Film

Vom Wasserträger zum Siegfahrer

Japanische Anime-Künstler realisierten mit dem Werk «Nasu – Sommer in Andalusien» den ersten Zeichentrickfilm zum Thema Radsport. Darin erhält der Teamfahrer Pepe die Chance, eine Vuelta-Etappe für sich zu entscheiden. Bruno Angeli


Die wohl bekanntesten Werke der japanischen Zeichentrickfilm-Industrie sind auch ausserhalb der Anime-Fangemeinde ein Begriff. «Akira», «Nausicaä – aus dem Tal der Winde», «Die letzten Glühwürmchen», «Prinzessin Mononoke» oder «Chihiros Reise ins Zauberland» sind Filme, die auch in unseren Kinos erfolgreich liefen. Beteiligt an all diesen Werken, wenn auch in unterschiedlichen Funktionen, war Kitaro Kosaka. Der begeisterte Amateurradsportler machte sich 2002 daran, den Manga von Lou Kuroda mit dem Namen «Nasu» in bewegte Bilder umzusetzen. Es sollte der erste Radsport-Anime werden.
Zum Inhalt: Pepe Benengeli, die Hauptfigur, ist Berufs-Radrennfahrer. Er ist kein Star, sondern ein Wasserträger, der vor allem für den Team-Captain Gilmore buckeln soll. Vor Jahren verliess er aus Enttäuschung seine andalusische Heimat. Er verlor seine Jugendliebe Carmen ausgerechnet an seinen Bruder Angel, einen ebenfalls talentierten Radrennfahrer. Der Zufall will es, dass am selben Tag, als der Tross der Vuelta (Spanische Landesrundfahrt) vor der Bar des Familienfreundes Hernandez vorbeifährt, Carmen und sein Bruder heiraten. Pepe soll auch an diesem Tag Gilmore zu einem Sieg verhelfen. Doch auf einmal überschlagen sich die Ereignisse. Pepe bekommt die einmalige Chance auf einen Etappensieg. Es kommt zu einem fulminanten Sprintfinale. Die Trickfilmer bescheren uns hier einmalige «Nahaufnahmen». Sie zeigen die vor Anstrengung bizarr verzerrten Gesichter der Rennfahrer. Wird Pepe die Etappe für sich entscheiden können? Und wird er sich mit Heimat und Familie versöhnen?

Zeichentrick mit Computerhilfe
In diesem Film wird die andalusische Hitze beinahe spürbar. Der Rennverlauf wirkt authentisch, und die Rennvelos surren durch die Landschaft, als wäre die Szenerie ein Realfilm. Dabei ist das Zeichnen von Fahrrädern bei Animationszeichnern alles andere als beliebt. Dies bestätigen auch die Macher von «Nasu»: «Die Räder sind rund, daher muss man einen Zirkel benützen, was irrsinnig viel Zeit kostet.» So äusserte sich in einem Interview der zweite Regisseur Atsushi Takahashi. Aber mehr noch als den Animatoren sind gemäss Takahashi die Phasenzeichner genervt, wenn es darum geht, Velos zu zeichnen, geschweige denn ein ganzes Rennen. Der Animationszeichner Micha Mihara fügt hinzu: «Heutzutage wird allerdings am Computer berechnet.» Der Einsatz von Computern ermöglichte Szenen, die allein mittels der klassischen Animationstechnik undenkbar gewesen wären. So enthält der Streifen etwa 500 Szenen, wovon rund 180 Szenen komplett am Computer entstanden sind, wie das Begleitbüchlein verrät, das der Collector’s Edition DVD beigelegt wurde. Die empfehlenswerte Box enthält aber vor allem drei Discs. Disc eins enthält den Hauptfilm, der leider nur 47 Minuten lang ist. Die zweite Disc wurde mit Bonusmaterial belegt. Die dritte Scheibe ist eine CD. Darauf zu hören ist der einmalige Original-Soundtrack. Das letzte Stück «Jitensha Shoka» (übersetzt: Die Fahrradshow), ist im Filmabspann zu hören. In einzelnen Teilen versteht man den Text, selbst wenn man kein Wort Japanisch beherrscht, denn er ist mit den Namen international bekannter Velo- und Zubehörhersteller durchsetzt. Alles in allem: eine schöne Hommage an den Radsport.

Nasu – Sommer in Andalusien

Originaltitel: Nasu – Andalusia no Natsu, Japan 2003
Regie: Kitaro Kosaka, Atsushi Takahashi
Originalautor/Manga: Lou Kuroda
Drehbuch: Kitaro Kosaka
Character Design: Kitaro Kosaka
Künstlerische Leitung: Naoya Tanaka
Musik: Toshiyuki Honda
Kamera: Katsuyoshi Kishi, Hisao Shirai
Schnitt: Takeshi Seyama
Produzent: Masao Maruyama, Tamotsu Shiina
Produktion: Studio Madhouse







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