Schwerpunkt
Unfallverhütung und Veloinfrastruktur
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung verstärkt ihre Präventionsarbeit. Um die Zahl der verletzten und getöteten Velofahrenden im Alltagsverkehr und im Gelände zu verringern, wird Kontakt zu Gemeindeverwaltungen gesucht – und zu «illegalen» Bikern. Urs Rosenbaum
Als sich Anfang Juni die versammelten Bau- und Polizeiämter der
Schweizer Gemeinden an der Fachmesse Swiss Public in Bern trafen, war
auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) dabei. Sie wollte
jene Menschen erreichen, die Verkehrsrouten gestalten und dabei über
Sicherheit und Risiko für Velofahrende entscheiden. Denn die bfu hat
gemerkt, dass die jährlich 30000 Velounfälle nicht allein durch guten
Schutz der Velofahrenden verringert werden können. Verbesserungen in
der Infrastruktur, so die neue Botschaft, sollen Unfälle vermeiden.
Vielleicht lag es daran, dass die bfu sich selbst auf Neuland bewegte –
auf jeden Fall traute man den Besucherinnen und Besuchern der
Fachtagung «Mehr Sicherheit für Radfahrende» nur wenig Vorwissen zu.
Die Vorträge boten aber solides Grundlagenwissen, vermittelt unter
anderem von Experten aus der Fahrradstadt Münster. Der vom Bundesamt
für Strassen (Astra) vorgestellte Leitfaden zur Planung von Velorouten
ist allerdings schon seit über einem Jahr erhältlich.
Nur bewilligte Anlagen sind sicher
Dass Velo-Organisationen und die bfu das Heu nicht immer auf der
gleichen Bühne haben, ist bekannt. Auch nicht in der Haltung zum
Vorschlag für ein Sicherheitsprogramm des Bundes, der «Via sicura».
Hier plädiert die bfu für die von den Velo-Organisationen strikte
abgelehnte Alterslimite für Kinder. Sie sollen nach dem «Via
sicura»-Paket künftig erst ab acht Jahren allein Velo fahren dürfen.
Pragmatischer und innovativer zeigte sich die bfu beim zweiten
Schwerpunkt der Tagung. Gemeinsam mit dem Pistenbauer-Verein
Trailnet.ch wurde ein Leitfaden erarbeitet, der darüber Aufschluss
gibt, wie Bikepisten in den Wäldern legal geplant und sicher gebaut
werden können. Dabei liess man sich vom Grundgedanken leiten, dass nur
bewilligte Anlagen sicher sind. Unbewilligte Trails hingegen, wie sie
bisher oft angelegt wurden, sind für die Unfallprävention nur schlecht
erreichbar. Der neue Ratgeber vermittelt sowohl handfeste Tipps zum
Umgang mit den Behörden als auch zum sicheren Streckenbau.
Kommentar
In der Schweiz gibt es Potenzial, um den Anteil des Radverkehrs zu
erhöhen, und die bfu will sich neu auch mit der Sicherheit beim
Mountainbiken auseinandersetzen. Das war die positive Seite der
Fachtagung. Leider waren die Signale aber nicht lust-, sondern
angstbetont. Es dominierte die Botschaft: Radfahren (ohne Helm) ist
gefährlich. Zum Negativbild gehörte auch, dass zum «Beweis» der
Gefährlichkeit Offroad- und Strassenunfälle zusammengezählt wurden,
obschon Sport- und Verkehrsunfälle nichts miteinander zu tun haben.
Zuhörerinnen und Zuhörer, die (noch) kein Velo besitzen und sich
bisher nicht mit dem Velo in den Verkehr wagten, erhielten die
Botschaft: Hände weg vom Velo, dann lebst du sicherer.
Tatsache
ist: Auf zwei Rädern zu fahren, ist mit höheren Risiken verbunden, als
auf vier Rädern unterwegs zu sein. Doch Radfahren erhöht die
körperliche Fitness, ist kreislauf- und gesundheitsfördernd und macht
Spass. Velos im Strassenbild führen aber auch zu erhöhter
Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmenden und sie stellen das
effizienteste Mittel dar, den Verkehr zu beruhigen und damit sicherer
zu machen. Je stärker die Velofahrten zunehmen, desto höher ist diese
Wechselwirkung, und das ist ganz im Sinn der Unfallbekämpfung. Städte
mit hoher Fahrradnutzung wie Münster und Odense in Deutschland und
Dänemark oder Lund in Schweden erreichen bezüglich Unfall- und
Verunfalltenrate um die Hälfte bessere Ergebnisse als das europäische
Mittelfeld bzw. die Schweiz. Und noch etwas: Diese drei Städte haben
alle eine relativ tiefe Helmtragquote.
Die Schweiz kann es sich nicht leisten, Menschen mittels Kampagnen wie
«Helm auf, sonst geschieht dir was» oder über die Drohung «Wenn du
nicht willig bist, kommt die Helmtragpflicht» vom Velo fernzuhalten.
Ist es Zufall, dass die Velonutzung auf Schweizer Schulwegen seit
Beginn der Helmkampagnen dramatisch zurückgeht?
Samuel Hubschmid, Initiant des Gurten-Trails, brachte es an der Tagung
auf den Punkt: Mountainbiker sind zu 100 Prozent mit Helm unterwegs,
was zeigt, dass Schweizer und Schweizerinnen zum Helm greifen, wenn
sie von seinem Nutzen überzeugt sind.
Gefragt ist eine sachliche Sicherheitsaufklärung, fernab von Drohfinger
und Angstmacherei. Schade, dass es die Veranstalter verpassten, eine
Diskussion zuzulassen, in der auch Akzente zum Thema «Helm kontra
Veloförderung» hätten gesetzt werden können.