Film

Die Standesbeamtin fährt Velo

Micha Lewinsky realisierte mit «Die Standesbeamtin» einen sehenswerten Film im Stil der englischsprachigen Hochzeitskomödien. Als auffälliger Nebendarsteller mit dabei: ein Velo des Schweizer Herstellers Simpel.ch. Bruno Angeli
In einem kleinen Schweizer Städtchen fährt die unglücklich verheiratete Rahel Hubli, gespielt von der charmanten Marie Leuenberger (soeben am Filmfestival in Montreal als beste Darstellerin ausgezeichnet), jeden Tag mit ihrem Velo zur Arbeit. Sie verrichtet ihren Job bei der Gemeindeverwaltung nur mit Widerwillen, denn ihr, der Mutter eines pubertierenden Jungen, ist der Glaube an die «ewige Liebe» abhanden gekommen. Dennoch traut sie als Standesbeamtin Paare und soll dabei gefälligst auch stets gut gelaunt sein, wie ihr Gemeindepräsident Morger (Beat Schlatter) unmissverständlich klarmacht.
In einer Buchhandlung trifft Rahel per Zufall auf Ben Hofer (Dominique Jann). Ben und Rahel spielten früher zusammen in einer Band mit dem Namen «Die Raben» und standen sich sehr nahe. Doch Ben zog vor Jahren nach Deutschland. Dort landete er mit einem Song einen Hit und wurde berühmt. Der talentierte Musiker ist mit der erfolgreichen deutschen Schauspielerin Tinka Panzer (Oriana Schrage) verlobt. Tinka und Ben kommen auf die Idee, sich von Rahel trauen zu lassen. Es soll eine schöne, kleine und intime Feier werden. Doch ein nicht unbedeutendes Detail steht einer erfolgreichen Trauung der beiden im Wege: Rahel und Ben haben noch immer starke Gefühle füreinander.
Gedreht wurde «Die Standesbeamtin» in nur fünf Wochen, zum grössten Teil in Bremgarten. Marie Leuenberger, die in diesem Streifen ihre erste grosse Filmrolle spielt, erzählte der Zeitschrift «Schweizer Familie» von den Dreharbeiten und von der deutschen Regie-Assistentin, die den Verkehr anhalten musste, damit sie als Standesbeamtin Rahel Hubli mit dem Velo durch die Altstadtgassen flitzen konnte. «Sie müssen anhalten, bitte. Wir müssen drehen», habe sie kurz und bündig zu den Autofahrern gesagt: «Ich aber hätte geschwafelt: Tschuldigung, würden Sie bitte mal kurz anhalten, wenn es geht, wissen Sie, wir machen einen Film, und wir brauchen ein paar Minuten lang eine freie Strasse.»

Prominent ins Bild gerückt
Beim Velo von Rahel handelt es sich – wie Interessierte unschwer feststellen können – um das Modell «Frischluft 1» von Simpel.ch. Dabei war aber kein geschicktes Product-Placement im Spiel. Philip Douglas, Geschäftsführer von Simpel.ch, war erstaunt, dass ein Velo seiner Marke so prominent ins Bild gerückt wurde. «Eine gute Freundin von mir hat mich darauf angesprochen. Natürlich habe ich mich sehr gefreut. Für mich ist es etwas vom Schönsten, wenn ich meine Velos überraschend irgendwo sehe. Ob das nun im Film oder im echten Leben ist; es ist immer etwas Besonderes.» Einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache, wie man auf dem Pressebild sehen kann: Der Scheinwerfer strahlt Richtung Himmel statt auf den Boden. Douglas nimmt es gelassen: «Als Velo-Ästhet sticht mir so etwas sofort störend ins Auge. Aber auf der anderen Seite weiss ich auch, wie schnell so etwas passiert, vor allem wenn das Velo viel herumtransportiert wird. Ein Fotograf oder Kameramann hat meistens andere Prioritäten.»
«Die Standesbeamtin» steht in der Tradition romantischer Heiratskomödien, wie wir sie aus dem englischen Sprachraum kennen. Filme wie «My Best Friend’s Wedding» («Die Hochzeit meines besten Freundes») oder «Made of Honor» («Verliebt in die Braut») sind bekannte Beispiele dieser Gattung. Regisseur und Drehbuchautor Micha Lewinsky ist ein Film gelungen, der zwar keine grossen Überraschungen bereithält, der aber solide gemacht ist, von eingängigen Songs untermalt wird und die Zuschauenden bestens unterhält. Zudem hat der Streifen Vorbildfunktion: Eigentlich sollten alle Beamtinnen und Beamten, Gemeinde-, Kantons-, und Bundesangestellten per Velo zur Arbeit fahren. 

DIE DVD

«Die Standesbeamtin», Schweiz, 2008
Regie: Micha Lewinsky
Drehbuch: Micha Lewinsky, Jann Preuss
Schauspieler: Dominique Jann, Marie Leuenberger,
Beat Marti, Beat Schlatter, Oriana Schrage
Kamera: Pierre Mennel
Schnitt: Bernhard Lehner
Ton: Patrik Becker, Roman Bergamin, Peter Bräker
Songs: Markus Schönholzer, Marcel Vaid
Produktion: Langfilm, Schweizer Fernsehen
Bonusmaterial: Fotogalerie, Filmpremiere, Beitrag
«10 vor 10», Dreh Auftritt Openair, «Glanz und Gloria» beim Dreh, Trailer
Vertrieb: Praesens Film AG


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