Szene
Zürichs Kuriere erobern Berlin
Auf dem Flughafen Tempelhof, wo während der Blockade West-Berlins die Versorgungsflugzeuge der Luftbrücke landeten, startete die bisher grösste Velokurier-EM. Nach vier Tagen Rennen und Party standen die Sieger fest. Simon Degelo
Einen sportlichen Grossanlass stellt man sich anders vor: Vor dem
Flughafen Tempelhof, dem Renngelände der 13. Europameisterschaft der
Velokuriere, sitzen die Teilnehmer auf Bänken oder dem Boden, schwatzen
und rauchen. Die aufgebauten Stände versorgen die Kuriere mit Essen und
dem isotonischen Lieblingsgetränk der Kurierszene: Bier. Grosse Taschen
hängen an den Rücken der Kuriere, und Fahrräder in allen Varianten, vom
Bahnrad übers MTB bis hin zum Lastenvelo, stehen oder liegen über den
Platz verteilt.
Genauso bunt zusammengewürfelt wie ihre Fahrzeuge sind die Teilnehmer
der EM. Sie sind aus ganz Europa angereist, um die Schnellsten zu
küren. Allerdings geht es nicht nur um den sportlichen Wettbewerb:
Genauso wichtig ist es, mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen
Städten zusammenzukommen, denn das Kurier-Sein will zelebriert und die
Partys wollen gefeiert werden.
So viele Teilnehmer wie dieses Jahr waren es noch nie: Rund 800 Leute
haben sich für die EM angemeldet. Doch auch das Renngelände ist
einmalig. Es befindet sich auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof mit
seiner monumentalen Architektur. Im Zweiten Weltkrieg wollten sich die
Nationalsozialisten mit diesem Bau ein Denkmal setzen. Bei seiner
Fertigstellung war das Flughafengebäude – gemessen an der Fläche – das
grösste der Welt. Mit seinen Dimensionen sollte es nicht nur dem
Luftverkehr, sondern vor allem Propagandazwecken dienen. Kurz danach
bekam der Flughafen Tempelhof erneut historische Bedeutung. Während der
Blockade Berlins war er der Landeplatz der Luftbrücke, über die der
eingeschlossene Westteil mit dem Nötigsten versorgt wurde.
Inzwischen ist Tempelhof als Flugplatz stillgelegt und bietet bei der
Velokurier-Meisterschaft viel Platz. Es ist dies aber nicht das erste
Kurierrennen in Berlin. Bereits die erste Austragung fand 1993 in
Berlin statt. Seither wird jedes Jahr eine Weltmeisterschaft
abgehalten, zudem gibt es auch einen europäischen sowie viele nationale
Wettbewerbe.
Schweizer Doppelsieg
Das Hauptrennen soll den Kurieralltag simulieren. Dazu eignet sich das
Gelände des Flughafens ausgezeichnet; die Innenhöfe des Gebäudes und
der lange Verbindungstunnel ergeben einen spannenden Parcours. Über das
Gelände sind zehn Checkpoints verteilt, an denen jeweils eine Sendung
in Form eines Briefes oder eines Pakets abgeholt bzw. abgegeben werden
muss. Die Athleten erhalten ein sogenanntes «Manifest», in dem steht,
welche Lieferungen sie zu welchen Checkpoints bringen müssen. Dabei ist
Vorsicht geboten, da die meisten Strecken auf dem Parcours nur in eine
Richtung befahren werden dürfen. Wer keine unnötigen Umwege machen
will, muss sich gut überlegen, in welcher Reihenfolge er die Sendungen
ausliefert.
Neben dem Hauptrennen werden Rennen in zahlreichen weiteren Disziplinen
ausgetragen: Sprint über 400 Meter, Goldsprint auf der Rolle, Bikepolo
sowie verschiedene Kunststücke mit dem «Fixie». Dieses Jahr fand auch
ein Cargorennen statt: «Lastenvelos sind die Zukunft der Radkuriere»,
erklärt Achim Cremer vom OK. Da immer mehr Briefe und Dokumente
elektronisch verschickt werden, müssen sich die Kuriere künftig wohl
vermehrt auf grössere Lieferungen spezialisieren. Nach den rund drei
Stunden, die das Finale dauert, steht fest: Die ersten beiden Plätze
werden von Schweizern, noch dazu von den beiden grössten Konkurrenten
auf Zürichs Strassen, belegt: Der Gewinner ist Stefan Fröhlich von
«Veloblitz», knapp vor Martin Brunner von «Flash».
Dazu brauchte es allerdings mehr als nur stramme Waden: «Es gab Fahrer,
die schneller unterwegs waren als ich, doch am Ende gewinnt immer der
schnellste von jenen, die den Parcours fehlerfrei fahren», stellt
Stefan Fröhlich fest.
Wer selber einmal eine Kuriermeisterschaft miterleben möchte, hat dazu
bei der ersten trinationalen Meisterschaft Gelegenheit: Sie findet mit
Beteiligungen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz vom 6. bis 9.
August in Basel statt. Schaulustige sind willkommen, und alle können
mitfahren. Einzige Voraussetzung ist, dass man ein Velo, einen Helm,
ein Schloss sowie eine grosse Tasche oder einen Rucksack mitbringt.
www.tricmc09.ch