Szene

bike to work 09: Neues und Bewährtes

«bike to work» hat dieses Jahr einen weiteren Teilnehmerrekord aufgestellt. Inspiration holt sich der Anlass auch im Ausland. Der Vergleich mit der Schwesteraktion in Deutschland zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf. Ivo Mijnssen
In keinem anderen Monat des Jahres steht das Velo so im Zentrum der schweizerischen Aufmerksamkeit wie im Juni: Die Tour de Suisse zieht Sportbegeisterte an, und «bike to work» hievt immer mehr Werktätige in den Sattel. Auch heuer zeichnet sich ein neuer Teilnahmerekord ab: Über 50000 Personen fahren in rund 13000 Teams mit; 1098 Betriebe beteiligen sich. Bei den Eröffnungs-Events in Zürich und Lausanne gab sich die regionale Politprominenz (siehe Interview mit der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch) ein Stelldichein. Die Gäste lauschten jedoch nicht nur Reden und genossen den Stehlunch, sondern wurden auch gefordert: Getreu dem diesjährigen Motto «Neues ausprobieren» unternahmen sie am Nachmittag eine Schnitzeljagd durch die grösste Schweizer Stadt.

Chefs sollen Velo fahren
Bei der vierten Auflage wollen sich die Organisatoren von «bike to work» nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Projektleiter Gregor Zimmermann freut sich über die Rekordzahlen. Er sieht aber auch die Notwendigkeit, die Teilnehmenden immer wieder auf neue Weise anzusprechen. So unterstützten die Organisatoren die Betriebskoordinatoren mit konkreten Vorschlägen zur Umsetzung.
Die Mitarbeitenden des Bau-, Verkehrs- und Umweltdepartements im Kanton Aargau versuchten beispielsweise jeden Mittwoch kulinarisch «Neues» beim Mittagessen. In der Pendlerzeitung «News» wurde der Comic-Strip «9?to?5» veröffentlicht, in dem auf spielerische Weise für die Aktion geworben wurde und im Speziellen die Chefs von Betrieben angesprochen werden sollten. Leserinnen und Leser konnten ein Velo gewinnen und erhielten die Möglichkeit, darüber abzustimmen, wie der Comic endet. Das Votum war klar: 96 Prozent wollten, dass der Chef mit gutem Beispiel vorangeht und sich an «bike to work» beteiligt. Sie teilen damit das Anliegen der Organisatoren, Vorgesetzte stärker in die Aktion einzubinden.

«bike to work» hat sich etabliert
Mit Neuerungen soll die inzwischen etablierte Aktion noch breiter verankert werden. Obschon 87 Prozent der teilnehmenden Betriebe nach wie vor aus der Deutschschweiz kommen, hat sich die Zahl der Firmen aus der Romandie dieses Jahr im Vergleich zu 2006 verdoppelt. Aus dem Tessin dagegen machen auch dieses Jahr nur sieben Betriebe mit. «Dort muss», so Gregor Zimmermann, «einiges noch besser werden.» Besonderen Handlungsbedarf hat er auch bei den kleinen Betrieben ausgemacht: Die Registrierungsgebühr und der administrative Aufwand könne kleine Betriebe, welche die Mehrheit der Schweizer Firmen bilden, von der Teilnahme abschrecken. Weniger als 100 Firmen mit 20 oder weniger Mitarbeitenden beteiligten sich 2009 an der Aktion, obwohl die Gebühr für dieses Segment auf 100 Franken halbiert wurde. Ein weiterer Versuch ist das Pilot-Projekt «Gemeinde?+», bei dem kleinere Gemeinden pauschal für die kleinen Betriebe auf ihrem Gebiet die Gebühr übernehmen. Immerhin 14 Gemeinden konnten für dieses Angebot gewonnen werden.
Neue Ideen holte und holt sich «bike to work» auch jenseits der Grenze. In verschiedenen Ländern gibt es mittlerweile Aktionen, um die Leute zu motivieren, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu ­fahren, etwa in der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C., in Göteborg oder Kopenhagen. Doch einzig in Deutschland findet eine Aktion wie «bike to work» auf nationaler Ebene statt. «Mit dem Rad zur Arbeit» startete ursprünglich in Bayern und wird inzwischen zum neunten Mal durchgeführt. Angestossen wurde die Idee damals vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club. Das Konzept für die Schweizer Aktion lehnte sich eng an das deutsche Vorbild an. Inzwischen gibt es jedoch grosse Unterschiede zwischen den Aktionen in Deutschland und der Schweiz: Im Nachbarland läuft die Aktion heute drei Monate. Statt der Hälfte der Arbeitstage muss das Velo zwischen Juni und August pauschal mindestens zwanzig Mal zum Einsatz kommen. Finanziert wird die Aktion von Sponsoren, zur Hauptsache von der grössten Gesundheitskasse Deutschlands, der AOK. Für die Betriebe ist deshalb die Teilnahme kostenlos.
Reinhard Harnoss ist Marketingleiter der AOK in Bayern und einer der Initiatoren von «Mit dem Rad zur Arbeit». Er erklärt das Engagement der AOK damit, dass die Aktion gesundheitsfördernd sei und demnach die Gesundheitskosten senke. Gleichzeitig sei es ein gutes Marketing-Tool: «Das Thema Gesundheit ist nicht angreifbar. Wir schwimmen im positiven Image mit», ist er überzeugt. Neben der Gesundheitsförderung beeindruckt auch die Tatsache, dass durch die Aktion fast 10000 Tonnen CO2 eingespart werden. Alleine in Bayern beteiligen sich 60000 Personen in 6200 Firmen an der Aktion, deutschlandweit sind es fast 170000 Personen. Die Kundenberater der AOK versorgen die Firmen mit Informationen und Material zur Aktion.

Andere Bedingungen, andere Formen
Gregor Zimmermann hält diese Form der Organisation in der Schweiz für nicht praktikabel – allein schon aufgrund der Tatsache, dass keine vergleichbare Organisation existiert. Wegen ihrer Grösse spielt die AOK eine viel stärkere gesamtgesellschaftliche Rolle als die vielen Krankenkassen in der Schweiz. Darüber hinaus meint Zimmermann: «Uns scheint es sinnvoll, dass Pro Velo die Bedingungen und strategischen Ziele selbst definieren kann.» So blieben der Aspekt der Veloförderung und die politische Ebene präsent. Über die Dauer der Aktion könne man durchaus geteilter Meinung sein, meint Zimmermann: Arbeitnehmende mit kleinem Pensum oder mit Ferien im Juni benutzen das Fahrrad nur an wenigen Tagen, um die nötige Quote von fünfzig Prozent zu erreichen. Für einen Umsteige-Effekt reiche dies nicht. Anderseits bleibe eine auf einen Monat fokussierte Aktion in den Köpfen der Menschen präsenter.

Event und Politik
Pro-Velo-Projektleiter Gregor Zimmermann kann das Argument von Reinhard Harnoss nachvollziehen, dass der Verzicht auf eine Teilnahmegebühr mehr Firmen zum Mitmachen motiviert. «Andererseits sind jene Firmen, die mitmachen und dafür bezahlen, stärker eingebunden», ist er überzeugt. Harnoss wendet ein, dass Unternehmen, die für eine solche Aktion bezahlen, bereits sehr engagiert seien. Er wolle aber  jene erreichen, «die immer eine Entschuldigung dafür haben, warum sie sich nicht engagieren». Die Schwelle werde bewusst so tief angesetzt, dass sich niemand herausreden könne. Ein Sponsor stellt dieses Jahr Teilnehmenden sogar Elektrovelos zur Verfügung. Ausserdem lockt die Aktion «Mit dem Rad zur Arbeit» mit vielen Preisen: Reisen, Reifen und viele Getränke. Online-Wahlen der «Super Teams» des Jahres runden den Eventcharakter der Aktion ab.
«bike to work» ist sowohl Event als auch Politik. Die Organisatoren stellen in diesem Jahr die Vermarktung der Aktion stärker in den Vordergrund – auch durch Merchandising. In Kooperation mit einem Schweizer Hersteller wurde ein eigenes Velomodell, das «Bike» to work, lanciert, das sich für den Arbeitsweg besonders gut eignet. Nächs­tes Jahr sollen ausserdem höhere Preise winken, ganz nach der Erkenntnis von Reinhard Harnoss: «Die Gesundheit allein reicht vielen nicht als Belohnung.»

Comic-Preisverleihung

Pro Velo und Tour de Suisse Rad AG lancierten zum Start der Aktion 2009 das «Bike» to work, das ideale Alltagsvelo für den Weg zur Arbeit. Der erste Besitzer dieses Velos heisst Thomas Antener aus 4223 Blauen. Er ist der glückliche Gewinner des Wettbewerbs zum Comic «9 to 5 – Guter Radschlag». Wir gratulieren an dieser Stelle und danken allen Teilnehmenden, welche mitentschieden haben, wie der wöchentliche Comic zu Ende ging. Auch der Chef der fiktiven Rüdisühli AG fuhr im Juni zusammen mit seinen Mitarbeitenden mit dem Rad zu Arbeit.
Den gesamten Comic und Mitmachdetails zum Wettbewerb finden Sie unter www.biketowork.ch .
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