Szene

Zwischen Idylle und automobilem Paradies

Der Kanton Aargau hat in Verkehrsfragen nicht den besten Ruf. In der Stadt Aarau sind viele Resultate der autofreundlichen Haltung sichtbar. Dort zeigt sich aber auch, dass nicht mehr alle im Kanton die tägliche Verkehrslawine einfach hinnehmen. Ivo Mijnssen
Klischees sollten zwar nicht für bare Münze genommen werden, einen wahren Kern aber haben sie oft. So auch in Bezug auf den Aargau: Als Agglomerationskanton gilt er als automobiles Paradies, als Einfamilienhaus-Siedlungsbrei ohne richtiges Zentrum. Das hat auch Auswirkungen auf die Pro Velo. Sie exis­tiert zwar und sichert das kantonale Beschwerderecht. Doch die Velofahrenden selbst sind – eher erstaunlich – in fünf verschiedenen Regionalverbänden in den wichtigsten Agglomerationen organisiert. Zusammen kommen sie auf knapp 1000 Mitglieder. Ein- bis zweimal pro Jahr trifft man sich zum Gedankenaustausch. Ansonsten ist die Zusammenarbeit eher sporadisch: Zu heterogen präsentieren sich die verschiedenen Regionen, zu verschieden sind die Probleme.

Eine Stadt ertrinkt im Verkehr
Traditionell finden Veloanliegen im Autokanton Aargau wenig Gehör. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass sich nun etwas bewegt. So entstehen im Kanton derzeit 950 Kilometer Velo-Routennetz; Pro Velo hat dabei beratende Funktion. Auch die Medien interessieren sich für das Thema: Im März entbrannte in der «Aargauer Zeitung» eine Kontroverse um die Velosituation in Baden, in der Pro Velo ihre Argumente prominent platzierte.
Die grösste und älteste Pro-Velo-Gruppe im Kanton ist jene in der Stadt Aarau mit ihren 16000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Aarau ist ein regionales wirtschaftliches und kulturelles Zentrum mit über 25000 Arbeitsplätzen. Dies erzeugt viel Verkehr. Kommt dazu, dass Eisenbahn und vor allem die nahen Autobahnen den Verkehr noch anwachsen lassen. Die Luftqualität in der Stadt ist schlechter als in Zürich, denn pro Tag drängen sich 50000 bis 60000 Autos durch die Strassen.
Den Velolobbyisten stellt sich hier keine einfache Aufgabe. Marinus Pico ist einer von ihnen: Der 59-Jährige engagiert sich seit zwölf Jahren bei Pro Velo und sieht in seiner Stadt grosses Potenzial für das Fahrrad, das aber zu wenig ausgeschöpft werde. Er kritisiert, dass das Velo meist zu spät und nur am Rande in den Planungsprozess eingebunden werde, «dabei erstickt Aarau im Verkehr».
Die Behörden hätten dies inzwischen endlich erkannt. Quartiere sollen nun vom Verkehr entlastet, die Stadt soll aufgewertet werden. Die beiden Ziele sind jedoch nicht immer miteinander in Einklang zu bringen. Etwa im neuen Stadtteil, der rund um das sich im Bau befindliche Stadion Brügglifeld entsteht. Nicht nur Marinus Pico befürchtet, dass das vergrösserte Stadion und das Shopping-Zentrum massiven Mehrverkehr generieren werden. Die Situation ist schon heute prekär, mitverursacht durch die Stadtautobahn. Zwar wurden in den letzten Jahren einige Velowege gebaut, diese sind aber Stückwerk und enden oft vor den neuralgischen Stellen.

Der Weg zur Besserung
Auch an der grössten Baustelle der Stadt ist von Aufwertung bislang wenig zu spüren: Der neue Bahnhof besteht noch weitgehend aus Baugerüsten, die mehrspurige Bahnhofstrasse lädt kaum zum Flanieren ein. Und doch zeigen sich hier im Zentrum erste Zeichen einer umsichtigeren Verkehrspolitik. Die ursprünglichen Pläne für den Umbau des Bahnhofplatzes lösten vor einigen Jahren einen Aufschrei einer breiten Koalition von Umweltverbänden und Fachleuten aus. Die Stadt zog das Projekt zurück und leitete ein offeneres Planungsverfahren ein. So wurde erreicht, dass die Einfahrt ins unterirdische Parkhaus vom Platz weg verlegt wurde und nun ein eigentliches Busterminal gebaut werden kann. In der Bahnhofstrasse entstehen Velowege, und die Strassen können oberirdisch überquert werden.
Für die Radfahrenden werden auf beiden Seiten der Geleise Hunderte von gedeckten und teilweise bewachten Velo-abstellplätzen gebaut. Pro Velo Aarau ist zwar skeptisch, ob es am Ende genug sein werden, freut sich aber über den ers­ten Schritt. Für die Velostation auf der Südseite des Bahnhofs läuft ein Architektur-Wettbewerb. Marinus Pico hofft, dass ein attraktiver Bau entstehen wird: «Er könnte zu einem Signal werden, damit die Leute mit dem Velo zum Bahnhof fahren.» Dies würde auch dazu beitragen, dass die Stadt Aarau weniger als Durchgangsort, sondern vermehrt als städtischer Lebensraum wahrgenommen wird, der Lebensqualität bietet.

 
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