Stadtverkehr: Auge um Auge
Velofahrer René Bortolani über die Gefahren und Freuden des Befahrens von Einbahnstrassen.
Ich fahre mit dem Velo durch eine Einbahnstrasse – legal. Ausgenommen
vom Verbot sind Velofahrer. Die Strasse ist eng, es herrscht Verkehr.
Ich fahre nahe an parkierten Autos vorbei, um mich vor den
entgegenkommenden Automobilisten zu schützen.
Einige bremsen ab, halten ihre Fahrspur und weichen sogar aus. Sie sind
sichtlich bemüht, Rücksicht auf Velofahrerinnen und Velofahrer zu
nehmen. Sie signalisieren mit ihrer Fahrweise: «Kein Problem, wir
kommen gut aneinander vorbei.» Andere suchen die Konfrontation, indem
sie Stärke demonstrieren: Sie rücken, Gas gebend, gegen die
Strassenmitte und brausen einen halben Meter an mir vorbei. Ein
Schlenker meiner- oder ihrerseits könnte verhängnisvolle Folgen haben?–
für mich. Diese Automobilisten drücken mit ihrem Verhalten Missfallen
und Ärger aus: «Wieder so ein Velorowdy, der durch eine Einbahnstrasse
fährt.» Und einer von ihnen lässt sogar das Fenster herunter und
schreit mich wütend an: «Einbahnstrasse!»
Ich wähle die männliche Form bewusst. Denn ohne Zweifel verhalten sich
Automobilistinnen Velofahrern und Fussgängern gegenüber
rücksichtsvoller. Sie sind vorsichtiger; sie wollen nichts riskieren
und niemanden gefährden.
Das Profil der Machofahrer zu ergründen, ist nicht einfach. Sind sie
jung oder alt? Fahren sie kleine oder grosse Autos? Die Erfahrung
lehrt: Das Alter ist kein Kriterium, wohl aber die Grösse der
Fahrzeuge. Offroader mit breiten Felgen beanspruchen zugegebenermassen
mehr Platz als ein Mini oder ein Smart. Nur: Warum leiten manche Fahrer
grosser Wagen davon ab, dass sie deswegen einen besonderen Anspruch auf
die Strasse haben?
Vor ihnen muss sich die Velofahrerin oder der Velofahrer hüten, auch
wenn das Radfahren gegen die Einbahn sich als «voller Erfolg»
herausgestellt habe, wie ich in einer Zeitung lese. Einer der Gründe:
«Die Verkehrsteilnehmer können einander sehen und das Verhalten
aufeinander abstimmen.»
Auge in Auge in freundlicher Absicht statt Auge um Auge als
Kriegserklärung – das würde das Verhältnis zwischen Automobilisten und
Velofahrern in der Tat entspannen.
René Bortolani war Chefredaktor von Zeitschriften wie
«Annabelle», «Tages-Anzeiger-Magazin» und «Schweizer Illustrierte». Er
ist als Berater für Kommunikation und Medienarbeit, Sprach- und
Schreibcoach sowie als Dozent tätig. Sein bevorzugtes Verkehrsmittel
ist das Velo.