Sport

Quartett aus dem Urnerland

Mit Markus Zberg tritt der letzte Vertreter der grossen Radsport-Dynastie zurück. Ein Rückblick auf die erfolgreichste Schweizer Velorennsportfamilie aller Zeiten. Pascal Meisser
Ein unglücklicher Sturz an der Tour de l’Ain im August machte der Laufbahn von Markus Zberg ein verfrühtes Ende. Der 35-Jährige aus dem schweizerisch-amerikanischen BMC-Racing-Team hatte seinen Rücktritt erst auf Ende 2010 ins Auge gefasst. Der Bruch des Beckenkamms sowie einer Rippe führten dazu, dass er diesen Schritt ein Jahr vorzog. «Der Sturz und die Verletzungen waren für mich ein Fingerzeig, dass es Zeit ist, meine Karriere zu beenden», sagt Zberg nicht ohne Grund. Schwere Stürze hatten seine 14-jährige Karriere stets begleitet: 2001 bricht er sich in Spanien die Schulter, ein Jahr später prallt er auf einer Trainingsfahrt vor der WM in Zolder (Belgien) in einen Pfosten und erleidet einen Bruch des achten Rückenwirbels, einen Riss in der linken Gesichtshälfte, eine Stauchung der linken Lunge und einige kaputte Zähne.
Mit seinem Entscheid, dem Radsport den Rücken zu kehren, folgt er seinen Geschwistern Luzia, der selbst in Insiderkreisen wenig bekannten Lydia, sowie Beat, die sich alle bereits in den letzten Jahren vom aktiven Radrennsport zurückgezogen haben. Damit geht eine Ära zu Ende, die es zuvor im Schweizer Radsport nie gegeben hatte – und womöglich auch nie mehr geben wird.
Der Triumphzug der Zbergs begann in den Achtzigerjahren, als alle vier Geschwister dem VMC Silenen beitraten. Dort trafen sie auf Trainer Hans Traxel, der sie in der Folge während gut
15 Jahren begleitete. «Die Zbergs waren motiviert und wollten immer weiter kommen», erinnert sich Traxel. Dies führte dazu, dass er sich selbst ständig in Trainingskursen weiterbilden musste, um mit seinem Wissensstand seinen Fahrern überhaupt gerecht zu werden.

Überlegenheit in jungen Jahren
Zum ersten Mal nahm man vom Namen «Zberg» Notiz, als Lydia, die Älteste, 1983 ins nationale Bahnkader aufgenommen wurde. Sie blieb allerdings nicht lange beim Radsport, sondern setzte auf Ausbildung und Beruf. Ihr folgten Luzia (*1970), der ein Jahr jüngere Beat sowie Markus, (*1974). Alle drei dominierten den Radsport auf nationaler Stufe wie kaum jemand zuvor. Einzig Luzia hatte in Barbara Heeb, der ersten Schweizer Weltmeisterin auf der Strasse (1996), eine ernst zu nehmende Gegnerin. Beat und Markus hingegen dominierten die Nachwuchskategorien derart, dass es einem Wunder gleichkam, wenn sie ein Rennen nicht als Sieger beendeten. Zwischen 1993 und 1999 holten die Zbergs zahlreiche Schweizer-Meister-Titel in fast allen Disziplinen.
Bereits bei den Nachwuchsrennen zeigten Beat und Markus jene Charakteristiken, mit denen sie später auch während der Profilaufbahn auffielen. Beat wagte jeweils schon früh im Rennen Angriffe, wenn er sich gut fühlte. Markus hingegen versteckte sich in einem Rennen bis zum Schluss im Feld, weil er wusste, dass er im Massensprint auf seine Endschnelligkeit zählen konnte. So erzielte jeder auf seine Weise Spitzenergebnisse.
Beiden gelang aber nicht jene Traumkarriere, die man ihnen aufgrund der Überlegenheit in frühen Jahren prophezeite. Dennoch will Trainer Traxel nicht von ausgebliebenen Erfolgen reden: «Beide waren stets in Teams, in denen sie nicht die Leader waren. Sie mussten sich oft in den Dienst ihrer Chefs, damals Chiappucci oder Pantani, stellen. Und selbst wenn sie nicht die grösstmögliche Anzahl Siege herausfahren konnten, haben sie aus wirtschaftlicher Sicht alles richtig gemacht. Und das ist doch das, was am Schluss auch zählt.»
Nach den Rücktritten von Markus und Beat (2007) wird künftig nur noch der Name von Beat Zberg dem Radsport erhalten bleiben. Seit zwei Jahren ist er im Auftrag von IMG Suisse Streckenchef der Tour de Suisse. Markus hingegen sucht sich bewusst eine Aufgabe ausserhalb des Radsports: «Es war eine wunderschöne Zeit. Aber nun möchte ich auch mein Leben nach der Karrie­re geniessen können – und nicht schon wieder jedes Wochenende unterwegs sein.» In welchen Bereich ihn die Zukunft führt, weiss er noch nicht. Eines ist ihm aber klar: «Sportlicher Leiter werde ich nie werden.»
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