Stadtverkehr: Die elektrische Versuchung

René Bortolani überlegt sich, ein E-Bike zu kaufen – aber er kann nicht. René Bortolani
Auf meinem Weg nach Hause geht es bergauf, vom Seeufer hinauf bis auf die Anhöhe. Die Steigung ist, ich will nicht dramatisieren, durchaus zu bewältigen, mit etwas Training ziemlich locker. Aber sie bleibt eine Steigung und eine kleine tägliche Mühsal, und ich hätte nichts gegen einen flachen und gemütlichen Heimweg. Ich weiss – und will mich nicht beklagen: Zum Velofahren gehört, ausser Atem und ins Schwitzen zu geraten und die Muskeln zu spüren: sich ein bisschen zu verausgaben.
Doch der Mensch neigt zu Trägheit und Faulheit, auch ich. Ist er mit dem Velo unterwegs, mag ers gerne flach und noch lieber leicht bergab. Eine Velotour der Donau oder der Loire entlang würde ich der Überquerung des Gotthardpasses jederzeit vorziehen. Gerade jetzt im Sommer, wenn es heiss ist, die Sonne brennt und kein Fahrtwind für Abkühlung sorgt, wünsche ich mir den Alltag auf dem Velo entspannt und locker. In besonders ruppigen Steigungen kommt mir ein Kollege in den Sinn, Coiffeur von Beruf, der mich schon vor Jahren auf der Seestrasse locker lächelnd überholte – dank eines der ersten Elektrovelos, die auf dem Markt waren.
Mittlerweile boomen die E-Bikes, bei denen Strom aus dem Akku nachhilft, wenn die Muskelkraft nachlässt. «velojournal» widmete dem Thema eine Titelgeschichte und viele Seiten, pries das E-Bike als «Lifestyle-Objekt» und präsentierte die ganze Palette von Pedelecs (Pedal Electric Cycle). Es sind gestylte Flitzer, die nicht mehr wie Reha-Geräte aussehen, die vom Orthopäden verschrieben werden. Kein Zweifel, die elektrische Versuchung lockt.
Ich diskutiere das Thema mit meinen erwachsenen Söhnen, von denen der eine Vespa fährt, der andere zu Fuss geht und der dritte den ÖV bevorzugt. Sie wollen nett sein und ermuntern mich: «Ja, in deinem Alter lohnt sich ein Elektrobike auf jeden Fall!» Gut gemeint, doch mein Alter (63) ist nicht der Grund, dass ich allen Vorzügen zum Trotz doch kein E-Bike will. Der Verzicht hat eher mit Altersstarrsinn zu tun: Nur Velofahren ohne Motor ist richtiges Velofahren.

René Bortolani war Chefredaktor von Zeitschriften wie «Annabelle», «Tages-Anzeiger-Magazin» und «Schweizer Illustrierte».
Er ist als Berater für Kommunikation und Medienarbeit, Sprach- und Schreibcoach sowie als Dozent tätig. Sein bevorzugtes Verkehrsmittel ist das Velo.
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