velowaggons aus und reagiert auf Reisende mit viel Gepäck.
Wie bereits erwähnt: Wir haben nicht nur ein Veloproblem, sondern
generell ein Platzproblem. Zudem reist die Hälfte unserer täglich fast
900000 KundInnen in einem Viertel der Zeit. Die RhB hat den Vorteil,
dass sie noch nicht an die Grenze gestossen ist, an der wir schon sind.
Stichwort Cisalpino: Wann wird der Flaschenhals in den Süden auch für den Velotransport behoben sein?
Auch der neue Cisalpino, der zuerst zwischen Genf und Mailand fahren
wird, hat nur eine sehr begrenzte Velotransport-Kapazität. Hier ist
aber auch der Transport im Tranzbag möglich. Die Maximierung der
Sitzplätze hat jedoch Vorrang. Diese Züge kosten viel Geld. Vor diesem
Hintergrund muss möglichst jeder Quadratmeter für Sitzplätze genutzt
werden. Auf der Gotthardstrecke geht es zuerst um die Steigerung der
Qualität und der Pünktlichkeit. Wir setzen hier jetzt den ICN mit
Velo-Reservationspflicht ein. Die übrige Strecke bis nach Mailand
bleibt ein Problem.
City Nightline betreibt erfolgreiche Nachtverbindungen, inklusive Velotransport.
Das Haupteinsatzgebiet von City Nightline liegt nördlich der Schweiz.
Im Süden Europas werden Nachtzüge immer unattraktiver, weil dort mehr
Hochgeschwindigkeitszüge fahren werden. In Frankreich will man in
absehbarer Zeit auf 350 km/h hochgehen, in Italien auf 300 km/h. Diese
Züge sind aber nicht sehr velofreundlich.
Der Velotransport auf längeren Strecken – national wie international – wird also zunehmend schwieriger.
Ganz klar, wir sind hier an unsere Kapazitätsgrenze gelangt. Wir haben
seit 2004 rund 30 Prozent mehr Passagiere mit dem gleichen Rollmaterial
transportiert.
Brüssel verlangt aber einen funktionierenden grenzüberschreitenden Velotransport.
Meine Kollegen im Ausland machen sich deswegen Sorgen. Es gibt im
Moment europaweit kein System, mit dem auf die steigende Nachfrage
reagiert werden kann.
Im Flugzeug kann man problemlos das Velo mitnehmen, bei der
Bahn ist das kompliziert – und trotzdem bleiben Ihnen die velofahrenden
KundInnen treu.
Das ist wahr. Wir verzeichnen pro Jahr 650000 Velo-Selbstverlade, und
diese werden tatsächlich von sehr treuen KundInnen getätigt, die wir
nicht verlieren wollen. Deshalb beschränken wir unsere Reduktion der
Veloplätze auch «nur» auf die ICN-Strecken. Weitere Beschränkungen
wollen wir nicht. An den geplanten Multifunktionsabteilen in IC- und
Interregio-Zügen werden wir festhalten. Man kann also von einer
gewissen Verbesserung in nächster Zeit sprechen.
Was dürfen wir für die Zukunft erwarten? Was bringt uns die Bahn 2020?
Bezüglich Veloverlad bin ich nicht optimistisch. An der Infrastruktur
wird sich bis dahin nicht viel ändern, die Auslastung der Züge wird
dadurch weiter steigen. Für spätere Jahre erhoffe ich mir eine
Entspannung der Situation. Die neuen Züge werden zu einer
Angebotsverbesserung führen.
Ich hoffe, dass durch die europaweite Gesetzesharmonisierung der Zugang
für Velofahrende zur Bahn Realität wird und dass die Bahnen dies dann
auch umsetzen. Die VelofahrerInnen sind wichtige KundInnen – da müssen
wir uns, auch im internationalen Bereich, noch weiterentwickeln.