Dr. V. Love

Dr. V. Love

Verbrecher auf Rädern


Sehr geehrter Dr. V. Love
Im Juni waren 200 Gefangene unterwegs auf ihrer eigenen Tour de France. Auf 2300 Kilometern von Lille nach Paris wurden sie von 124 Wächtern begleitet. Die Gefangenen schliefen, wie alle Rennfahrer, in Hotels. Nur Sprints waren aus Sicherheitsgründen verboten. Es gab keine Rangliste. Der Anlass sollte Werte wie Teamwork fördern. Mit dieser Aktion will die Direktion die Insassen auf das Leben ausserhalb der Gefängnismauern vorbereiten. Wer da an Spass denkt, vergisst die zu überwindenden hohen Berge. Meine Frage an Sie: Dient diese Tour der Wiedereingliederung der Gefangenen, oder ist sie Teil der Bestrafung?

T. Klink, Zurzach


Liebe Frau Klink

Die Tour dient natürlich beidem. Sie gibt den Gefangenen viel Zeit, im Schweis­se ihres Angesichts über ihre Verbrechen nachzudenken. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass der Strafvollzug stets auch der Abschreckung dient: Die «Tour der Gefangenen» ist ein Zeichen an die Profis. Wir haben die harte Linie der Franzosen beim Thema Doping noch gut in Erinnerung. Vor zehn Jahren wurden mehrere Fahrer während der Tour verhaftet. Die «Tour des Prisonniers» zeigt potenziellen Dopingsündern, welche Perspektiven sie im nächsten Jahr erwarten, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.
Vielleicht könnte aber der professionelle Radsport wirklich so einiges von der Gefangenentour lernen. Würde nämlich an der Tour de France auf die kräftezehrenden Sprints und die Ranglisten verzichtet, müsste auch nicht mehr gedopt werden. Allerdings müssten ohne diese Anreize die Profi-Fahrer wohl auch von bewaffneten Wärtern den Berg hochgezwungen werden.

Ihr Dr. V. Love

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