Schwerpunkt
Boom der Veloverleih-Systeme
«Bicing» in Barcelona, «Vélib» in Paris und jetzt auch noch «nextbike»: Veloverleih-Systeme erleben einen Boom. Das aus Deutschland stammende «nextbike» wurde Anfang September in der Region Luzern von «Rent a Bike» eingeführt – vorerst als Pilotversuch. René Hornung
Für eine kürzere Strecke ein Velo ausleihen, ohne grosse Umtriebe
aufsitzen und losfahren – dies sind die Vorteile der Veloleih-Systeme.
In Grossstädten wie Barcelona oder Paris, aber auch im grenznahen
Mulhouse sind sie für die ansässige Bevölkerung eingerichtet worden.
Als Ergänzung zu U-Bahn, Bus und Tram sind die Leihvelos Teil des
öffentlichen Verkehrssystems.
«Züri rollt» hingegen ist ein Angebot, das sich vor allem an
Touristinnen und Touristen richtet. «Rent a Bike», mit den
Verleihstationen am Bahnhof, ist ebenfalls ein touristisches Angebot.
Nun kommt noch «nextbike» dazu. Und in vielen Schweizer Städten wird
ebenfalls über Verleih-Systeme diskutiert.
Die Vermiet- und Ausleihsysteme sind unterschiedlich organisiert.
Vemietungssysteme eignen sich für eine längere Nutzung, und hier ist
zudem eine vorgängige Reservation – auch für Gruppen?– möglich. «Rent a
Bike», die grösste Schweizer Vermietorganisation, gibt es an insgesamt
140 Ausleihstellen, darunter sind 80 Bahnhöfe.
Die Leihsysteme sind eher für kurze Fahrten gedacht, Reservationen sind
hier nicht möglich. Zwar sind die Verleiher in der Dachorganisation
«Schweiz rollt» locker zusammengeschlossen, doch das Handling, die
Bedingungen und die Kosten sind sehr unterschiedlich (siehe
Übersichtstabelle). «Züri rollt» und die gleichnamigen Projekte in
Bern, Thun, Zug, Baar, Cham sowie jene in Neuchâtel, Lausanne, Genf und
in neun Orten im Wallis werden von Organisationen oder der öffentlichen
Hand als Arbeitslosen- oder Integrationsprojekte betrieben. Die
Ausleihstationen sind hier bedient.
Selbstbedienung liegt im Trend
Neben den bedienten und betreuten Ausleihstationen werden immer mehr
automatisierte Systeme aufgebaut. «Bicing» in Barcelona oder «Vélib» in
Paris gehören zu den bekannten. In beiden Städte sind inzwischen je
rund 20000 Velos in Betrieb. In deutschen Städten gibts «Call a Bike»,
ein System, das die Deutsche Bahn mitträgt, und in fast 50
italienischen Orten trifft man auf «Bicincittà».
«Lausanne roule» ist diesen Sommer dem Trend der automatisierten
Ausleihe gefolgt und hat zusammen mit den Nachbarstädten Morges und
Vevey?– zusätzlich zu den bisherigen betreuten Stationen?– das
italienische «Bicincittà»-System eingeführt. Es funktioniert mit einer
Chip-Karte und kann neu auch mit der Mobility-Karte kombiniert werden.
Das freut Manon Giger von Pro Velo Schweiz, «denn das bringt uns bei
der kombinierten Mobilität einen entscheidenden Schritt weiter». Für
Pro Velo Schweiz sei es wichtig, dass die Verleihsysteme möglichst
einfach und in den verschiedenen Schweizer Regionen kompatibel sind.
Der Verband prüft deshalb auch, ob er eine Anlaufstelle für Behörden
und interessierte Organisationen aufbauen kann, die über die
verschiedenen Verleihsysteme informiert.
Pilotbetrieb mit «nextbike»
Das neuste Ausleihsystem heisst «nextbike» und läuft seit Ende August
als Pilotbetrieb in der Zentralschweiz. «Rent a Bike» hat es aus
Deutschland und Österreich übernommen, wo es bereits in 40 Städten mit
insgesamt 5000 Velos funktioniert. 100000 User haben sich hier
registriert. Die Velos des Schweizer Pilotbetriebs stehen zurzeit an 25
Bahnhöfen, vor allem auch an kleineren, an denen es keine «Rent a
Bike»-Velos gibt. Unterstützt wird «nextbike» auch von den SBB und vom
Bundesamt für Energie sowie vom Velohersteller Tour de Suisse als «Rent
a Bike»-Muttergesellschaft.
Einmal registriert, eignet sich «nextbike» vor allem für spontane
Fahrten. Steht eines der Velos an einem der bezeichneten Standorte,
gibt man per Handy dessen Nummer ein und bekommt den Code für das
Zahlenschloss – und los gehts. Am Ende der Fahrt meldet man sich per
Handy wieder ab. «Wir haben uns nach ausführlicher Evaluation für
dieses einfache System entschieden, das wenig Infrastruktur braucht»,
erläutert «Rent a Bike»-Geschäftsführer Stefan Maissen. Sein
Unternehmen bezahlt vorerst für die Standorte, später sei ein
werbefinanzierter Betrieb denkbar.
Die 200 Velos für den Versuchsbetrieb wurden aus Deutschland
übernommen. Es gibt sie als Damen- und Herren-Modell ohne Gepäckträger,
dafür mit einem Korb am Lenker. Der Verstellbereich des Sattels beträgt
20 cm. Ganz kleine und sehr grosse Menschen fahren damit nicht
sonderlich bequem.
velojournal-Technikredaktor Marius Graber entdeckte unter den sechs
«nextbike» am Bahnhof Luzern drei, deren Lenker unergonomisch montiert
waren, und eines, bei dem die Schaltung nicht funktionierte. Auch das
Computersystem hat noch Startprobleme und ist noch nicht ganz
«eingeschweizert». Da tauchen in der Beschreibung dann plötzlich Euro
statt Franken auf – doch dies sind wohl Kinderkrankheiten.
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